Klasse!
Was passiert, wenn die Natur sich von Menschen bebaute Orte zurückerobert, hatte schon immer eine unwiderstehliche Faszination für mich. Das erste Mal wurde ich damit meines Wissens in dem Sci-Fi-Klassiker "Logan's Run" (Flucht ins 23. Jahrhundert) konfrontiert, als wir ein großes Panorama des völlig von Pflanzen überwucherten Weißen Hauses präsentiert bekommen. Ähnlich faszinierte mich das, was am Ende eines anderen Sci-Fi-Klassikers, "Der Planet der Affen", zu sehen ist (ich sage nicht, was, falls es irgendjemanden gibt, der den Film noch nicht kennt). Beide Filme habe ich zum ersten Mal als Kind gesehen und gehören noch heute zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Cal Flyn nimmt sich in ihrem preisgekrönten Sachbuch solcher Orte an. Natürlich ist unsere Zivilisation (noch) nicht untergegangen. Dennoch gibt es zahlreiche Orte, die der Mensch aufgegeben hat. Oft sind sie fürchterlich verschmutzt und toxisch, etwa "Arthur Kill" in den USA, oder, was ebenfalls ein unendliches Faszinosum darstellt, die Umgebung von Tschernobyl. Andere Orte sind aufgrund eines Konflikts unbewohnt, so die Pufferzone in Zypern. Wieder andere wurden einfach verlassen, weil das Leben in ihnen sich nicht mehr lohnt, Swona in Schottland gehört dazu. Es gibt natürlich auch natürliche Gründe, warum Orte unbewohnbar werden, Vulkane, insbesondere Supervulkane, stellen hier ein großes Risiko dar. Und nicht zuletzt sorgt der menschengemachte Klimawandel gerade dafür, dass dies in Rekordzeit geschieht: "We are the meteor. We are the supervolcano. And it is becoming clear that there will be no going gack to the way things were before." (Seite 289) Allen Orten gemein ist, dass die Natur den Menschen mit ihrer Fähigkeit überrascht, selbst unter widrigsten Bedingungen Leben aufrechtzuerhalten und wieder entstehen zu lassen. Für das verseuchte Gebiet um Tschernobyl ist sogar festzustellen, dass die nukleare Katastrophe eine geringere Beeinträchtigung der Natur darstellt als die potentielle Anwesenheit des Menschen: "In other words, though the radiation does them no good, the benefit of the absence of humans in fact far outweigh the harm." (Seite 103). Was nicht heißt, dass diese Natur auch wieder für den Menschen oder alle Tierarten bewohnbar wäre. Ein krasses Beispiel die Verseuchung der Meere mit PCB: "In the Arctic, the bodies of Inuit people - those subsisting on traditional diets featuring seal and narwhal meat - have been found to contain such high concentrations of PCBs and other chemicals that they could be classified as hazardous waste." (Seite 170) Cal Flyn beschreibt aus den verschiedenen Ursachen verlassene Orte kapitelweise anhand eines Beispiels, auf das sie sich jedoch nicht beschränkt: Auch andere Orte, Effekte und verwandte Ursachen kommen zur Sprache. Immer wieder wartet Flyn dabei mit erstaunlichen, schockierenden Fakten auf, das Buch bleibt von Anfang bis Ende absolut unterhaltsam und spannend. Dass die Natur und das Leben uns überdauern werden, ist nichts Neues. Doch Cal Flyns Untersuchungen legen nahe, dass Eingriffe des Menschen bei der Wiederbelebung von Orten manchmal mehr Schaden anrichten als Gutes tun. Ein großartiges, verblüffendes und erschreckendes Sachbuch.
