James Michener ist berühmt-berüchtigt dafür, seine monumentalen, multigenerationalen Historienwälzer mit der Geologie und der Tierwelt beginnen zu lassen. Im ersten Buch, das ich von ihm las, „Texas“ war das allerdings nicht so, es setzte erst im 16. Jahrhundert ein. Umso neugieriger war ich auf die ersten Kapitel von „Centennial“, dessen erste Kapitel sich tatsächlich mit der frühesten Urgeschichte, Dinosauriern und späteren Tierarten, etwa Pferden und Büffeln befassen und sich bis zur ersten Besiedelung durch Menschen hangeln. Überrascht stellte ich fest: Mir gefielen diese Kapitel, ich fand sie gar nicht langweilig! Wobei insbesondere die Beschreibungen der Dinosaurier hoffnungslos veraltet sind und deutlich machen, wie alt das Buch inzwischen eben doch ist. Ganz modern gibt sich Michener hingegen, wenn es um die ersten Menschen geht, er kann sich sehr gut vorstellen, dass die Clovis-Kultur nicht die erste amerikanische war und dass bereits vor 28.000 oder gar 40.000 Menschen nach Amerika einwanderten. Einzig der Beweise fehle. Ein bisschen enttäuscht war ich, dass die Passage über die ersten menschlichen Bewohner so knapp ausfiel. Da hatte ich mir mehr erhofft. Auch springt er nun bald ins 17. Jahrhundert und zu den Arapaho-Indianern und ihren Feinden, den Ute, Comanchen und Pawnee. Hier lässt Michener auch den Urahn vieler später folgender Charaktere aufreten: Lame Beaver. Bald kommt es zu Kontakt mit den ersten Einwanderern aus Europa, zunächst mit den beiden Trappern Pasquinel und Alexander McKeag. Nun folgt die Vermischung mit geschriebener Geschichte, Michener erzählt von den Konflikten zwischen Indianern und Europäern anhand eigener Personen und Ereignissen, die tatsächlichen Begebenheiten nachempfunden sind. Das Massaker, des US-Militärs an den Indianern etwa basiert auf dem Sand Creek-Massaker. Im Gegensatz zu meinem Lesebuddy fand ich auch das Kapitel über die Zusammenkunft des Militärs mit den verschiedenen Indianerstämmen interessant. Mehr als in Texas wird deutlich, wie schamlos die Indianer betrogen wurden und beinahe vernichtet wurden. Die Darstellung der Ureinwohner ist jedoch ausgewogen, über manche der geschilderten Bräuche war ich doch schockiert. Anhand des Mennoniten Levi Zendt schildert Michener eine typische Besiedelungsgeschichte für den Westen der USA. Weiterhin geht es um Rinder- und Schafzucht und schließlich um den Trockenfeldbau, der verheerende Auswirkungen auf die Umwelt und für die Farmer hatte und zum Phänomen der Dust Bowl führte. Die Geschichte der Farmerfamilie Grebe ist entsprechend erschütternd. Ein seltsam aus dem Rahmen fallendes Kapitel ist „The Crime“, ein kleiner Kriminalfall um die Wendell-Familie, die neu ist in Centennial. Insgesamt gefiel mir „Centennial“ um einiges besser als „Texas“, das eine relativ ausladende Rahmenhandlung hat. Auch Centennial hat eine solche in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung, die jedoch sehr viel geringer ausfällt und kaum stört. Insgesamt wirkt „Centennial“ als Roman runder, harmonischer. Auch die Charaktere taugen eher als Identifikationsfiguren, besondere Lieblinge für mich waren Levy und Elly Zendt sowie Charlotte Buckland. Von den Geologie- und Naturkapiteln sollte man sich nicht abschrecken lassen, diese sind kurzweiliger als man vermutet. „Texas“ hat mir zwar auch gefallen, aber als Einstieg in Michener würde ich „Centennial“ eher empfehlen.
28. Sept.Sep 28, 2022
Centennialby James A MichenerRandom House Publishing Group
