
„Sie hörte sie, als kämen sie von Menschen aus einer anderen Welt, einer Welt, die ihrer vorausgegangen war, eine Welt, die das Vorspiel, das Vorzimmer zur Realität war; es war, als sei sie gerade gestorben und hörte die Lebenden reden.“ Nacht und Tag (engl. Night and Day) stellt den zweiten Roman dar, welchen Woolf 1919 drucken ließ. Im Gegensatz zu ihren anderen Werken bedient sie sich hier einer eher traditionellen Prosa und setzt die typischen avantgardistischen Stilmittel eher akzentuiert ein - stellenweise gleicht der Duktus einer abstrakten Jane Austen. Die Erzählung umfasst die verflochtenen Beziehungen, Kalamitäten und Entscheidungen mehrere jungen Menschen, im London der Vorkriegszeit. Wie so oft polemisiert Woolf ruhig und subtil gegen die damaligen rigiden gesellschaftlichen sowie geschlechtlichen Rollenbildern, die einem von außen wie ein Korsett übergestülpt werden, welches graduierend immer enger geschnürt wird. Am Ende entledigen sich jedoch nahezu alle Figuren ihres Propriums und entwickeln den Mut, eigene Entscheidungen zu treffen, um zu ihrer individuellen Ataraxie zu gelangen. Zusätzlich wird die Korrelation zwischen der traumartigen Welt der Liebe (Nacht) und dem wahrhaften plastischen Leben mit all seinen Tücken (Tag) dargestellt. Der Roman wirkt dennoch stellenweise unnötig gestreckt und verliert sich in einigen repetitiven Phrasen, welche für ein holistisches Verständnis nicht nötig gewesen wären - diese Ecken werden jedoch durch die lyrische Diktion immer wieder abgerundet. „Das tiefe Dröhnen erfüllte ihre Ohren; das turbulente Hin und Her hatte die unbeschreibliche Faszination des Lebens selbst in all seinen Variationen, wie es ohne Unterlass strömt, mit dem einen Zweck, der ihr, während sie all dies beobachtete, als der eigentliche Zweck erschien, zu dem alles Leben erschaffen war, nämlich seiner völligen Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, das es einfach schluckte und weiterzog.“
