Das Gleichgewicht der Welt spielt im Indien der 1970er Jahre, vor allem während des von Indira Gandhi verhängten Ausnahmezustands („Emergency“) von 1975 bis 1977. In dieser Zeit wurden demokratische Rechte massiv eingeschränkt, Oppositionelle verfolgt, Zwangssterilisationen durchgeführt und große Teile der armen Bevölkerung unter dem Vorwand von Ordnung und Modernisierung brutal verdrängt. Der Roman nutzt diesen historischen Hintergrund nicht nur als Kulisse, sondern zeigt eindringlich, wie politische Gewalt bis tief in das Leben gewöhnlicher Menschen hineinwirkt. Es ist eines jener Bücher, die nicht einfach gelesen, sondern ausgehalten werden müssen. Der Roman entfaltet über seine Figuren ein Bild von Indien, das von sozialer Gewalt, Entwürdigung und permanenter existenzieller Unsicherheit geprägt ist. Besonders erschütternd ist dabei nicht nur die sichtbare Brutalität, sondern ihre völlige Normalisierung. Gewalt geschieht nicht als Ausnahmezustand, sondern als alltägliche Struktur menschlichen Zusammenlebens. Nachhaltig verstörend ist vor allem die Grausamkeit innerhalb der eigenen Familien. Kinder werden geschlagen, gedemütigt oder emotional zerstört, oft nicht aus Sadismus allein, sondern weil die Gewalt bereits tief in den Menschen selbst verankert wurde. Traumatische Erfahrungen werden weitergegeben wie ein Erbe. Viele Figuren kennen kaum etwas anderes als Härte, Anpassung und Angst. Gerade dadurch wirkt der Roman psychologisch so glaubwürdig: Die Menschen zerbrechen nicht spektakulär, sondern langsam. Ihre Traumata zeigen sich in Misstrauen, innerer Abstumpfung, Scham oder dem verzweifelten Versuch, irgendeinen Rest von Würde zu bewahren. Besonders bedrückend ist die Darstellung der sogenannten Unberührbaren. Der Roman beschreibt nicht bloß Diskriminierung, sondern eine nahezu vollständige gesellschaftliche Entmenschlichung. Die Verachtung gegenüber diesen Menschen ist so tief kollektiv verankert, dass Ausbeutung, Misshandlung und Erniedrigung als selbstverständlich erscheinen. Erschreckend ist dabei vor allem, wie offen über den „Wert“ bestimmter Menschengruppen nachgedacht wird – bis hin zu staatlichen Maßnahmen und Überlegungen, die faktisch auf systematische Vernichtung oder zumindest bewusste Inkaufnahme massenhaften Leids hinauslaufen. Der Roman zeigt dabei eindringlich, wie politische Systeme Menschen nicht nur kontrollieren, sondern ihnen ihre Menschlichkeit aberkennen können. Und dennoch ist das Buch nicht ausschließlich hoffnungslos. Gerade der Lebenswille der Protagonisten macht den Roman so eindrucksvoll. Immer wieder entwickeln sie Kreativität, Humor, Improvisation und Solidarität, obwohl die Welt sie permanent erniedrigt. Sie versuchen zu lieben, Freundschaften aufzubauen, kleine Momente von Schönheit oder Normalität zu retten. Dieses Aufbegehren gegen die völlige innere Zerstörung wirkt oft stärker als große Heldentaten. Die Figuren lassen sich brechen – aber niemals vollständig auslöschen. Genau darin liegt die eigentliche Stärke des Romans: Er zeigt den Menschen gleichzeitig als Opfer grausamer gesellschaftlicher Strukturen und als Wesen mit einer fast unfassbaren Fähigkeit zum Weiterleben. Das macht Das Gleichgewicht der Welt emotional extrem belastend, aber auch außergewöhnlich eindringlich.
Existenzialismus mit Vorbildfunktion?
Auch wenn das Buch von Rohinton Mistry, einem kanadischen Autor indischer Herkunft, irgendwann zwischen 1966 und 1984 angesiedelt ist, hat seine Szenerie mit Sicherheit bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Es handelt von Zeiten, in denen Indira Gandhi (die nicht mit Mahatma Gandhi verwandt war) in Indien zwei längere Perioden als Premierministerin amtierte. Zeiten, in denen diese versuchte, dem fortwährenden politischen und humanitären Chaos des Subkontinents Herr/Frau zu werden. In dieser Kulisse erschafft Mistry vier Protagonisten, deren teilweise schockierende Einzelschicksale sie für eine kurze, aber glückliche Zeit zusammenführen, bevor ökonomische, politische und menschliche Zwänge dazu führen, dass sich ihre Wege zum Teil wieder trennen. Das Buch ist kein Werk für Liebhaber von Happy Ends, von rosaroten Brillen oder des „Eigentlich ist doch alles gar nicht so schlimm“-Slogans. Will man das alltägliche Leben in Indien beschreiben, ist dafür auch kein Platz. Die Realität ist Existenzkampf pur, der tägliche Kampf ums nackte Überleben. Ab Geburt das permanente Bestreben, nicht in die gnadenlose Maschinerie der politischen Willkür oder der Kasten-Fehden zu geraten. Jeder für sich unter 1,4 Milliarden anderen Indern. Seine vier exemplarischen Lebensläufe baut Mistry gut auf und aus. Das gesellschaftliche Stimmungsbild ist hervorragend koloriert. Allerdings leidet der Gesamteindruck sehr stark unter seiner Liebe zu schier nicht enden wollenden Dialog-Passagen. Das ermüdet und lässt das Panoptikum an emotionalen Bildern gelegentlich verblassen. Eine Frage begleitet den Leser durch das monumentale Werk. Bei all dem Elend, bei all den Schicksalsschlägen, bei all den menschlichen Katastrophen - wo ist denn nun das Gleichgewicht bei seinen Figuren oder gar auf dieser Welt? Dazu muss man wissen, dass Rohinton Mistry der ethnischen Gruppe der Parsen angehört, die Anhänger der Lehre des Zoroastrismus sind. Der religiöse Glaube des Zoroastrismus bewertet die Schöpfung des Gottes Ahura Mazda prinzipiell erst einmal als gut. In dieser Welt ringt das Gutsein aber beständig zwischen den guten und den bösen Mächten, versucht also zwischen beidem ein Gleichgewicht zu erreichen. Beides und auch der permanente, alltägliche Kampf sind Inhalt des Lebens, das ob seines göttlichen Ursprungs genau so zu akzeptieren ist. Neben der ein oder anderen Anspielung auf den Buchtitel im Text, legt Rohinton Mistry nur an einer Stelle einem Protagonisten eine schon eher erklärende Analogie in den Mund:“ … es sei alles Teil des Lebens, dass das Geheimnis des Überlebens darin bestehe, ein Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu finden, sich auf Veränderungen einzulassen.“ Ein monumentales Werk, dass einen ein Stück weit in einer Stimmung der Erschütterung, der Hilflosigkeit und der Ausweglosigkeit zurücklässt. Oder kann die eine oder andere Figur im Roman Mistry’s mit ihrer existentialistischen Reduktion auf das Lebensminimum im Vergleich zu einer westlichen Gesellschaft mit ihrer permanenten Sinn- und Singularitätssuche auch Vorbildfunktion haben oder zumindest als relativierender Weckruf verstanden werden?
Ein intensives Buch, das lange bewegt!
Dieser Roman hat mich total gefesselt. Die Lebenswege der vier Protagonisten haben mich sehr berührt und erschüttert. Ich habe so viel vomLeben, der Kultur und der Landschaft Indiens erfahren. Der Schreibstil ist flüssig lesbar, abwechslungsreich und der Schicksal der einzelnen bewirkt, dass man keine Pause beim Lesen machen möchte. Ein Roman, den man nicht ht so leicht vergisst. LESENSWERT.
I've read 1500 book so far. This novel is still my absolute favorite. I love everything about it.
Wertvoll und tiefsinnig
Vier Menschen, vier Leben, eine Patchwork Decke. Das ist der tiefsinnigste Roman, denn ich bisher gelesen habe. Heute würde der Autor sicher an der ein oder anderen Stelle „Triggerwarnungen“ setzen. Alles in allem ergibt diese wertvolle Geschichte ein wichtiges Ganzes. Ich empfehle, es zu lesen. Und sich über das Gleichgewicht der Welt Gedanken zu machen.
Different people's lives intersect in an Indian city.
Reads like it was written for a western audience, emphasis on grim reality and suffering in poverty. But some memorable characters.
Die Geschichte, deren Handlung 1975 in Bombay während der Regierungszeit Indira Gandhis stattfindet, verknüpft die Lebenswege von vier sehr unterschiedlichen Menschen miteinander. Man erfährt viel über das Indien der damaligen Zeit, und ich muss sagen, ich habe das indische Kastensystem zum ersten Mal verstanden. Ich habe für das Buch 3,5 Monate gebraucht und musste immer Mal wieder innehalten, aber am Ende war ich froh, dass ich dran geblieben bin.
Bewegend und ein Plädoyer für Menschlichkeit!
Ich mochte dieses Buch sehr. Das Leben in Indien, Kastengesellschaft, die Rolle der Frau… Alles ist drin . Die Charaktere sind glaubwürdig und man leidet oder freut sich mit ihnen . Und nebenbei lernt man viel über das gesellschaftliche Leben und die realen Probleme in dem hier beschriebenen indischen Stadtviertel. Auch der Humor kommt nicht zu kurz und gefiel mir. Ein schön sehr erzählter Roman!

Ein mitreißendes und bewegendes Buch, das verschiedene Schicksale im indischen Ausnahmezustand ab 1975 verwebt. Wer einen entspannten Roman erwartet, ist bei diesem Buch nicht richtig. Wer sich allerdings mit den damaligen politischen und kulturellen Begebenheiten Indiens auseinandersetzen möchte liegt mit diesem Werk richtig. Sehr lesenswert und doch brauchte ich hin und wieder eine Pause von den sehr dramatischen Schicksalsschlägen, die die Charaktere durchleben.
Tolle Charaktere!!
Dieses Buch ist ein absolutes Hilight. Die vielen Schwierigkeiten, die jeder der Protagonisten erlebt, gingen mir sehr nah. Es ist echt traurig und grausam. Auch die Nebencharaktere haben mir viele neue Informationen über das Leben und die Politik in Indien beigebracht. Das Buch regt sehr zum Nachdenken an und reißt einen voll mit. Trotz des ganzen Elends der Protagonisten, hat das Buch auch schöne Momente, nämlich die Freundschaft, das Vertrauen und das Gefühl einer famileren Wärme. Durch das Buch wurde mir bewusst, wie schwierig das Leben in Indien während des Ausnahmezustands war und auch wie viele Probleme es durch das Kastensystem gibt. Ein sehr lehrreiches, mitfühlendes Buch. Volle 5 Sterne und einen großes Dank für diesen bewegenden und lehrreichen Roman
Zitat: »Man muss ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten.« Er hielt inne und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. »Ja«, wiederholte er, »letztendlich ist alles eine Frage des Gleichgewichts.« Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich in meiner Rezension zu diesem Buch schreiben könnte - diesem monumentalen Epos, das seine enorme emotionale Wucht gerade dadurch entfaltet, dass es den Blick nicht nur auf die dramatischen Ereignisse, sondern auch auf die kleinsten Dinge richtet. Die feinen Nuancen. Das Nichtgesagte. Die Zwischentöne. Mal ist das Buch ein farbenfrohes Spektakel, dann wieder eine zarte Szenerie leiser Philosophie. Manchmal war ich schockiert von der gnadenlos geschilderten Gewalt und dem Elend, dann wieder musste ich lachen, und mehr als einmal standen mir die Tränen in den Augen. Sei gewarnt, Leser: dies ist kein Buch, das beschönigt, und es ist auch kein Buch für erzwungene Happy Ends. Und dennoch ist es ein Buch, das verzaubert und bereichert. Das Indien, dass Rohinton Mistry hier zum Leben erweckt, wirkte auch mich oft wie eine gänzlich fremde Welt, manchmal fast schon bizarr in ihrer Andersartigkeit. Aber dann stutzt man und erkennt sich auf einmal wieder in den Menschen, die diese Welt bevölkern. Denn deren Wünsche, Träume und Hoffnungen mögen zwar herzzerreißend bescheiden sein, aber dennoch vertraut. In meinen Augen ist dem Autor nichts Geringeres gelungen, als das ureigenste Wesen des Menschen auf Papier zu bannen. Was ist Schmerz? Was ist Trauer? Was ist Ungerechtigkeit? Gerade wenn man als Leser glaubt, man könnte nicht mehr ertragen, stellen sich neue Fragen. Was ist Glück? Was ist Freundschaft? Was ist Hilfsbereitschaft? Das Gleichgewicht der Welt. Der Autor belehrt den Leser nicht, sondern lässt ihn die Antworten selber entdecken. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen vier Charaktere an der unsicheren Grenze zwischen Armut und vollkommener Verelendung. Die Augen der Witwe Dina Dalal werden langsam zu schwach zum Nähen, aber ihr Stolz erlaubt es ihr nicht, ihren wohlhabenden Bruder um Hilfe zu bitten. Daher bringt sie in ihrer winzigen Wohnung nicht nur den jungen Studenten Maneck als zahlenden Gast unter, sondern richtet auch eine Werkstatt für zwei Schneider ein, die in ihrem Auftrag nähen - den optimistischen Ishvar und seinen wütenden Neffen Om. Herrscht am Anfang noch gegenseitiges Misstrauen, wächst die ungleiche Zweckgemeinschaft doch schnell zusammen zu einer Art Familie, die gemeinsam den turbulenten Zeiten trotzt. Der Autor beschreibt seine Charaktere so lebendig und glaubhaft, dass man einfach mit ihnen mithoffen und mitleiden muss. Er zeigt an ihnen das ganze Elend der niederen Kasten, aber sie verkommen dabei nicht zu Stereotypen. Kein Charakter ist nur böse oder nur gut, egal wie extrem manche auf den ersten Blick erscheinen. Mitgefühl und Hilfe kommen oft aus der unerwartetsten Ecke, und manchmal stellt man fest, dass schreckliche Dinge nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Hilflosigkeit oder Angst geschehen. Ich war sehr beeindruckt davon, was für ein lebendiges Bild vom Indien dieser Zeit das Buch zeichnet, von seiner Politik und seinen gesellschaftlichen Umstürzen. Man kann viel daraus lernen, und dennoch ist es kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine originelle, mitreißende Geschichte, deren Sog ich mich nicht entziehen konnte. Für mich ist es allerdings kein Buch, das man schnell nebenher lesen kann! Man muss jedem Kapitel genug Zeit geben, man muss mitdenken und mitfühlen, sonst betrügt man sich selbst um ein Leseerlebnis, das lange nachhallt. Außerdem braucht man ab und zu einfach eine Verschnaufpause, denn immer wenn man denkt, jetzt kann es für unsere Helden doch unmöglich noch schlimmer kommen, kommt es schlimmer. Und dennoch will man weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen... Zumindest ging es mir so. Der Schreibstil strotzt nur so vor Atmosphäre und ist mal wortgewaltig, mal leise. Er beherrscht die volle Bandbreite der Emotionen, von schwärzester Verzweiflung bis hin zu augenzwinkerndem Humor. Einfach wunderbar, und auch die Übersetzung erschien mir sehr gelungen. Fazit: Was für ein unglaubliches Epos... Auf 864 Seiten beschwört Rohinton Mistry das Bild einer Welt herauf, die uns gänzlich fremd ist und uns dennoch den Spiegel vorhält: Indien im Jahr 1975, mit all seinen Unruhen und Umstürzen. Zwei Schneider aus der niedersten Kaste, ein junger Student und eine verzweifelte Witwe werden von ihrer jeweiligen Notsituation zu einer widerwilligen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft gemacht, und der Leser verfolgt mit angehaltenem Atem, wie sie in den darauffolgenden Jahren vom Schicksal gebeutelt werden. Das Buch macht es einem nicht leicht. Meines Erachtens sollte man mit der Erwartung an die Geschichte herangehen, dass sie einem immer mal wieder auf grausamste Weise das Leserherz brechen wird, denn der Autor ist gnadenlos gegenüber seinen Charakteren. Aber es ist dennoch ein lohnendes Leseerlebnis, das ich kein bisschen bereue und das ich auch weiterempfehlen würde! Manchmal sind die bewegendsten Bücher die, die auch ein bisschen wehtun.











