Emotional, tiefgreifend und realistisch
Der Roman Wünschen von Chukwuebuka Ibeh ist kein leichtes Buch – und gerade darin liegt seine enorme Kraft. Es ist eine Geschichte, die nicht nur gelesen, sondern durchlebt wird. Immer wieder zwingt der Text dazu, innezuhalten, das Gelesene wirken zu lassen und den Emotionen Raum zu geben. Denn Ibeh erzählt nicht bloß von Homosexualität in Nigeria, sondern von Einsamkeit, familiärer Entfremdung, Angst und dem schmerzhaften Versuch, in einer feindseligen Welt einen Platz für sich selbst zu finden. Im Mittelpunkt steht Obiefuna, ein Junge aus Port Harcourt, der schon früh spürt, dass er anders ist als die Erwartungen seiner Umwelt. Während sein jüngerer Bruder Ekene das Bild traditioneller Männlichkeit erfüllt, ist Obiefuna ruhig, sensibel, tanzt gern und zieht sich lieber in sich selbst zurück. Besonders sein Vater empfindet dieses Anderssein als Bedrohung. Die familiäre Spannung liegt von Beginn an spürbar über der Handlung und verdichtet sich endgültig, als Obiefuna beim Austausch von Zärtlichkeiten mit dem Lehrjungen seines Vaters entdeckt wird. Die darauffolgende Gewalt, körperlich wie emotional, verändert sein Leben grundlegend. Das katholische Jungeninternat, in das Obiefuna anschließend geschickt wird, wird dabei nicht zum Ort der Läuterung, sondern zu einem weiteren Schauplatz von Gewalt, Unterdrückung und sexuellem Missbrauch. Dennoch gelingt Ibeh etwas Bemerkenswertes: Trotz aller Härte verliert der Roman nie seine Menschlichkeit. Obiefuna wird nicht als idealisierte Opferfigur dargestellt, sondern als zutiefst realistischer junger Mensch: ängstlich, zurückhaltend, manchmal passiv, manchmal widersprüchlich. Gerade diese Fehlerhaftigkeit macht ihn glaubwürdig und erschütternd nahbar. Besonders eindrucksvoll ist die Figurenzeichnung insgesamt. Die Charaktere wirken filigran und verletzlich, nie eindimensional. Uzoamaka, Obiefunas Mutter, gehört dabei zu den tragischsten Figuren des Romans. Ihre Liebe zu ihren Kindern steht in ständigem Konflikt mit ihrer Ohnmacht innerhalb patriarchaler Strukturen. Zwischen Schweigen, Missverständnissen und emotionaler Distanz entsteht eine Familiengeschichte voller unterdrückter Gefühle. Viele Szenen leben gerade davon, dass das Entscheidende nie offen ausgesprochen wird. Die fehlende Kommunikation wird zu einer eigenen Form der Gewalt. Dabei bleibt der Roman stets fest in seinem gesellschaftlichen und politischen Kontext verankert. Reale Bedrohungen wie die islamistische Terrorgruppe Boko Haram oder der sogenannte Same Sex Marriage (Prohibition) Act durchziehen die Handlung nicht bloß als Hintergrundrauschen, sondern greifen direkt in das Leben der Figuren ein. Das 2014 verabschiedete Gesetz kriminalisiert gleichgeschlechtliche Beziehungen in Nigeria bis heute mit Haftstrafen von bis zu 14 Jahren; in einigen Regionen mit Scharia-Recht drohen sogar extremere Strafen. Ibeh macht dadurch deutlich, dass Obiefunas Angst keine abstrakte oder individuelle Tragödie ist, sondern gesellschaftlich produziert wird. Gerade deshalb entfaltet Wünschen eine so nachhaltige emotionale Wirkung. Der Roman verzichtet auf Pathos oder einfache Botschaften. Stattdessen zeigt er die schleichenden Verletzungen eines Menschen, der permanent lernen muss, sich selbst zu verstecken. Viele Momente sind von einer stillen Traurigkeit geprägt, die umso stärker trifft, weil sie so nüchtern erzählt werden. Mehr als einmal entsteht beim Lesen das Bedürfnis, um die Figuren und ihre Geschichte zu weinen. Wünschen ist damit weit mehr als ein Coming-of-Age-Roman. Es ist ein sensibles, schmerzhaft ehrliches Porträt eines jungen Mannes und zugleich eine Anklage gegen gesellschaftliche Strukturen, die Menschen ihre Würde und Sicherheit verweigern. Chukwuebuka Ibeh gelingt ein beeindruckendes literarisches Debüt, das lange nachhallt – leise, bitter und zutiefst menschlich.




























