Starke Idee, schwache Umsetzung
Die Geschichte spielt in einer Gesellschaft, in der Menschen nicht nur nach Gesetzen beurteilt werden, sondern vor allem nach moralischem Verhalten. Wer gegen die gesellschaftlichen Regeln verstößt oder als unmoralisch gilt, wird vom sogenannten Tribunal verurteilt und als „fehlerhaft“ gebrandmarkt. Diese Menschen tragen sichtbare Brandmarkungen am Körper und müssen sich an strenge Regeln halten. Sie verlieren ihren gesellschaftlichen Status und werden von vielen Menschen ausgegrenzt oder geächtet. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Celestine North. Sie gilt als perfektes Vorbild: höflich, intelligent, angepasst und regelkonform. Ihr Leben scheint ideal zu sein. Sie hat gute schulische Leistungen, eine angesehene Familie und einen Freund aus einflussreichen Kreisen. Besonders wichtig ist dabei, dass ihr Freund Art der Sohn des mächtigen Richters Crevan ist – jenes Mannes, der im Tribunal über Schuld und Strafe entscheidet. Doch Celestines scheinbar perfekte Welt gerät ins Wanken, als sie in einer entscheidenden Situation einem kranken Mann hilft, obwohl dies gegen die Regeln verstößt. Aus menschlichem Mitgefühl handelt sie spontan und erkennt plötzlich, dass das System keine Grauzonen kennt. Statt Verständnis erfährt sie harte Konsequenzen. Von diesem Moment an verändert sich ihr gesamtes Leben: Sie wird öffentlich gedemütigt, überwacht und als Beispiel dafür benutzt, was passiert, wenn man sich gegen die gesellschaftlichen Normen stellt. Besonders stark ist dabei die Frage, die sich durch den gesamten Roman zieht: Wer entscheidet eigentlich, was „perfekt“ oder „moralisch richtig“ ist? Cecelia Ahern zeigt eine Gesellschaft, die Menschen in Schwarz und Weiß einteilt und keinen Raum für Fehler oder Individualität lässt. Gerade diese moralischen Fragen machen den Roman interessant und regen zum Nachdenken an. Die Handlung entwickelt sich zunächst eher ruhig, nimmt aber ab der Mitte deutlich an Tempo auf. Vor allem die Gerichts- und Verfolgungsszenen sorgen für Spannung und erzeugen beim Lesen oft ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ungerechtigkeit. Viele Situationen wirken emotional intensiv und bedrückend. Gleichzeitig entsteht dadurch ein starker Lesesog, weil man unbedingt wissen möchte, wie Celestine mit der Situation umgeht und ob sie sich gegen das System behaupten kann. Trotz der spannenden Grundidee wirkt die dystopische Welt jedoch nicht immer vollständig ausgearbeitet. Einige Regeln erscheinen übertrieben oder nicht konsequent erklärt. Teilweise stellt man sich beim Lesen Fragen wie: Warum akzeptieren die Menschen dieses System so widerspruchslos? Weshalb gelten manche Vergehen als schlimmer als andere? Und warum scheint es kaum echten Widerstand zu geben? Dadurch verliert die Handlung an manchen Stellen etwas an Glaubwürdigkeit. Die Gesellschaft wird zwar als grausam dargestellt, aber ihre Entstehung und ihre Funktionsweise bleiben teilweise oberflächlich. Celestine North Celestine ist eine typische Protagonistin einer Jugenddystopie, entwickelt sich jedoch im Laufe der Geschichte positiv weiter. Zu Beginn glaubt sie fest an das System und möchte alles richtig machen. Sie ist angepasst, pflichtbewusst und versucht, moralisch korrekt zu handeln. Gerade deshalb trifft sie die Härte des Tribunals besonders stark. Im Verlauf des Romans beginnt Celestine jedoch zu erkennen, dass moralische Perfektion unmöglich ist und dass Mitgefühl wichtiger sein kann als blinder Gehorsam. Ihre Entwicklung von einer gehorsamen Jugendlichen zu jemandem, der das System hinterfragt, gehört zu den stärksten Aspekten des Buches. Ihre inneren Konflikte wirken glaubwürdig, und man kann ihre Angst, Verzweiflung und Wut gut nachvollziehen. Allerdings gibt es auch Momente, in denen ihre Gefühle oder Entscheidungen etwas plötzlich wirken. Manche emotionale Entwicklungen erscheinen nicht ganz nachvollziehbar oder werden zu schnell abgehandelt. Richter Crevan Richter Crevan ist einer der interessantesten Charaktere des Romans. Er verkörpert die kompromisslose Seite des Systems und glaubt fest daran, dass Menschen durch strenge moralische Regeln kontrolliert werden müssen. Dabei wirkt er kalt, manipulativ und teilweise erschreckend fanatisch. Besonders spannend ist, dass Crevan nicht wie ein typischer „böser“ Antagonist dargestellt wird. Stattdessen glaubt er tatsächlich daran, das Richtige zu tun. Genau das macht ihn gefährlich und zugleich faszinierend. Seine Szenen erzeugen oft eine bedrückende Atmosphäre und zeigen, wie grausam Macht werden kann, wenn sie nicht hinterfragt wird. Nebenfiguren Die Nebenfiguren bleiben insgesamt eher unterschiedlich stark ausgearbeitet. Einige Charaktere unterstützen Celestine und helfen dabei, die Grausamkeit der Gesellschaft deutlicher zu zeigen. Andere Figuren dienen hauptsächlich dazu, Konflikte zu erzeugen oder Celestines Entwicklung voranzutreiben. Besonders enttäuschend ist jedoch Arts Rolle. Obwohl er als Sohn des Richters eigentlich eine wichtige Verbindung zwischen Celestine und dem System darstellt, verschwindet er über weite Teile der Geschichte fast vollständig. Seine Beziehung zu Celestine hätte emotional viel stärker genutzt werden können. Schreibstil Cecelia Aherns Schreibstil liest sich angenehm flüssig und leicht. Gerade für Jugendliche oder Leserinnen und Leser, die gerne spannende Dystopien lesen, eignet sich das Buch sehr gut. Die Autorin schafft es, Spannung aufzubauen und emotionale Szenen intensiv wirken zu lassen. Besonders gelungen sind die bedrückenden und ungerechten Situationen, die beim Lesen teilweise Wut oder Hilflosigkeit auslösen. Viele Szenen sind so geschrieben, dass man emotional mit Celestine mitfiebert und das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Gleichzeitig merkt man jedoch, dass dies Aherns erster größerer Ausflug in das dystopische Genre ist. Das Worldbuilding bleibt stellenweise zu oberflächlich, und manche gesellschaftlichen Strukturen werden nicht tief genug erklärt. Auch einige emotionale Entwicklungen wirken etwas dramatisch oder plötzlich. Fazit Flawed: Wie perfekt willst du sein? ist eine spannende und emotionale Jugenddystopie mit einer interessanten Grundidee und wichtigen gesellschaftlichen Fragen. Besonders die Themen Moral, gesellschaftlicher Druck und der Umgang mit Fehlern machen den Roman lesenswert. Die Geschichte schafft es, Spannung und emotionale Intensität aufzubauen, sodass man schnell mit der Protagonistin mitfiebert. Allerdings hat das Buch auch einige Schwächen. Die dystopische Welt wirkt nicht immer vollständig durchdacht, manche Regeln erscheinen wenig glaubwürdig und einige Figuren bleiben zu oberflächlich. Gerade im Vergleich zu anderen bekannten Dystopien fehlt dem Roman stellenweise die Tiefe und Originalität. Trotzdem bietet Flawed eine unterhaltsame Geschichte mit vielen spannenden Momenten und einem offenen Ende, das neugierig auf die Fortsetzung macht. 3 von 5 Sternen!


























































