Uff, das war heftig. Ich habe fast zwei Monate an diesen ~530 Seiten gelesen. Es war keine leichte Lektüre. Åsne Seierstad zeichnet in "One of Us" die Geschichte des Massenmords in Oslo und Utøya vom 22. Juli 2011 nach. So. detailliert, so krass recherchiert. Ich war zunächst skeptisch, hatte Angst, dass es eine Art Sensations-heischendes True Crime Protokoll sein würde oder ein typisches Porträt eines Massenmörders, voller Schauer und Geniekult. "One of Us" ist zum Glück nichts dergleichen. Denn auch wenn das Leben von Anders Behring Breivik von seiner Kindheit an beleuchtet und seine Entwicklung zum rechtsextremen Attentäter intensiv beschrieben wird, fehlt dem Buch jede Form von Pathos. Breivik ist weder "Monster" noch armes, missverstandenes Opfer. Er ist facettenreich, menschlich eben, ohne dass jemals Sympathie für ihn aufkommt. Das wichtigste aber, was das das Buch für mich so lesenswert gemacht hat, sind die Geschichten der Opfer und ihrer Familien. Breivik hat 77 Menschen an einem Tag getötet, viele von ihnen minderjährig. Jeder einzelne dieser Menschen hätte eine eigene Geschichte, ein eigenes Buch verdient. Åsne Seierstad hat es geschafft, die Geschichten von drei Opferfamilien in den Mittelpunkt des Buches zu stellen. Ihr Leben und das ihrer getöteten Kinder bzw Geschwister nimmt mindestens so viel, wenn nicht mehr Raum ein, als das Leben ihres Mörders. So können Leser*innen niemals vergessen, worum es in dieser Geschichte geht. Die Geschichte vom 22. Juli 2011 ist aber auch eine Geschichte des Staatsversagens, der Fehleinschätzung und des Fehlverhaltens der Polizei. Niemand außer dem Täter wurde für die 77 Morde je zur Rechenschaft gezogen. In "One of Us" wird minutiös dargelegt, wie viele Fehler in den drei Stunden zwischen der Detonation der Bombe in Oslo und der Festnahme von Breivik auf Utøya gemacht wurden. Ich weiß noch ganz genau, wo ich war, als ich das erste Mal von dem Massaker im Radio hörte. Vieles hat sich damals für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Das Buch von Åsne Seierstad hat jetzt irgendwie eine Art Abschluss für mich ermöglicht. Auch wenn ich natürlich nicht vergesse, dass unzählige Leute da draußen sind, die Breivik bis heute verehren. Rechter Terror ist leider keine Anekdote der Vergangenheit.
13. MärzMar 13, 2025
One of Us: The Story of Anders Breivik and the Massacre in Norwayby Asne SeierstadFarrar Straus Giroux
