Gekränkte Freiheit

Gekränkte Freiheit

Hardback
4.78
Natascha StroblAttila HildmannAutoritärIndividualismus

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Description

Ein wichtiger und hochaktueller Beitrag zur Debatte über den Zustand unserer Demokratie.

Corona-Kritiker mit Blumenketten, Künstlerinnen, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen, Journalisten, die sich als Rebellen gegen angebliche Sprechverbote inszenieren: Der libertäre Autoritäre hat Einzug gehalten in den politischen Diskurs. Er sehnt sich nicht nach einer verklärten Vergangenheit oder der starken Hand des Staates, sondern streitet lautstark für individuelle Freiheiten. Etwa frei zu sein von Rücksichtnahme, von gesellschaftlichen Zwängen – und frei von gesellschaftlicher Solidarität.

Der libertäre Autoritarismus, so Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, ist eine Folge der Freiheitsversprechen der Spätmoderne: Mündig soll er sein, der Einzelne, dazu noch authentisch und hochgradig eigenverantwortlich. Gleichzeitig erlebt er sich als zunehmend macht- und einflusslos gegenüber einer komplexer werdenden Welt. Das wird als Kränkung erfahren und äußert sich in Ressentiment und Demokratiefeindlichkeit.

Auf der Grundlage zahlreicher Fallstudien verleihen Amlinger und Nachtwey dieser Sozialfigur Kontur. Sie erläutern die sozialen Gründe, die zu einem Wandel des autoritären Charakters führten, wie ihn noch die Kritische Theorie sich dachte. Die Spätmoderne bringt einen Protesttypus hervor, dessen Ruf nach individueller Souveränität eine Bedrohung ist für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen: die Verleugnung einer geteilten Realität.

Book Information

Main Genre
Specialized Books
Sub Genre
Politics
Format
Hardback
Pages
480
Price
28.80 €

Author Description

Carolin Amlinger, geboren 1984, ist Literatursoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Basel.

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In Gekränkte Freiheit erarbeiten Amlinger/Nachtwey ihr Konzept des libertären Autoritarismus. Es soll erklären, wie Menschen etwa Querdenker*innen wurden, die ursprünglich eher dem linken politischen Spektrum zuzurechnen waren und sich selbst als progressiv verstehen. Es handelt sich dabei nicht um klassische Rechte, denn sie fordern keinen starken, sondern im Gegenteil einen schwachen bzw. abwesenden Staat. Zunächst befassen Amlinger/Nachtwey sich mit dem Freiheitsbegriff. Negative Freiheit meint die Abwesenheit von äußerem Zwang, während positive Freiheit auch die persönlichen/gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nimmt. Wie Freiheit verstanden wird, sagt viel über eine Gesellschaft aus. So werden heute staatliche Interventionen in erster Linie als Beschränkungen wahrgenommen. Soziale Abhängigkeiten werden geleugnet. Übersehen wird dabei, dass formale Freiheiten nicht zwangsläufig auch ein reales Potenzial zur Selbstbestimmung bedeuten. Bezüglich des Autoritarismus-Begriffs lehnen sich Amlinger/Nachtwey an die Studien zum autoritären Charakter (Adorno et al.) an. Darin wird als "autoritäres Syndrom" die Kombination verschiedener Merkmale verstanden. Sechs von ihnen treffen auch auf den libertären Autoritarismus zu, zwei hingegen nicht: die starre Verfolgung konventioneller Werte und die Unterwerfung unter eine idealisierte Autorität. Anstelle der Identifikation mit einer Führerfigur steht bei den libertären Autoritären die Identifikation mit der eigenen Autonomie. Aufbauend auf diesem theoretischen Ansatz berichten Amlinger und Nachtwey von quantitativen Studien, die sie im Querdenken-Milieu durchgeführt haben. Man erkennt - etwa an der Auswahl der zitierten Theoretiker*innen sowie des sehr komplexen Schreibstils - deutlich den akademischen Hintergrund der Autor*innen, was das Buch herausfordernd zu lesen macht. Es liefert dennoch spannende Erkenntnisse und versucht, Phänomene zu erklären, die wir alle alltäglich um uns herum beobachten können. Allein schon deshalb halte ich es für ein sehr wichtiges Buch.

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Die Autor:innen haben aufgrund von vielen Interviews mit Mitgliedern der Querdenkerszene und Auswertungen von Fragebögen das Phänomen des "libertären Autoritarismus" definieren können und verarbeiten in diesem Buch ihre Erkenntnisse als Beobachtung einer Tendenz in der Gesellschaft, die meines Erachtens weit über die Querdenkerszene und Coronaproteste hinaus geht. Der Einstieg ist nicht ganz leicht in das Buch, jedenfalls für jemanden wie mich, der wenig Vorwissen zu verschiedensten Philosophen, Soziologen und Theorien des kritischen Denkens mitbringt. Auf mich wirkte es zunächst etwas wirr, da die Autor:innen von allen Seiten Referenzen heranziehen, zitieren und sämtliche Betrachtungen zum Freiheitsbegriff, des Autoritären Typen und kultureller Entwicklungen seit des Nazi-Regimes in Deutschland aufs Papier bringen. Dieses Sachbuch ist allerdings ein sehr gutes Beispiel dafür, wie anspruchsvolle Themen, viele Bildungssprachliche Begriffe (habe so etliches nachschlagen müssen) mit einer klaren und gut verständlichen Sprache vermittelt werden. Ein wahnsinnig tolles und umfangreiches Literaturverzeichnis lädt dazu ein, sich während des Lesens auf Abwege zu begeben. Die Definition des Libertären Autoritarismus schreitet durch die Betrachtungen des Buches voran und bekommt immer mehr Form. Der Unterschied zu klassisch Rechten: die Menschen wollen keinen starken Staat, sondern einen abwesenden. In diesem Interview bei Jung&Naiv : https://youtu.be/IAkJQi2MGQk spricht Nachtwey über das Buch und sagt, dass der libertär Autoritäre nicht mit dem "autoritären Liberalen" aus den USA zu vergleichen sei, der eindeutig einer Führerfigur nachjagt und einer externen Autorität folgen würde. Das Phänomen des libertär autoritären, der hier beobachtet wird, stellt die eigene Souveränität in den Mittelpunkt. Ein Großteil des Buches beschäftigt sich gar nicht mit der Querdenker Szene oder Corona, sondern arbeitet sich an der Definition des Freiheitsbegriffes ab und nimmt mit Beispielen auf Gesellschaftliche Probleme, Dilemmata und Dynamiken Bezug. Die Ganzen Debatten um gendergerechte und rassistische Sprache, "alte weiße Männer", der Shitstorm auf diverse Comedians und Intellektuelle in Talkshows wird mit eingewoben und ergibt für mich unter der Argumentaion des Buches ein völlig schlüssiges Bild. Das Buch geht auf etliche Probleme der kapitalistisch und noeliberal geprägten Gesellschaft ein : • Fortschritt als zivilisatorischer Zwang, der Individualität raubt • Abbau sozialer Hierarchien und Aufhebung starrer Konventionen - Auslotung neuer Machtverhältnisse- Klassengesellschaft wird sichtbar • Komplexitätssteigerung der Welt • Desynchronisation: Krisen, schnelle Entscheidung nötig, langsame Politik wird in Meinungsbildung durch social Media überholt • Gegenepistemiologie: Ziel Wissen zu demokratisieren hat eine regressive Nebenfolge- postfaktisches Wissen • Paradoxie der Gleichheit • Beziehungsgefüge das durch den Vergleichs- und Relationszwang entzündet wird: Groll, Zorn, Wut, Ressentiment • Neoliberale Zurückdrängung des Sozialen - normativer Nihilismus - enthemmte Freiheit • gekränkte Freiheit: die junge Generation Klimawandel kritisiert den exessiven hedonistischen Lebenswandel der Älteren und die Älteren werden wegen ihres Anspruchs aufs Meinungsführerschaft in Frage gestellt. Folge: Radikalisierung der eigenen Grundorientierung, die ins Autoritäre kippen kann. Dem Sozialtypus des Narzissten wird hier Raum gegeben. Es folgt ein komplettes Kapitel über den Intellektuellen als regressiven Gegner des sozialen Wandels und zum Schluss können wir ein paar Interviews mit Querdenkern lesen und kommen auf die Coronaproteste zu sprechen. Moralische Empörung entzündet sich, wenn der Gesellschaftsvertrag nicht erfüllt wird. Wie lautet denn unser Vertrag der Spätmoderne? Individuell, leistungsbereit, verdinglichte Freiheit. "Solidarität gehört seit dem Neoliberalismus nur noch in Spurenelementen zum impliziten Gesellschaftsvertrag... Solidarität gibt es nur für Gemeinschaften, die einen selbstbestimmten Gegenentwurf zu fremdbestimmten sozialen Beziehungen darstellen"

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