Ich mag die Bücher von Rachel Cusk - und so auch dieses. Wir begleiten eine Autorin auf eine Veranstaltung. Auf der Reise trifft sie immer wieder auf Personen, die ihr ihr ganzes Leben offenbaren. Ihr Redeanteil in den Gesprächen ist immer sehr gering. Auch in anderen Situationen wird ihr nicht zugehört. Es ist wahnsinnig interessant, wie durch die Erzählungen anderer Perspektiven auf die Protagonistin deutlich werden. An dem Buch hat mich besonders die spezielle Art, diese Geschichte zu erzählen, fasziniert. Gleichzeitig fand ich es nahezu belastend, dass die Protagonistin fast gar nicht zu Wort kam, alle anderen aber umso mehr auf die eingeredet haben. Ein interessantes Leseerlebnis.
Faye stolpert von einer Person in die Nächste, die wie im Monolog tiefe Einblicke in ihr Innerstes, ihre Psyche und ihre Abgründe aufzeigt. Intimer und offener, als manch einer mit seinem Therapeuten spricht. Erkenntnisse, so klar und deutlich, als hätten sie sich wie ein Wunder offenbart oder ihnen ginge jahrelange Reflexion und Aufarbeitung voraus. Sie scheint nur die Brücke zwischen menschlichen Geschichten aufzuschlagen, während sie in Interviews oder Unterhaltungen mit Kollegen und Fremden kaum oder gar nicht zu Wort kommt. Dabei sind die Geschichten ihrer Mitmenschen (größtenteils) aber keineswegs langweilig oder überheblich selbstdarstellerisch. Sie reichen von Verlustängsten, Feminismus, der Angst vor Ruhm, Literatur, Kunst, über Scheidung, (wahrscheinlich) Autismus bis hin zu tiefen Wunden und sehnlichen Wünschen. Während man von der Hauptfigur nur Fetzen von Fetzen von Fetzen erfährt, erhält man umso tiefere Einblicke in das Leben ihrer (spontanen) Begegnungen, die einen in den Bann ziehen und fesseln. Dabei beginnen sie zumeist ganz harmlos, an der Haltestation für den Bus, während der Begrüßung durch eine bekannte Person oder einen Kollegen und driften so schnell in die Intimität ab, dass man gar nicht mehr weiß, wie es dazu kam. Und genau so abrupt und im Smalltalk endet es auch wieder, sodass man trotz sanfter und harmonischer Übergänge von einem Strudel in den nächsten Treibt, so wie die Protagonistin selbst auch. Dabei beschreibt ihre Perspektive, ihre Funktion allein als Verbindungsglied zwischen all den Geschichten in passiver Rolle zu verharren und ohne viel Nachfragen so gravierende Dinge zu erfahren zu den Situationen, die ich nur allzu gut kenne und mich oft selbst darin wiederfinde. Ganz große Empfehlung!

