Scherbentanz

Scherbentanz

Hardback
3.919
FamiliendramaTragödieGeheimnisFabrikant

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Description

Jesko ist ein junger Modedesigner. Gesellschaftlichen Normen und Zwängen beugt er sich nicht – schon gar nicht, seit er weiß, dass seine Tage gezählt sind. Seine Mutter könnte ihm helfen. Doch Jesko will ihre Hilfe nicht. Da nützt es auch nichts, dass der Vater ihm bei einer Familienfeier gut zuredet. Einzig die geheimnisvolle Freundin seines Bruders schafft es, Zugang zu Jesko zu finden. Ein bewegender Roman über die Traumafabrik Familie – zärtlich, komisch, gnadenlos.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
256
Price
22.70 €

Author Description

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher. Seine auch international erfolgreichen Kinofilme (darunter ›Die Blumen von gestern‹, ›Vier Minuten‹) wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit sieben Deutschen Filmpreisen. Als Romancier ist Chris Kraus mit bisher vier Romanen hervorgetreten. Sein literarischer Durchbruch, das Familienepos ›Das kalte Blut‹, wurde in viele Sprachen übersetzt und avancierte in Frankreich und Spanien zum Bestseller. Der Autor lebt in Berlin.

Posts

6
All
5

Liebevoll wie ein offenes Messer Wenn ich nach Bildern für diesen Roman suche, denke ich an Dinge, die verletzen. Messer, Nadeln, Stacheln, Säure, Scherben, Feuer. Oder vielleicht ein Katana – so scharf geschliffen, dass es schon bis auf die Knochen durchs Fleisch gleitet, bevor man den Schmerz registriert._ _ Die Diskrepanz zwischen dem, was Familie in der Idealvorstellung bedeuten sollte, und dem, wie Familie sich hier in bitterster Konsequenz präsentiert, tut weh. Ach je, ich denke schon in Klischees, aber: mir blutete das Herz. Der instinktive Versuch, zum Trost wenigstens einen Schuldigen zu entlarven, schlug fehl; die Geschichte ist zu komplex angelegt für eine stumpfe Aufteilung in “gut” und “böse”._ _ Es wäre allzu einfach, mit anklagendem Finger auf die misshandelnde Mutter zu weisen: Schande, Schande, Schande. Burn the Witch. Aber das würde die Tragik zu sehr auf das Oberflächliche reduzieren – ich hasse, was Käthe den Kindern angetan hat, aber ich kann SIE nicht hassen. Sie ist in meinen Augen nicht weniger ein Opfer dieser Situation._ _ Schon nach wenigen Kapiteln fragte ich mich: wieso hat diese Frau nie Hilfe bekommen, was auch die Söhne beschützt hätte? Ihre Wahnvorstellungen und bipolaren Episoden hätten deutlicher kaum sein können. Sie ist tatsächlich ein großartig geschriebener Charakter, der sich einfachen Erklärungsversuchen entzieht. Der Autor gesteht ihr den nötigen Raum zu, sich ehrlich und ungeschönt zu zeigen, lässt aber auch immer wieder ihr Potential durchscheinen, was sie umso tragischer macht._ _ Sie denkt sich die wildesten Geschichten aus, was sie in ihrem Leben schon alles erlebt und getan hat, was erst lächerlich klingt, geradezu armselig. Sie glaubt selber jedes Wort, als Leser*in ist man peinlich berührt – doch im Laufe des Buches klingt an, dass darin auch viel Wahrheit steckt._ _ Ich habe mich binnen weniger Zeilen in Jesko verliebt, obwohl ich durchaus auch seine Fehler sehe. Er ist ein kreativer Mensch mit einer Unmenge an Potential, der aber auch ein launischer kleiner Mistkerl sein kann – besonders gegenüber von Krankenschwestern, die er als Berufsgruppe aus Prinzip hasst. Aber ich konnte den Gedanken kaum ertragen, all dieses Potential könnte vom Krebs einfach ausgelöscht werden._ _ Jesko ist in meinen Augen eine zutiefst verletzte Seele; er ist mitten im Fall und hat niemanden, der ihn auffängt. Doch sein Sprachwitz ist einfach kostbar, und der Humor ist tatsächlich bitter nötig, um den Schmerz zu lindern, der kontinuierlich aus den Seiten sickert. Der Humor hält die Balance und erlaubt den Leser*innen kurze Verschnaufpausen. Durchatmen, einen Schritt zurücktreten, sich für den Moment lösen von den Figuren. Sich den Anflug von Hoffnung erlauben, dass ein Happy End vielleicht noch möglich ist._ _ “Er öffnete die Beifahrertür. Meine Mutter schwappte heraus und fiel in den Regen. Ich erkannte sie daran, dass sie nicht wieder aufstand.”_ (Zitat)_ _ Sterben will Jesko nicht, ans Leben bindet ihn aber scheinbar auch nichts. Doch sein Vater und Bruder wollen ihn zum Überleben zwingen, und damit zur Konfrontation mit der Mutter, die als Knochenmarkspenderin möglicherweise in Frage käme._ _ Damit stehen sich hier zwei Menschen gegenüber, denen der freie Wille genommen wurde – in Käthes Fall: mal wieder. Das ist nicht unbedingt der beste Nährboden für Kommunikation, geschweige denn Vergebung! Aber im erzwungenen Wechselspiel lassen sich durchaus Berührungspunkte und widerwillige Gemeinsamkeiten erkennen. Jesko als Spiegelbild lässt erahnen, wer Käthe mit psychiatrischer Hilfe möglicherweise hätte sein können._ _ Die Menschen, die um Käthes Misshandlung von Jesko und Ansgar wussten, legten deren Leid auf die Waagschale – doch der Status Quo wog offenbar schwerer als Striemen und blaue Flecken auf Kinderhaut. Der Vater, der dominante Patriarch im Hintergrund, bleibt dabei seltsam farblos, was ich als bewusste Entscheidung sehe; die zentralen Figuren in diesem Kammerspiel sind Käthe und Jesko._ _ Was man über den Vater erfährt, macht ihn aber ohnehin nicht gerade zum Sympathieträger: er hegt und pflegt den Standesdünkel und redet sich die Nazivergangenheit der Familie schön. Jeskos Bruder Ansgar wandelt derweil mit ererbter Arroganz in den väterlichen Fußstapfen, was zwischen den beiden Brüdern steht. Ohnehin ist da anscheinend viel zu Bruch gegangen seit dem gemeinsam durchlebten Trauma – und am Schluss zeigt sich Ansgar auf schlimmste Art als Produkt dieser Kindheit._ _ “Seit Jahren leben wir in dieser geflügelten Bitterkeit, die im Rhythmus der Zugvögel verlässlich entkommt, an südlichen Gestaden überwinternd, und wenn sie fast vergessen ist, verdüstert sich der Himmel, sie kehrt zurück und baut sich in unseren Herzen ihr Nest.”_ (Zitat)_ _ Der sympathischste Charakter ist wohl “Zitrone”, wie Ansgar seine Freundin nennt. Sie ist Krankenschwester und damit automatisch Jeskos Nemesis, und sie soll sich um ihn und seine Mutter kümmern, bis diese zur Knochenmarksspende überredet / gezwungen / genötigt werden kann. Sie ist ein Lichtblick, ein Leuchtfeuer der Normalität in dieser kaputten, alles andere als normalen Familie — doch dann zeigt sich, das auch Zitrone Dinge verbirgt._ _ Das klingt alles nach einem deprimierenden Trauerspiel… Tatsächlich ist der Roman aber auf ganz eigene Art unterhaltsam und spannend. Die Geschichte funktioniert immer wieder “obwohl” – trotz diverser Stolpersteine, die einen weniger begabten Autor sicher zu Fall gebracht hätten. Es hat mir Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, auch wenn der Tanz über die Scherben oft eine schmerzliche Erfahrung war._ _ Beim Lesen habe ich mir einige Notizen zu dieser Geschichte einer dysfunktionalen Familie gemacht. Die erste davon war: “Ich habe mich direkt in den Schreibstil verliebt: tolle Sogwirkung, interessante Bilder, und die Sprache hat auf jeden Fall eine ganz eigene Note. Mehr gute Zitate, als man für eine Rezension gebrauchen kann.” Daher kommt hier jetzt noch ein letztes dieser Zitate:_ _ “Ich glaube, Heimat kann eine ziemlich endlose Fläche sein, eine bösartige Wüste, durch die du stapfst, ohne jemals anzukommen. Heimat kann überall aufplatzen, egal wo du dich aufhältst. An den Schmerzen erkennst du, ob du zu Hause bist. Nicht am Türschild.”_ (Zitat)_ _ Fazit:_ _ Der junge Modedesigner Jesko hat sich bis zu einem gewissen Punkt von seiner toxischen Familie gelöst. Dummerweise stirbt er gerade an Krebs und weder Vater noch Bruder sind als Knochenmarkspender geeignet. Bleibt nur noch seine physisch und psychisch kranke Mutter, die kurzerhand im Auftrag des Vaters von der Straße gekidnappt wurde, wo sie als Obdachlose lebte – von der will Jesko aber nichts annehmen, nachdem sie seine Kindheit zur Hölle gemacht hat. Doch dann findet er sich quasi als Gefangener in der väterlichen Villa wieder und wird genötigt, sich ein Zimmer mit seiner Mutter zu teilen, um diese zu überreden, Knochenmark zu spenden._ _ Der Roman nimmt den Leser mit auf eine tragikomische Gratwanderung durch die Abgrunde einer dysfunktionalen Familie, in der nur noch der schöne Schein stimmt – wenn man nicht zu genau hinschaut. Jesko und seine Mutter Käthe sind großartige komplexe Charaktere, die sich binären Vorstellungen von gut oder böse entziehen, und das Buch punktet darüber hinaus mit einem wunderbaren Schreibstil. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Blog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-chris-kraus-scherbentanz/

5

>>Jesko ist ein Freak, ein junger Modedesigner, der gerne Röcke trägt. Gesellschaftlichen Normen und Zwängen beugt er sich nicht – schließlich hat er Leukämie und nicht mehr lange zu leben. Unter einem Vorwand wird Jesko in die großbürgerliche Villa seiner Familie gelockt. Seine Mutter käme als Knochenmarkspenderin in Betracht. Doch Jesko verweigert sich ihrer Hilfe. Denn einst hat diese Frau ihm und seinem Bruder Furchtbares angetan.<< ✒"Scherbentanz" von Chris Kraus - war war das bitte für ein Buch?! Ich war ehrlich gesagt nicht gefasst auf das, was hier auf einen zu kommt! Letztlich hat mich diese Geschichte, die mitunter doch auch sehr verrückt zu sein scheint, irgendwie gnadenlos, böse und doch auch mit sanften, ja fast schon einfühlsamen Noten daherkommt, total mitgerissen und in seinen bann gezogen. Ich muss sagen, mir fiel es schwer das Buch aus der Hand zu legen, denn eines kommt hier zum anderen und nichts bleibt so stehen... alles zieht etwas mit sich und im Zentrum des ganzen steht eben Jesko, ... nein... eigentlich die ganze Familie denn alle miteinander tanzen sie den 'Scherbentanz' zwischen Liebe und Hass. Fazit: Für mich persönlich ein kleines aber feines Lese-Highlight!

4.5

“Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen anhängt. Du verlierst den heutigen Tag; was in der Hand des Schicksals liegt, ordnest du, was in der deinigen, lässt du fahren. Wohin richtest du deine Blicke, wohin deine Gedanken? Alles, was kommen wird, steht unsicher; liebe die die Gegenwart.“ Humorvoll, facettenreich, einfühlsam und außergewöhnlich. Für mich ein Highlight!

3

Enthält schöne Formulierungen, bietet aber doch nur oberflächlichen Tiefgang. Das Nachwort ist interessanter als dieses typisch deutsche "Drehbuch".

2

Dancing with tears in my eyes Komisch, dieser Titel von Ultravox fiel mir gerade spontan ein, als ich über einen Titel für meine Rezension zu „Scherbentanz“ von Chris Kraus nachdachte. Und je länger ich das sacken lasse, umso mehr fasziniert mich der Titel (das Lied gehört schon lange zum „Soundtrack meines Lebens“) – drückt er doch eigentlich perfekt aus, was ich über das Buch denke. Ich bin nämlich eigentlich selbst traurig darüber, dem Roman kein gutes Urteil zu geben, dass es „zum Heulen“ ist. Dabei sind die Zutaten des Debütromans (Erstveröffentlichung: 2002 und jetzt (2020) in einer Neuauflage im Diogenes-Verlag erschienen) des Regisseurs und Autors eigentlich gar nicht so schlecht: (Auto-)biografisch angehauchte Familiengeschichte mit schrägen Figuren, purem Sarkasmus vermengt mit philosophischen Zitaten von Lucius Annaeus Seneca (römischer Philosoph). Also eigentlich alles, was mich interessiert, wenn – ja, wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Entweder war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt in meinem Leben oder aber ich konnte mit der völlig kaputten Familie Solms, in der nichts ist, wie es im ersten Moment scheint, wirklich nichts anfangen. Weder der im Angesicht des Todes verbreitete tiefschwarze Sarkasmus von Jesko (er hat Leukämie und soll von seiner psychisch mehr als labilen Mutter Stammzellen gespendet bekommen) noch die relativ rasant gesetzten Schnitte in Sprache und Handlung (hier kommt anscheinend der Regisseur Kraus durch *g*) konnten mich fesseln oder in ihren Bann ziehen. Auch das „Nachwort“ mit einer Episode aus Kraus´ Leben, die in wohl zu „Scherbentanz“ animiert hat, fand ich nicht besonders witzig. Ich weiß, ich stehe relativ allein mit meiner Meinung, aber ich konnte und kann dem „Scherbentanz“ nichts abgewinnen und spreche deshalb auch keine Leseempfehlung aus. Für die ein oder andere gelungene Passage und die Zitate von Seneca gibt´s jeweils einen Stern; mehr ist für mich nicht drin. So, und jetzt gehe ich wieder tanzen… ©kingofmusic

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