Eine schonungslose Kapitalismuskritik und auch heute noch erschreckend aktuell
Für mich war "Früchte des Zorns" das zweite, absolute Jahreshighlight. Wir begleiten die Farmerfamilie Joad in den 1930er-Jahren, welche aus wirtschaftlichen (Folgen der Großen Depression) und ökologischen Gründen (Großen Dürre, Dust Bowl) ihre Farm in Oklahoma verliert und als Wanderarbeiter nach Kalifornien zieht. Der Schreibstil ist gut lesbar und schafft sowohl eine präzise, atmosphärisch dichte Beschreibung der Lage, als auch durch die Dialoge (und die Übersetzung) eine glaubwürdige Darstellung der Protagonisten. Der Roman ist sicher ein Werk, bei dem sich das Lesen im Original besonders lohnen würde. Jedes Kapitel der Erzählung wird durch eine allgemeine, essayistische Einordnung der Gesellschaft dieser Zeit unterbrochen. Für mich lag die Stärke gerade darin, dass wir zwar der Familie folgen, aber Steinbeck viel mehr ein Gesamtgefühl dieser Zeit beschreibt, was beim Lesen durchaus belastend wirken kann, aber auch das unvorstellbare Ausmaß spürbar macht. Jedes Familienmitglied ist nicht nur eine beliebige Figur, sondern steht exemplarisch für die verschiedenen Reaktionen auf die Krise. Und trotz aller entstehenden Wut aufgrund des Elends steht Familie Joad auch bis zum Schluss für die Hoffnung. >> Jetzt wurde die Landwirtschaft eine Industrie, und die Landbesitzer folgten dem alten Rom, wenn sie es auch nicht wussten. Sie importierten Sklaven, obwohl sie sie nicht Sklaven nannten. << >> Und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf. [...] Und sie stehen still und [...] sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammensinken, und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, schwer und reif zur Ernte. << Dass der Roman nach Erscheinen verboten und teilweise öffentlich verbrannt wurde, wundert bei der schonungslosen Darstellung der kapitalistischen Mechanismen von wirtschaftlicher Ausbeutung, Armut, Hunger und Rassismus nicht. Dass dies wieder passieren kann, scheint auch nicht ausgeschlossen, denn das Erschreckende an "Früchte des Zorns" ist nicht dessen Unverblümtheit, sondern vielmehr dessen Aktualität. Leseempfehlung!


































