Gespensterfische
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Description
Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur – zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.
Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist. Ein Roman, der wie ein Gespensterfisch in der Tiefsee Licht in die Dunkelheit bringt.
Book Information
Author Description
Svealena Kutschke, geboren in Lübeck, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Ihr jüngstes Theaterstück No Shame in Hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal) war für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2023 nominiert. 2022 erhielt sie den Hebbel-Preis, u.a. für ihren letzten Roman Gewittertiere (Claassen), 2019 den Förderpreis des Schiller-Gedächtnis-Preises.
Posts
In diesem Buch erhalten wir Einblicke in die Psychiatriegeschichte, das wird uns in verschiedenen Zeitebenen (1920-jetzt) und Charakteren aufgezeigt. Wir lesen über Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Patient, Arzt oder Pfleger sind und begleiten diese Menschen über eine lange Zeit. Traurig die Rückblicke, die vor vielen Jahren waren. Da gibt es zum Glück heute ganz andere Behandlungsmethoden. Man muss dieses Buch ganz in Ruhe lesen. Für mich war es anfangs etwas verwirrend durch die vielen Zeitsprünge und den unterschiedlichen Protagonisten. Wenn man sich dann drauf eingelassen hat ist es ein trauriger Roman voller Abgründe. Manche Schicksale haben mich mehr mitgenommen als andere. Viele davon waren einfach nur erschreckend aber leider auch sehr realistisch. Ein Roman voller Scham und Schuld, der sich kritisch mit dem Vorgehen der Vergangenheit auseinandergesetzt. Sehr lesenswert!
Was für ein Ritt!
"Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung." Ein Roman um Patient*innen und Personal der Psychatrie. Ein Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Zwischendurch blieb mir die Luft weg. Ich mußte unterbrechen, habe doch wieder weitergelesen. Und bin einfach fasziniert von der Kraft dieses Buches.
Stille und tiefgründige Gesellschafts- und Psychiatriekritik über Menschen die von der Gesellschaft unsichtbar gemacht werden
Gespensterfische hat mich tief beeindruckt. Auf eindrückliche Weise verwebt der Roman mehrere Zeitebenen und erzählt durch das Erleben unterschiedlichster Charaktere ein Jahrhundert deutscher Psychiatrie- und Gesellschaftsgeschichte. Besonders stark fand ich die Darstellung psychiatrischer Diagnosen als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Haltungen – als eine Art seismografisches Frühwarnsystem. Ebenso berührend ist die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung unter psychiatrisch Tätigen. Was mir jedoch fehlte, war die laute und klare Wut der Psychiatrieüberlebenden und der Täter*innennachfahreb auf das System – sie ist zwar da, aber sie kommt sehr still und leise, fast schon versteckt daher. Ein wichtiges, kluges und literarisch gelungenes Buch.
Intensiv und anspruchsvoll
Kein Bereich in der Medizin hat so einen großen Wandel durchgemacht wie die Fachrichtung Psychologie. Wenn man sich die Verhältnisse von vor 100 Jahren anschaut, in denen Patienten oft ein Dasein fristeten, welches mehr dem von eingesperrten Tieren glich, als dem von menschlichen Wesen, so kann man nur froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. In „Gespensterfische“ hat die Autorin die Entwicklung psychiatrischer Einrichtungen und Behandlungsmethoden in Deutschland, sowie die gesellschaftliche Sicht darauf in einen fragmentarischen Roman eingebettet. Dabei wirft sie einen geschärften Blick auf Schicksale von Patienten, und die daraus resultierenden Reaktionen von pflegenden, behandelnden und angehörigen Personen, die je nach Jahrzehnt unterschiedlich ausfallen. Im Zentrum steht die Lübecker Jannsen Klinik. Von den 1920er Jahren bis hinein in unsere 20er des neuen Jahrtausends begegnen wir dort immer gleichen Personen in wechselnden Lebensphasen. Eine über das ganze Buch sehr präsenter Figur ist Laura Schmidt, die selber Patientin dort war und intensiveren Kontakt zu einer anderen Erkrankten geknüpft hat. Das wiederum gewährt ihr Zugang zu Olga Rehfeld, die sich in einer nahezu lebenslangen Beziehung zum Klinikum auf ganz besondere Art literarisch damit auseinandersetzt. Laura möchte diese Texte bewahren und wählt eine gestalterische Form der Dokumentation und Verbreitung. Es tauchen weitere Figuren auf, die oft in direkter Linie zueinander stehen oder als Angehörige Querverbindungen herstellen. Kutschkes intelligenter Roman gibt Fakten, der Historie wieder, und verwebt, diese geschickt zu einem Bilderbogen, der nicht nur Schicksale einzelner Menschen wiedergibt, sondern im Subtext die Geschichte unseres Landes, mit der gesellschaftlichen Sicht auf seelische und geistige Krankheiten transportiert. Die Veränderungen gehen oft mit der Haltung und ideologischen Strömungen der Bevölkerung einher. Das schlägt sich besonders in der Zeit des Nationalsozialismus und der Weimarer Republik nieder. Und häufig ist es so, dass Aktion und Reaktion nicht trennscharf sind und man sich fragt, welcher gesellschaftliche Wandel bedingt psychische Erkrankungen. Das Buch hat einen hohen Anspruch an uns, Leser*innen. Es erzählt, fragmentarisch und nicht chronologisch. Wir springen in den Zeiten zwischen Ereignissen und Personen hin und her. Der reflektive Blick einiger Protagonisten auf sich selbst oder Ereignisse, die mit anderen zu tun haben erfordern große Aufmerksamkeit, sind aber immer schlüssig und gut verständlich geschrieben. Mir ist es trotzdem des Öfteren schwer gefallen, die Protagonisten mit schon Erzähltem in Verbindung zu bringen. Wer mit wem enger verbunden ist oder was mit welcher Person zusammenhing war mir nicht immer sofort präsent, und so musste ich manchmal zurückblättern und nachschauen, um mir schon Gelesenes in Erinnerung zu rufen. Deshalb habe ich für diesen Roman sehr lange gebraucht. Ich hatte beim Lesen schon das Gefühl, mir den Text nach und nach erarbeiten zu müssen. Am Ende hat sich das aber gelohnt, denn ich habe einen besonderen Weg entdeckt, mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Und als Bonus bekomme ich die Message welch heilende Kraft Literatur hat. Eine literarische Empfehlung für alle, die ein besonderes Interesse an Psychologie haben, und nicht davor scheuen Zeit und Konzentration in einen anspruchsvollen Text zu investieren.
"Der Grund, warum manche Menschen besonders schlimme Dinge nicht erinnern, ist der, dass sie häufig im Verschwiegenen stattfinden, niemand eine Sprache für sie entwickelt, keiner von ihnen erzählt." Als sich Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik als Patientin befindet, lernt sie auch Rehfeld und Noll kennen, die seit langer Zeit in der Klinik leben und zusammen lesen, schreiben und einander Trost schenken. Viele Jahre gehen die beiden Laura nicht aus dem Kopf, und als Noll und Rehfeld sterben, beginnt sie, anhand der Texte, die Rehfeld hinterlassen hat und eigener Recherchen, Rehfelds Leidensweg in der Psychiatrie nachzuzeichnen. Sie führt viele Interviews und blickt in den Klinikalltag bis in die 1920er Jahre zurück - bis sie selbst eine Gewalterfahrung macht und erneut als Patientin in die Jannsen-Klinik kommt. Svealena Kutschke erzählt in ihrem Roman "Gespensterfische" von der deutschen Psychiatrie über eine Zeitspanne von den 1920er Jahren bis heute und erschafft dabei viele verschiedene Protagonist*innen: Patient*innen, Pfleger*innen und Ärzt*innen kommen zu Wort, alle Figuren bringen ihre eigenen Geschichten und Ansichten mit. So war es zwar für mich einerseits manchmal schwer, die Geschichte nachzuvollziehen, andererseits beleuchtet die Autorin so viele Facetten und gibt auch dem Thema psychiatrischer Einrichtungen während der NS- und Nachkriegszeit, der Gewalt und dem Schrecken Raum. Obwohl die verschiedenen Erzählstränge durchzogen von individuellem Leid sind, schimmert auch immer die Menschlichkeit und Hoffnung durch - und auch die Frage, was psychische Gesundheit bedeutet, wie Diagnosen von der Gesellschaft abhängen, in der sie gestellt werden. Ich habe "Gespensterfische" gerne gelesen und fand es sehr spannend, in die Thematik der Psychiatrie und psychischer Erkrankungen einzutauchen.

Absoluter Tiefgang
Ein Buch, dass mich im Thema und der Sprache tief beeindruckt hat. Auch wenn ich nicht immer auf Anhieb die Kapitel schnell und flüssig lesen konnte u.a. auch, da viele Zeitsprünge gemacht wurden, und ich dadurch hin und wieder noch einmal zurückblättern musste, hat es für mich nicht an Spannung und Interesse verloren. Sehr feinfühlig und eindrücklich schreibt die Autorin über die Abgründe der Psychiatrie von 1920 bis heute. Sie gibt Patienten, Ärzten, Klinikleitern, Pflegekräften sowie auch angehenden Analytikern eine Stimme, die teilweise unter den hierarchischen Strukturen leiden. Fein herausgearbeitet hat sie die Denkweise in den entsprechenden gesellschaftlichen Zeitspannen, teilweise mit fatalen Auswirkungen auf die Behandlung oder Nicht- Behandlung der Patienten, (die auch oft keine Patienten waren)besonders während der NS Zeit. Ich denke da auch oft an die Gedenkstätte in Hadamar ...und den Film Nebel im August... Eine absolute Leseempfehlung bei der man nicht auf die Uhr schauen sollte.
Viele Subplots rund um Psychiatrie
Ein ambitionierter Roman über die Psychiatriegeschichte und den Umgang damit in Deutschland, auf ein Jahrhundert verteilt. Der Roman beginnt stark, ich habe mir in den ersten Kapiteln viele Markierungen gesetzt. Hier ein Beispiel: "Dies war der einzige Ort, an dem die Wucht des verpassten Lebens sie nicht brachlegte." Die facettenreiche Beleuchtung einer Klinik als Brennpunkt der Gesellschaftsgeschichte hat mich gefesselt. Das Figurentableau ist beeindruckend: mit insgesamt 12 Personen, die unterschiedliche Seiten einnehmen (Behandelte sowie Behandelnde), denen mindestens jeweils 1 Kapitel gewidmet ist, erhält man eine umfassende Gesamtperspektive. Zwar wurde es mir gegen Ende des Romans etwas zu viel, da die vielen Handlungsstränge und die anachronistische Erzählweise es schwer machten, den Überblick zu behalten und einige Themen nur angedeutet wurden. Aber diese Komplexität ist gleichzeitig die Stärke des Romans: es ist ein Werk, das man gut und gerne mehrmals lesen kann, um all die feinen Verbindungen und Andeutungen neu zu entdecken. Besonders das Schicksal von Olga Rehfeld hat mich sehr getroffen. Unfassbar, aus welchen Gründen Menschen in Psychiatrien regelrecht abgeschoben wurden.
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Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur – zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.
Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist. Ein Roman, der wie ein Gespensterfisch in der Tiefsee Licht in die Dunkelheit bringt.
Book Information
Author Description
Svealena Kutschke, geboren in Lübeck, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Ihr jüngstes Theaterstück No Shame in Hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal) war für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2023 nominiert. 2022 erhielt sie den Hebbel-Preis, u.a. für ihren letzten Roman Gewittertiere (Claassen), 2019 den Förderpreis des Schiller-Gedächtnis-Preises.
Posts
In diesem Buch erhalten wir Einblicke in die Psychiatriegeschichte, das wird uns in verschiedenen Zeitebenen (1920-jetzt) und Charakteren aufgezeigt. Wir lesen über Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Patient, Arzt oder Pfleger sind und begleiten diese Menschen über eine lange Zeit. Traurig die Rückblicke, die vor vielen Jahren waren. Da gibt es zum Glück heute ganz andere Behandlungsmethoden. Man muss dieses Buch ganz in Ruhe lesen. Für mich war es anfangs etwas verwirrend durch die vielen Zeitsprünge und den unterschiedlichen Protagonisten. Wenn man sich dann drauf eingelassen hat ist es ein trauriger Roman voller Abgründe. Manche Schicksale haben mich mehr mitgenommen als andere. Viele davon waren einfach nur erschreckend aber leider auch sehr realistisch. Ein Roman voller Scham und Schuld, der sich kritisch mit dem Vorgehen der Vergangenheit auseinandergesetzt. Sehr lesenswert!
Was für ein Ritt!
"Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung." Ein Roman um Patient*innen und Personal der Psychatrie. Ein Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Zwischendurch blieb mir die Luft weg. Ich mußte unterbrechen, habe doch wieder weitergelesen. Und bin einfach fasziniert von der Kraft dieses Buches.
Stille und tiefgründige Gesellschafts- und Psychiatriekritik über Menschen die von der Gesellschaft unsichtbar gemacht werden
Gespensterfische hat mich tief beeindruckt. Auf eindrückliche Weise verwebt der Roman mehrere Zeitebenen und erzählt durch das Erleben unterschiedlichster Charaktere ein Jahrhundert deutscher Psychiatrie- und Gesellschaftsgeschichte. Besonders stark fand ich die Darstellung psychiatrischer Diagnosen als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Haltungen – als eine Art seismografisches Frühwarnsystem. Ebenso berührend ist die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung unter psychiatrisch Tätigen. Was mir jedoch fehlte, war die laute und klare Wut der Psychiatrieüberlebenden und der Täter*innennachfahreb auf das System – sie ist zwar da, aber sie kommt sehr still und leise, fast schon versteckt daher. Ein wichtiges, kluges und literarisch gelungenes Buch.
Intensiv und anspruchsvoll
Kein Bereich in der Medizin hat so einen großen Wandel durchgemacht wie die Fachrichtung Psychologie. Wenn man sich die Verhältnisse von vor 100 Jahren anschaut, in denen Patienten oft ein Dasein fristeten, welches mehr dem von eingesperrten Tieren glich, als dem von menschlichen Wesen, so kann man nur froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. In „Gespensterfische“ hat die Autorin die Entwicklung psychiatrischer Einrichtungen und Behandlungsmethoden in Deutschland, sowie die gesellschaftliche Sicht darauf in einen fragmentarischen Roman eingebettet. Dabei wirft sie einen geschärften Blick auf Schicksale von Patienten, und die daraus resultierenden Reaktionen von pflegenden, behandelnden und angehörigen Personen, die je nach Jahrzehnt unterschiedlich ausfallen. Im Zentrum steht die Lübecker Jannsen Klinik. Von den 1920er Jahren bis hinein in unsere 20er des neuen Jahrtausends begegnen wir dort immer gleichen Personen in wechselnden Lebensphasen. Eine über das ganze Buch sehr präsenter Figur ist Laura Schmidt, die selber Patientin dort war und intensiveren Kontakt zu einer anderen Erkrankten geknüpft hat. Das wiederum gewährt ihr Zugang zu Olga Rehfeld, die sich in einer nahezu lebenslangen Beziehung zum Klinikum auf ganz besondere Art literarisch damit auseinandersetzt. Laura möchte diese Texte bewahren und wählt eine gestalterische Form der Dokumentation und Verbreitung. Es tauchen weitere Figuren auf, die oft in direkter Linie zueinander stehen oder als Angehörige Querverbindungen herstellen. Kutschkes intelligenter Roman gibt Fakten, der Historie wieder, und verwebt, diese geschickt zu einem Bilderbogen, der nicht nur Schicksale einzelner Menschen wiedergibt, sondern im Subtext die Geschichte unseres Landes, mit der gesellschaftlichen Sicht auf seelische und geistige Krankheiten transportiert. Die Veränderungen gehen oft mit der Haltung und ideologischen Strömungen der Bevölkerung einher. Das schlägt sich besonders in der Zeit des Nationalsozialismus und der Weimarer Republik nieder. Und häufig ist es so, dass Aktion und Reaktion nicht trennscharf sind und man sich fragt, welcher gesellschaftliche Wandel bedingt psychische Erkrankungen. Das Buch hat einen hohen Anspruch an uns, Leser*innen. Es erzählt, fragmentarisch und nicht chronologisch. Wir springen in den Zeiten zwischen Ereignissen und Personen hin und her. Der reflektive Blick einiger Protagonisten auf sich selbst oder Ereignisse, die mit anderen zu tun haben erfordern große Aufmerksamkeit, sind aber immer schlüssig und gut verständlich geschrieben. Mir ist es trotzdem des Öfteren schwer gefallen, die Protagonisten mit schon Erzähltem in Verbindung zu bringen. Wer mit wem enger verbunden ist oder was mit welcher Person zusammenhing war mir nicht immer sofort präsent, und so musste ich manchmal zurückblättern und nachschauen, um mir schon Gelesenes in Erinnerung zu rufen. Deshalb habe ich für diesen Roman sehr lange gebraucht. Ich hatte beim Lesen schon das Gefühl, mir den Text nach und nach erarbeiten zu müssen. Am Ende hat sich das aber gelohnt, denn ich habe einen besonderen Weg entdeckt, mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Und als Bonus bekomme ich die Message welch heilende Kraft Literatur hat. Eine literarische Empfehlung für alle, die ein besonderes Interesse an Psychologie haben, und nicht davor scheuen Zeit und Konzentration in einen anspruchsvollen Text zu investieren.
"Der Grund, warum manche Menschen besonders schlimme Dinge nicht erinnern, ist der, dass sie häufig im Verschwiegenen stattfinden, niemand eine Sprache für sie entwickelt, keiner von ihnen erzählt." Als sich Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik als Patientin befindet, lernt sie auch Rehfeld und Noll kennen, die seit langer Zeit in der Klinik leben und zusammen lesen, schreiben und einander Trost schenken. Viele Jahre gehen die beiden Laura nicht aus dem Kopf, und als Noll und Rehfeld sterben, beginnt sie, anhand der Texte, die Rehfeld hinterlassen hat und eigener Recherchen, Rehfelds Leidensweg in der Psychiatrie nachzuzeichnen. Sie führt viele Interviews und blickt in den Klinikalltag bis in die 1920er Jahre zurück - bis sie selbst eine Gewalterfahrung macht und erneut als Patientin in die Jannsen-Klinik kommt. Svealena Kutschke erzählt in ihrem Roman "Gespensterfische" von der deutschen Psychiatrie über eine Zeitspanne von den 1920er Jahren bis heute und erschafft dabei viele verschiedene Protagonist*innen: Patient*innen, Pfleger*innen und Ärzt*innen kommen zu Wort, alle Figuren bringen ihre eigenen Geschichten und Ansichten mit. So war es zwar für mich einerseits manchmal schwer, die Geschichte nachzuvollziehen, andererseits beleuchtet die Autorin so viele Facetten und gibt auch dem Thema psychiatrischer Einrichtungen während der NS- und Nachkriegszeit, der Gewalt und dem Schrecken Raum. Obwohl die verschiedenen Erzählstränge durchzogen von individuellem Leid sind, schimmert auch immer die Menschlichkeit und Hoffnung durch - und auch die Frage, was psychische Gesundheit bedeutet, wie Diagnosen von der Gesellschaft abhängen, in der sie gestellt werden. Ich habe "Gespensterfische" gerne gelesen und fand es sehr spannend, in die Thematik der Psychiatrie und psychischer Erkrankungen einzutauchen.

Absoluter Tiefgang
Ein Buch, dass mich im Thema und der Sprache tief beeindruckt hat. Auch wenn ich nicht immer auf Anhieb die Kapitel schnell und flüssig lesen konnte u.a. auch, da viele Zeitsprünge gemacht wurden, und ich dadurch hin und wieder noch einmal zurückblättern musste, hat es für mich nicht an Spannung und Interesse verloren. Sehr feinfühlig und eindrücklich schreibt die Autorin über die Abgründe der Psychiatrie von 1920 bis heute. Sie gibt Patienten, Ärzten, Klinikleitern, Pflegekräften sowie auch angehenden Analytikern eine Stimme, die teilweise unter den hierarchischen Strukturen leiden. Fein herausgearbeitet hat sie die Denkweise in den entsprechenden gesellschaftlichen Zeitspannen, teilweise mit fatalen Auswirkungen auf die Behandlung oder Nicht- Behandlung der Patienten, (die auch oft keine Patienten waren)besonders während der NS Zeit. Ich denke da auch oft an die Gedenkstätte in Hadamar ...und den Film Nebel im August... Eine absolute Leseempfehlung bei der man nicht auf die Uhr schauen sollte.
Viele Subplots rund um Psychiatrie
Ein ambitionierter Roman über die Psychiatriegeschichte und den Umgang damit in Deutschland, auf ein Jahrhundert verteilt. Der Roman beginnt stark, ich habe mir in den ersten Kapiteln viele Markierungen gesetzt. Hier ein Beispiel: "Dies war der einzige Ort, an dem die Wucht des verpassten Lebens sie nicht brachlegte." Die facettenreiche Beleuchtung einer Klinik als Brennpunkt der Gesellschaftsgeschichte hat mich gefesselt. Das Figurentableau ist beeindruckend: mit insgesamt 12 Personen, die unterschiedliche Seiten einnehmen (Behandelte sowie Behandelnde), denen mindestens jeweils 1 Kapitel gewidmet ist, erhält man eine umfassende Gesamtperspektive. Zwar wurde es mir gegen Ende des Romans etwas zu viel, da die vielen Handlungsstränge und die anachronistische Erzählweise es schwer machten, den Überblick zu behalten und einige Themen nur angedeutet wurden. Aber diese Komplexität ist gleichzeitig die Stärke des Romans: es ist ein Werk, das man gut und gerne mehrmals lesen kann, um all die feinen Verbindungen und Andeutungen neu zu entdecken. Besonders das Schicksal von Olga Rehfeld hat mich sehr getroffen. Unfassbar, aus welchen Gründen Menschen in Psychiatrien regelrecht abgeschoben wurden.













