Spiel auf vielen Trommeln

Spiel auf vielen Trommeln

Hardback
4.34
GroßstadtMusikIdentität

By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.

Description

Wie verhalten sich Menschen, wenn Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden, wenn Gewohnheiten verloren gehen? Den Menschen in den hier versammelten Erzählungen passiert genau das: sie sehen sich völlig neuen Situationen ausgeliefert, die sie zwingen, sich neu definieren und sich Fragen nach den Bedingungen von Existenz und Individualität zu stellen. Einigen gelingt es, sich neu zu definieren, andere drohen abzugleiten und sich zu verlieren. Da ist der Schriftsteller Samborski, der sich plötzlich seinem Alter Ego gegenüber sieht, einem Phantom, das fortan nicht mehr von seiner Seite weicht, das an seinem Schreibtisch sitzt, seinen Papieren Notizen hinzufügt und im Kaffeehaus mit jungen Menschen über seine Literatur diskutiert, während S. selbst mehr und mehr zu verschwinden scheint. Oder die Ich-Erzählerin der Titelgeschichte, die vorübergehend in einer fremden Großstadt lebt. Dort bricht sie aus der Eintönigkeit ihres Alltags aus, schließt sich den Bewohnern einer Wagenburg an und gerät zunehmend in einen Prozess der Selbstentfremdung, der sie wechselnde Identitäten annehmen lässt: Als Girlie in schweren Boots treibt sie sich in Discos rum und liest Artikel über Britney Spears, als Türkin sitzt sie mit der Großfamilie im stickigen Wohnzimmer, als Geschäftsmann steigt sie in Hotels ab und hinterläßt im Waschbecken Spuren von Rasierschaum. Das „Spiel auf vielen Trommeln“, das als unaufhörlicher Soundtrack aus der Wagenburg aufsteigt, wird zum Sinnbild für die verwirrende Vielschichtigkeit der Seinsformen.

Book Information

Main Genre
Historical Novels
Sub Genre
N/A
Format
Hardback
Pages
144
Price
15.30 €

Author Description

Olga Tokarczuk, geboren 1962 in Sulechów, lebt in einem niederschlesischen Dorf in Polen nahe der tschechischen Grenze. Die studierte Psychologin gilt als die populärste polnische Autorin der jüngeren Generation. Sie schreibt Romane und Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt sind. Zusammen mit ihrer Übersetzerin Esther Kinsky erhielt sie 2002 den hochdotierten Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis. Olga Tokarczuk war 2001/2002 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Posts

3
All
4

In meinen Augen ist dies Olga Tokarczuks gelungendster Erzählband. Sehr unterschiedliche Erzählungen mit kauzig-schönen-schrägen und erinnerungswürdigen Figuren. Mal traurig und berührend, mal urkomisch - und immer mit Motiven bespickt, die man aus dem Tokarczuk Universum kennt. "Spiel auf vielen Trommeln" ist ein weiterer Beweis, dass Olga Tokarczuk wirklich zu den faszinierendsten und wichtigsten europäischen Autorinnen der Gegenwart zählt. Durch ihre Romane ebenso wie durch ihre pointuerten und eigenwilligen, komplexen Erzählungen. Hier der detaillierte Überblick der Erzählungen : Mach die Augen zu, du lebst nicht mehr 3/5 Der schottische Monat 5/5 Das Subjekt 5/5 Die Insel 4/5 Bardo 4/5 Die hässlichste Frau der Welt 5/5 Die Autorenlesung 4/5 Die Eroberung Jerusalems 1/5 Che Guevara 3/5 Der Springer 5/5 Professor Andrews in Warschau 2/5 Ariadne auf Naxos 5/5 Blauregen 4/5 Die Tänzerin 5/5 Das Bohnenorakel 4/5 Saure Mehlsuppe 5/5 Sabinas Wunsch 3/5 Die Generalprobe 5/5 Spiel auf vielen Trommeln 5/5 Gesamt 4/5 Große Leseempfehlung meinerseits.

5

Olga Tokarczuk "Spiel auf vielen Trommeln. Erzählungen" #olgalesen Zwei Erzählungen haben mir leider gar nicht gefallen und ich habe sie nicht beendet: "Die Eroberungen von Jerusalem, Raten" und "Bardo. Die Weihnachtskrippe". Tokarczuk beschreibt in ihnen weniger Menschen, eher Orte und deren Geschichte. Dabei geht meiner Meinung nach etwas verloren, das die anderen vier Erzählungen umso mehr ausmacht; wie schwierig das Leben doch ist, eine Identität zu erlangen und vor allem zu halten. Dass die Erzählungen Großstadtliteratur, entstanden in Berlin, sind, ist mir erst durch das sehr gute Nachwort von Katharina Döbler klargeworden. Darin beschreibt sie unter anderem, dass Olga Tokarczuk öffentlich im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt Polens für ein " Europa der Provinzen" plädiert hat. Ein schöner Gedanke, ein wichtiger Gedanke, auch bezogen auf die Erzählungen, deren Figuren so verloren zu sein scheinen in der Großstadt, in der man immer in der Öffentlichkeit steht, in der man die Schritte der Nachbarn besonders gut deuten kann, wenn es sich bei ihnen um die eigene Tochter und deren Ehemann handelt - mit dem man eine Affäre hat. Fülle und Leere begegnen sich in diesen Geschichten, die keine Moral kennen und keine Auflösung.

5

Es ist sehr schwer, ein Buch mit verschiedenen Geschichten zu bewerten. "Das Subjekt" handelt von einem alternden, selbstverliebten und melancholischen Schriftsteller, der eines Tages merkt, dass er nur die Erfindung, das lyrische Ich eines alternden, selbstverliebten, melancholischen Schriftstellers ist. Man ist sofort dabei - schließlich kennt man das Phänomen, dass solche Schriftsteller Bücher mit sich selbst als Hauptpersonen schreiben und in Talkshows über nichts lieber reden, als über die Bedeutung von Literatur und ihre Meinung zu buchstäblich allem preisgeben, Themen wie (so heißt es dort) Euthanasie und Pornographie. Die zweite Geschichte "Die Eroberung von Jerusalem" erzählt (sie ist die beste dieses Bandes) von einem reenactement der Eroberung Jerusalems im 17. Jahrhundert Polens, in dem die Dorfbewohner und Leibeigenen eines Fürsten nur sehr ungern die Ungläubigen spielen wollen. Und wie bei jedem reenactement gibt es auch hier die Gefahr, dass das Kriegsspiel in bittere Realität umschlägt und zugleich die bittere Realität eines Krieges nicht viel mehr Sinnhaftigkeit in sich birgt als ein Nachspielen desselben. Hier wird die Fleischeslust und die kriegerische Zerfleischung verbuchstäblicht. Die dritte Geschichte "Bardo. Die Weihnachtskrippe" will festhalten, wie eine Frau sich in einer großen Figurenweihnachtskrippe verewigen wollte, indem sie als Museumswärterin kleine Dinge hinzufügte (anachronistisches wie ein Modellzug - ein schönes Bild), doch selbst dieses Verewigen soll durch einen Brand scheitern - wie wohl alle menschlichen Verewigunsversuche. In der titelgebenden Geschichte "Spiel auf vielen Trommeln" fehlt irgendwie jegliche Dramaturgie und über weite Strecken ist man verloren. Sie ist ziemlich lang. Das Grundbild der Trommeln, das Großstadtleben, Rausch, Nihilismus verdeutlichen sollen, überzeugt, auch, weil es angereichert wird: trommelt man zu viel, gelangt man in eine Art Trance, so lernt man da, und muss in die Realität zurückkommen, indem man auf seine Handflächen schaut (Das Trommeln - Symbol für Entindividualisierung?). Irgendein mythischer Held bespannte Trommelfelle mit der Haut seiner Feinde (Kriegstrommeln als Symbol für menschliche Grausamkeit und Indifferenz?). Es geht außerdem um Geschlechtertrennung, um gesichtlose Gesichter im ÖPNV. Die beste Verbildlichung des Großstadtlebens: Wie die Protagonistin am Fenster diniert, um das Draußen zu beobachten. Aber ohne Nachwort hätte man wohl nicht verstanden, dass die hier dargestellte Großstadt Berlin sein soll, und dass Tokarczuk tatsächlich wegen eines Stipendiums dort war und ebenso tatsächlich Trommelnde am Mariannenplatz aus ihrem Fenster beobachtet hat. Ohne Nachwort hätte man das Verlorensein während des Lesens der Geschichte auch anders gedeutet, denn es ist wohl intendiert, dass man keine Handlung und keine Protagonistin zu greifen kriegt, und dadurch wird es dann doch genial. "Die Glyzinie" erzählt von einer Mutter, die ihre Tochter mit deren Freund betrügt (konnte es mir aber nicht so recht plausibilisieren), "Die Bohnenweissagung" wurde im Nachwort nicht erklärt und blieb deswegen kryptisch für mich (nicht das beste Zeichen, doch eine Mitschuld auf Leserseite ist vielleicht nicht völlig von der Hand zu weisen).

Create Post