29. Juli

Wer glaubt, dass die Fantasie ein aussterbendes Relikt ist, dem sei Emily Hawkins' "Das große Handbuch der magischen Tiere" ans Herz gelegt. Dieses Buch ist nichts weniger als ein modernes Bestiarium, ein prächtiges Kompendium mythischer Kreaturen, das zugleich als Hommage an die kulturelle Vielfalt der Menschheit gelesen werden kann. Doch ist es auch ein gutes Buch? Nun, lassen wir uns den Fall untersuchen. Emily Hawkins wählt einen cleveren erzählerischen Kniff, indem sie dich in die 1920er Jahre zurückversetzt. Als Herausgeber des Notizbuchs des fiktiven Zoologen Dr. Dimitros Pagonis begleitet man dessen Expedition, die zusammen mit der jungen Artemis Matsouka unternommen wird. Ein Setting, das zugleich nostalgisch und abenteuerlich wirkt, ohne je ins Klischeehafte abzudriften. Briefe und Tagebucheinträge verleihen der Geschichte einen Hauch von Intimität und wecken Erinnerungen an große Entdeckungsreisen vergangener Zeiten. Hawkins gelingt es, diese fiktive Welt so glaubhaft zu gestalten, dass du am Ende fast an die Existenz dieser Wesen glauben möchtest. Besonders hervorzuheben ist die kulturelle Breite des Buches. Statt sich allein auf die klassischen europäischen Mythen zu stürzen, durchstreift Hawkins mit großem Geschick und Respekt die ganze Welt. Ob das Karfunkeltier aus Lateinamerika, die Legenden der Māori aus Neuseeland oder die Fabelwesen der Zulu und Xhosa in Afrika – Hawkins beweist einen beeindruckenden Blick für die Vielfalt der globalen Mythenlandschaft. Gleichzeitig verfällt sie nicht der Versuchung, mit überbordendem Detailreichtum zu langweilen, sondern präsentiert eine klug dosierte Auswahl. Doch lasst mich einen Moment innehalten und die wahre Heldin dieses Buches ehren: Jessica Roux, deren Illustrationen die beschworenen Wesen mit solch künstlerischer Präzision und Lebendigkeit zum Leben erwecken, dass man glauben könnte, sie könnten jeden Moment aus den Seiten heraustreten. Es ist diese Symbiose aus Text und Bild, die das Werk so besonders macht. Man spürt auf jeder Seite, wie sehr sich Autorin und Illustratorin in ihrem Streben nach Perfektion gegenseitig beflügelt haben. Die Mischung aus wissenschaftlich anmutender Klassifikation – Habitat, Verhalten, Ernährung – und der spielerischen Erzählweise erzeugt eine Spannung, die sowohl Kinder als auch Erwachsene zu begeistern vermag. Hawkins bewegt sich geschickt zwischen den Genres, ohne jemals den roten Faden zu verlieren. Ihre Texte sind zugänglich, ohne banal zu wirken, und lassen Raum für die kindliche Freude am Staunen wie auch für die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Symbolik der Mythen. Ist "Das große Handbuch der magischen Tiere" also eine literarische Sensation? Nicht ganz. Ein gewisser Hang zur idealisierten Darstellung mag manchen stören, und die narrative Rahmung, so charmant sie auch ist, wirkt stellenweise etwas konstruiert. Doch dies sind kleine Makel in einem ansonsten herausragenden Werk, das über 68 Seiten hinweg mitreißt und verzaubert. Ein Buch, das man besitzen möchte, nicht nur wegen seines Inhalts, sondern auch wegen seines ästhetischen Werts. Kauf es – für dich selbst, für deine Kinder oder für alle, die daran erinnert werden sollen, dass die Fantasie noch lange nicht ausgedient hat.

A Natural History of Magical Beasts
A Natural History of Magical Beastsby Emily HawkinsQuarto
19. Nov.
Magische Tierwelt von allen Kontinenten
Rating:5

Magische Tierwelt von allen Kontinenten

Der Leser begleitet Dimitros und Artemis auf ihrer Suche nach magischen Wesen. Dabei erfährt man so einiges über diese Tiere, ihre Maße, ihr Gewicht, Essgewohnheiten und ihr Vorkommen. Es wird bei Europa angefangen und man schlägt sich von Kontinent zu Kontinent durch. Viele magische Wesen kennt man, jedoch lernt man auch ganz unbekannte kennen, wie die im afrikanischen Raum. Vor dem Buch kannte ich keine Aziza oder Grootslang. Jetzt kenne ich einige neue und bin echt begeistert und fasziniert. Auf den Seiten verfolgen wir die Reise durch Tagebucheinträge von Artemis, die spannend und verständlich geschrieben sind. Die Illustrationen sind wieder eine Wucht, wie schon beim Band mit den Meerjungfrauen davor. Von meiner Tochter und mir gibt es wieder eine volle Leseempfehlung.

A Natural History of Magical Beasts
A Natural History of Magical Beastsby Emily HawkinsQuarto