28. Sept.
Rating:5

New York 1746. Kaum hat der junge Mr Smith das Schiff verlassen, das ihn nach Amerika gebracht hat, als er auch schon zum Kontor der Firma Lovell & Company auf dem Golden Hill hastet. Er hat einen Wechsel über 1.738 Pfund und will ihn einlösen. Das bringt den Firmeninhaber in beträchtliche Schwierigkeiten, ist doch Bargeld immer knapp in der Kolonie. Er zahlt ihm also erst einmal so viel aus wie möglich und vertröstet ihn für den Rest auf später. Doch wer ist dieser junge Kerl aus England und woher hat er einen Wechsel über einen solchen Betrag? Ist der Bursche am Ende ein Ganove? Lovell beschließt, das nächste Schiff abzuwarten, mit dem die Bestätigung der Echtheit des Wechsels eintreffen soll. Währenddessen versucht Smith, sich in der kleinen, nur wenige Tausend Einwohner umfassenden Stadt zurechtzufinden. „Golden Hill“ ist der Debütroman des britischen Autors Francis Spufford, der bis dahin nur Sachliteratur verfasst hatte. Und was ist das für ein Gewinn für die Literatur und für den historischen Roman! Vom ersten Satz an konnte Spufford mich mit seinem Schreibstil, seiner Sprache begeistern. Dieser erste Satz ist etwas zu lang zum Zitieren, hier daher ein anderes Beispiel: „That sky! The fiery glare blanked out the stars, but the very hugeness and extremity of the blaze made the far greater hugeness of the night more palpable, as the sparks recoiled defeated. New-York had gathered to ignite its biggest signal of assertion and wrath, and the intensity of the light and heat only seemed to reveal, for once at its true scale, the immense darknes of the continent at whose edge the little city perched – from this one pinpoint of defiant flame, the thousands upon thousands of miles of night unrolling westwards.“ (Seite 81) Spufford variiert seinen Stil in den Kapiteln meisterhaft, mal verspielt, mal gehetzt und atemberaubend, es macht einfach Riesenspaß, dieses Buch zu lesen. Auch einige wirklich nicht zu erahnende Überraschungen hält der Autor für uns parat. Auf Seite 244 führt er dann plötzlich eine Erzähler*in ein, der/die sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie an seine Leser*innen gewandt hat: „I do not want to write this part of the story, and am quibbling to hesitate.“ Um wen es sich dabei handelt, erfahren wir erst am Schluss. Smith als Charakter bleibt zunächst undurchsichtig, ich habe lange gezweifelt: Ist er echt oder tatsächlich ein Gauner? Im Laufe der Geschichte erweist er sich unabhängig davon immer wieder als Unglücksrabe, zuallererst wird er mal ausgeraubt, was jedoch noch das mindeste der Probleme ist, die ihn erwarten. Das soll jedoch nicht heißen, dass alles schiefläuft für ihn. Es gibt auch einige sehr interessante und vielschichtige Nebencharaktere, insbesondere Lovells Tochter Tabitha. Und dann ist da noch der Aspekt, der den Roman für mich endgültig zu einem 5-Sterne-Buch macht: die bis ins Detail recherchierte Darstellung New Yorks im 18. Jahrhundert kurz vor der amerikanischen Revolution, das Panorama eines größeren Dorfes, das angesichts dessen, wie wir New York heute kennen, wahnsinnig faszinierend ist. Ein großartiger historischer Roman, der auf viele weitere Bücher von Francis Spufford hoffen lässt.

Golden Hill
Golden Hillby Francis SpuffordFaber & Faber