
„Ein Schiff ist ein Traum voll Geflüster“
Doktor Silas Coade erwacht aus unschönen Träumen an Bord des Segelschiffes Demeter, auf einer Expedition in die Arktis. Das Ziel: Ein mysteriöses Bauwerk studieren, dass Wissenschaftlern und Entdeckern gleichermaßen Rätsel aufgibt. Doch es gibt eine tragische Wendung der Ereignisse. Zum Glück ist das nur ein unschöner Traum, aus dem Doktor Silas Coade an Bord des Dampfschiffes Demeter auf Expedition zum Südpol aufwacht… oder war es doch das Raumschiff Demeter, auf dem Weg zum Jupiter? Mit seinem Science-Fiction Roman „Eversion“ (zu deutsch aus unerfindlichen Gründen mit dem Titel „Das Schiff der flüsternden Träume“) spielt Alastair Reynolds meisterlich mit Fiktionen, Lügen und übereinandergestapelten Realitäten. Lange lässt er den Leser hilflos im Dunklen herumtappen, ebenso wie seinen einigermaßen hilflosen, verwirrten Protagonisten, der sein Bestes gibt, aus den verschiedenen Erinnerungen in seinem Kopf ein großes Ganzes zu basteln – mit mäßigem Erfolg. Oft habe ich mich beim Lesen an die leider abgebrochene und vergessene Netflix-Serie „1899“ erinnert gefühlt. Die erste Hälfte des Buches ist also extrem mysteriös und durch die Unerklärlichkeit von allerlei Ereignissen auch teilweise wirklich beklemmend, beinahe so, als würde man einen Mystery-Horror-Roman lesen. Dieses Gefühl wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass man den Science-Fiction Aspekt des Buches in diesem Teil faktisch gar nicht bemerkt. Die Handlung findet nämlich eher auf Segel-, Dampf- oder Luftschiffen statt. Futuristische Wissenschaft und Weltallreisen machen also einen eher geringen Teil dieser Geschichte aus, gewinnen aber zum Ende hin an Bedeutung. Bis dahin lässt der Autor sich aber Zeit damit, den Leser in die Geheimnisse seiner Geschichte einzuweihen. Wenn er es dann doch tut, wirkt es ein wenig so, als würde er sie direkt in den Leser hineinprügeln wollen. Der Protagonist findet in der Regel nicht selbst zu Erkenntnissen, stattdessen werden sie ihm präsentiert und er muss damit klarkommen. Im Kontext der Geschichte ergibt das zwar absolut Sinn, für den Leser kann das aber auch ein plötzlicher Spannungskiller sein, vor allem weil es mehr als einmal passiert. Der Stil dieses Buches ist dementsprechend eigen, ebenso auch die Sprache, die sich mit den verschiedenen Zeitebenen immer wieder verändert. Dieses Buch kann faszinieren und verwirren, Beklemmung auslösen und auf jeden Fall fesseln. Für ein Science-Fiction Buch ist die Handlung eher untypisch, es kommt zwar auch eine Menge (gruselig mathematisch klingende) Wissenschaft vor, aber die scheint nicht darauf ausgelegt zu sein, dass der Leser sie versteht. Auch geht es am Ende eher ums Überleben beziehungsweise darum, Frieden mit der gegebenen Situation zu schließen, als Antworten auf neugierige Fragen zu geben. Mit anderen Worten: Die Geschichte lebt von der Faszination des Unbekannten, vom Mysteriösen und Seltsamen. Vorhersehbar war nichts an der Wendung der Ereignisse und besonders das Ende des Buches war dann überraschend emotional und passend, sodass aus dieser ungewöhnlichen Geschichte doch noch ein rundes Ganzes wird, eine kuriose Mischung aus Science-Fiction, Abenteuerroman und Mystery, auch wenn gern noch ein paar Hintergründe zum wissenschaftlichen Teil hätten dabei sein können. Wer ein Buch sucht, das mit der Wahrnehmung und der Wirklichkeit spielt, das verwirrt und mit Erzählebenen jongliert (oder sie sogar verknotet), der dürfte Freude an der Reise der Demeter haben.










