27. Juni
Rating:4

Im zweiten Teil der Gormenghast-Reihe steht wieder das labyrinthische Anwesen der Familie Groan im Mittelpunkt. Es gibt ein Wiedersehen mit vielen bekannten Schlossbewohnern aus dem ersten Teil, doch hier rückt vor allem das Leben des heranwachsenden Titus in den Fokus, der – je älter er wird – immer mehr aus dem ritualisierten Alltag ausbrechen möchte. Doch auch Steerpike lebt noch immer auf Gormenghast und spinnt weiterhin seine Intrigen, bis es schließlich zum großen Showdown zwischen den beiden kommt. Dieser Teil ist wieder gewohnt skurril und düster wie „Der junge Titus“. Doch die Aufmerksamkeit rückt ein wenig weg von der Familie Groan und den Ritualen, hin zur Entwicklung von Titus und dem Schulalltag im Schloss. Ein großer Teil des Romans widmet sich den Lehrern rund um Direktor Bellgrove. Schließlich bahnt sich sogar eine kleine (urkomische) Liebesgeschichte an.. Je älter Titus wird, desto weniger will er in das gewohnte Leben von Gormenghast passen und bricht immer wieder – im wahrsten Sinne des Wortes - aus dem Alltag aus. Was mir daran gut gefiel ist, dass der Leser so auch erfährt, was sich außerhalb des Schlosses im Gormengwald befindet. Steerpike hingegen ist noch immer Teil des Schlosses und ihm gelingt es durch seine Intrigen und seine Morde immer mehr Macht zu erlangen. Mervyn Peake ist hier eine wortgewaltige Fortsetzung gelungen, in denen er wieder einmal Situationen und Charaktere so grotesk überzeichnet, dass sich zwangsläufig urkomische Szenen ergeben. Doch durch diese haarkleine Schilderung wurde mir auch in manchen Situationen richtig übel und dann war ich war wieder zu Tränen gerührt, denn so skurril die Bewohner doch alle auf ihre Art sind, viele sind einem wirklich ans Herz gewachsen, weshalb ich spätestens beim großen Showdown am Schluss fix und fertig mit den Nerven war. Durch Titus werden auch alle anderen menschlicher, es ergeben sich wirklich rührende Szenen, wenn sich zum Beispiel Bellgrove und Dr. Prunesquallor zu Titus auf den Boden setzen, um mit ihm mit Murmeln zu spielen. Eine Szene, die ich mir so nicht im ersten Band vorstellen könnte. Auch die sonst so eigensinnige Fuchsia entwickelt eine große Liebe zu ihrem Bruder, weshalb ich zum Schluss so sehr mit ihnen mitgefiebert und -gelitten habe. Mein einziger Kritikpunkt: Was mir am ersten Teil so gefiel war, dass vor allem das Schloss als eine Art Protagonist im Mittelpunkt steht, das durch seine schrägen Bewohner regelrecht lebendig wird. Im zweiten Teil geht dies etwas verloren, was für mich auch ein wenig vom Charme einbüßt. Übrigens, der Leser wird direkt wieder mitten ins Geschehen geworfen und ich würde daher unbedingt empfehlen, vorher den ersten Teil zu lesen. Sonst wird man sich reichlich verloren fühlen, unter den merkwürdigen Geschehnissen und Bewohnern.

Gormenghast
Gormenghastby Mervyn PeakeVintage Publishing