
Middle England hat mich überrascht. Und zwar im besten Sinn. Coe erzählt hier nicht einfach einen Roman über den Brexit, sondern zeigt, wie tief politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen schneiden. Im Mittelpunkt steht Benjamin Trotter, ein Autor, der 30 Jahre an einem monströsen Manuskript gesessen hat. Er kürzt es schließlich auf Anraten seines Umfelds und landet damit plötzlich einen Erfolg. Genau in diesem Moment gerät er mitten in die Wirren des Brexit. Coe begleitet ihn durch diese Zeit voller Spannungen, Unsicherheiten und politischer Brüche, und man spürt, wie sehr ihn das Geschehen im Land beschäftigt und erschüttert. Besonders mochte ich die Nebenfiguren. Vor allem Charlie, ein Clown für Kindergeburtstage, dessen Lebensgeschichte völlig anders ist. Und trotzdem berührt sie Benjamins Weg auf eine merkwürdig passende Art. Diese Begegnung erweitert den Roman um eine Perspektive, die man so nicht erwartet. Auch das Thema Cancel Culture spielt eine Rolle. Coe behandelt es ohne Drama, aber mit spürbarer Reibung. Man merkt, wie schnell moralische Debatten persönliche Beziehungen sprengen können. Für mich ist Middle England weniger ein Roman über Politik als ein Roman über Menschen, die versuchen, in einer bröckelnden Welt nicht selbst den Halt zu verlieren. Er ist ehrlich, scharf beobachtet und gleichzeitig überraschend warm.
