Frühjahrskollektion

Frühjahrskollektion

Hardback
3.825

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Description

»Besser kann man die 60er-Jahre nicht zusammenfassen.« Jury, Bachmannpreis 2024

Lilo will den nächsten großen Coup landen: Bademoden für die reife Frau. Das neue elastische Gewebe soll ihr den Swimmingpool hinter dem neuen Bungalow finanzieren. Doch dann steht unerwartet die Vergangenheit in ihrer Kabine. Denn neuerdings interessiert sich die deutsche Justiz für Geschäfte, die damals im besetzten Polen gemacht worden sind. Lilo und Harry sind kein unbescholtenes Paar. Sie verbindet mehr als eine unschuldige Liebe zur Mode. Auch Josef Neckermann, für dessen Versandunternehmen Harry zu arbeiten anfängt, mag lieber nach vorn als zurück blicken. Während Harry für seinen neuen Arbeitgeber auf der Leipziger Messe Verträge aushandelt, erfährt Tochter Reni mehr über die Vergangenheit deutscher Konfektionshäuser, als ihr lieb ist. – Farbig und genau erzählt Frühjahrskollektion von einer Zeit im Wandel und von Frauen, die der Verkleidungen überdrüssig geworden sind.

»Wie eine Zeitkapsel: Ich spüre, ich schmecke, ich rieche diese Zeit.« Mithu Sanyal

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
288
Price
24.70 €

Author Description

Christine Koschmieder kam 1993 zum Studium nach Leipzig und machte zehn Jahre lang Off-Theater, bevor sie die Literaturagentur Partner + Propaganda gründete. Ihr Debüt »Schweinesystem« war 2014 für den Aspekte Literaturpreis nominiert. Ihr autofiktionaler Roman »Dry« wurde im Literarischen Quartett einhellig gelobt. Zuletzt erschien ihr Roman »Frühjahrskollektion«. Seit 2023 lebt sie in Sachsen-Anhalt.

Characteristics

2 reviews

Mood

Sad
Funny
Scary
Erotic
Exciting
Romantic
Disturbing
Thoughtful
Informative
Heartwarming
49%
15%
9%
1%
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Protagonist(s)

Likable
Credible
Developing
Multifaceted
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Pace

Fast0%
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Moderate100%
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Writing Style

Simple0%
Complex0%
Moderate100%
Minimalistisch (100%)

Posts

12
All
5

Schon das Cover verdient 5🌟, aber auch der Teil zwischen den Buchdeckeln ist ausgesprochen gut!

Christine Koschmieder hat einen vielschichtigen Roman geschrieben, der v.a. in den 1960er Jahren in der hessischen Provinz spielt. Es gibt aber auch Rückblenden in die 1940er Jahre. Dieser Handlungsstrang spielt insbesondere in Litzmannstadt, dem heutigen polnischen Łodž. Wir erleben Lilo, die sich in Kassel den Wunsch nach einer eigenen Bademodenlinie erfüllen will und deren Traum kurz vor der Verwirklichung ins Wanken gerät. Grund ist ihre eigene Vergangenheit und ihre Verstrickungen in Litzmannstadt bei der Arisierung von polnischen Kindern, die von kinderlosen SS-Eheleuten adoptiert wurden. Im Laufe der Geschichte kommt etwas Licht in Lilos Abgründe, die ein anderes Bild von ihr zeichnen und bestimmte skrupellose Handlungen von ihr verständlicher machen, wenn sie sie auch nicht entschuldigen. Ich denke da v.a. auch an ihre Interventionen bzgl. des Liebeslebens ihrer Tochter Reni oder Rainy, wie sie lieber genannt wird. Sie ist Mannequin und tourt hungernd mit der Norddeutschen Modenschaugesellschaft durch die Lande. Liiert ist sie mit Franz dem Inhaber eines hellblauen VW-Busses und der Modenschaugesellschaft. Ihr Herz gehört aber Jakob, eine Beziehung aus der aus Sicht von Lilo nichts werden kann und deren Ende sie durch die Preisgabe ihres eigenen bestgehüteten Geheimnisses zu einem jähes Ende führt. Dann gibt es noch den gutaussehenden und eleganten Harry, Vater von Reni und Ehemann von Lilo. Er tut alles für seine Frau, weil er aufgrund seiner Herkunft immer gelernt hat nicht zu viel zu wollen und keine Ansprüche zu haben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist sehr informativ und arbeitet die Geschichten der Lebensbornheime und der Textilindustrie, der Zerstörung jüdischer Konfektionshäuser in den Kriegsjahren auf. Ich habe viel neues erfahren und schon das macht das Buch für mich absolut lesenswert. Also greift zu.

Schon das Cover verdient 5🌟, aber auch der Teil zwischen den Buchdeckeln ist ausgesprochen gut!
4

Kleiner Einblick in die Wirtschaftswunderzeit

Wer kennt sie noch, die dicken Modekataloge, die man halbjährlich im Briefkasten (bzw. daneben) liegen hatte? Den bekannten Neckermannkatalog gab es schon in den 60ziger Jahren und genau in diesen Katalog will Lilo ihre Bademode unterbringen. Doch wie kommt man an die richtigen Leute, die dies ermöglichen könnten? Lilo ist eine geschäftstüchtige Frau, die einen Modeladen erfolgreich führt und sehr zielstrebig ihre Ideen verfolgt. Sie entwickelt Bademoden für reife Frauen. Doch schon bald muss sie mit einem unangenehmen Besuch zurecht kommen, der sie an die Vergangenheit erinnert, die sie so gut verdrängt hatte. Ihrem Mann vermittelt sie eine Stelle bei Neckermann (nicht ganz ohne Hintergedanken). Während sie nach vorn prescht, hadert er mit seinem neuen Job. Er reist in die DDR, um Verträge auszuhandeln oder zu kündigen. Kein leichtes Unterfangen, da sein Gewissen ihn immer wieder blockiert. Je weiter man in den Roman eintaucht, desto mehr dunkle Flecken tauchen auf der weißen Weste des Ehepaares auf. Auch der Arbeitgeber von Harry steht im Fokus der Ermittlungen. Die Autorin verwebt fiktive Charaktere mit wahren Begebenheiten und erschafft damit einen Roman, der einerseits unterhält und andererseits etwas Gänsehaut entstehen lässt. Der Schreibstil ist sehr schön und so gleitet man durch die Seiten und kann abtauchen in die 60ziger Jahre, wo das Wirtschaftswunder blühte, aber die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet war.

Kleiner Einblick in die Wirtschaftswunderzeit
4

Christine Koschmieder erzählt eine Geschichte, die sich vielleicht in jeder "guten" deutschen Familie hätte abspielen können.

Frühjahrskollektion ist der neue Roman von Christine Koschmieder. Sie beschreibt die Wirtschaftswunderzeit, als alle den vergangenen Krieg vergessen wollten, als alle nur noch nach vorne schauen wollten. Und doch war nicht alles vergessen, noch war nicht alles aufgearbeitet und wird es wohl auch niemals sein. Lilo Kowatz hat Bademoden für die reifen Frauen entworfen. Bademoden, die den älteren Damen Figur zurückgeben. Die auf Frauen zugeschnitten sind, mit kleinen Polstern, die nicht den Mannequinmaßen entsprechen. Und Lilo hat einen Traum: Sie hofft darauf, damit den großen Durchbruch zu haben. Ihr Mann Harry begleitet so lange Witwen zu den Kriegsgräbern nach Frankreich oder in den Osten. Gut geht es ihm nicht mit diesem Job, aber was macht es, er verdient gutes Geld. Ihre gemeinsame Tochter Reni hungert derweil für eine Mannequinfigur und lebt mit einem Mann zusammen, der sie nur benutzt. Eine alte Freundin, Hertha, die mit Lilo zusammen in Litzmannstadt war, besucht Lilo in ihrem Laden und unterbreitet ihr einen Vorschlag, den Lilo kaum ausschlagen kann. Harry soll sich bei Herthas Mann vorstellen. Der arbeitet nämlich bei Neckermann, dem Versandhaus. Harry könnte dort sicherlich einen gut bezahlten Job bekommen. Das Ganze ist verbunden mit einer Verschwiegenheit, was damals in Litzmannstadt geschah. "... Sie weiß nicht mehr, was Franz damals für einen Rang hatte. Ob er auch zu denen mit der eigenen Zyankalikapsel gehört hat. Aber einer wie Franz bringt sich nicht um, einer wie Franz ändert seinen Nachnamen und macht weiter Geschäfte ... " Seite 86 Wirtschaftswunder, das ist die Zeit, in der ich geboren wurde. Von all den Prozessen, die noch wegen der Judenverfolgung stattfanden, bekam ich nichts mit. Und in meinem Kopf sind so weit wie möglich alle Bösen zur Rechenschaft gezogen worden, die man erwischt hatte. Dieser Roman hat mich aber eines Besseren belehrt. Nicht jeder kam vor den Kader, nicht jeder musste bei Null anfangen oder konnte sich so gut hinter einem neuen oder einem angesehenen Namen verstecken. Als ich noch in die Windeln gemacht habe, waren junge Menschen dabei, als die Prozesse gegen die Verbrecher geführt worden sind. Sie machten Krach und zeigten mit dem Finger auf die Schuldigen, forderten Gerechtigkeit. " ... Und was die immerzu von Verantwortung faseln, der sich die Deutschen stellen sollen, diese jungen Idioten, keiner von denen war dabei, die tun gerade so, als wäre das alles eine Frage der persönlichen Integrität gewesen. ... " Seite 222 Christine Koschmieder erzählt eine Geschichte, die sich vielleicht in jeder "guten" deutschen Familie hätte abspielen können. Reni weiß von all den Machenschaften ihre Eltern kaum etwas und sie sieht nur das Familienfoto, das eine heile Welt zeigt. Die junge Frau scheint tatsächlich fast weltfremd zu sein und nur die Modebranche zu kennen. Auch der Leser bekommt die ganze Geschichte nur häppchenweise serviert. Der Roman wird abwechselnd von den verschiedenen Familienmitgliedern erzählt. Ich fand es etwas schwierig, den Roman " Frühjahrskollektion", zu lesen. Die Autorin macht oft nur Andeutungen, die sich der Leser erst zusammenreimen muss. Manchmal wiederholt sie Sätze. Vielleicht weil sie sich dann besser einprägen, vielleicht weil es verschiedene Perspektiven waren. Ich fand den Aspekt der Modeentwicklung sehr spannend. Aber auch die Entwicklung der Familie war interessant. Schön finde ich das Cover. Ich mag die halben Buchumschläge, die das schöne Muster vom Einband zeigen. In diesem Fall ist es ein Fashionmuster, wie es die Kleider in den 1960 Jahren oft zeigten.

Christine Koschmieder erzählt eine Geschichte, die sich vielleicht in jeder "guten" deutschen Familie hätte abspielen können.
3

Modewelt, Schuld und Verdrängung

Lilo betreibt in den 60er-Jahren einen kleinen Laden und will mit ihrer neuen Bademode durchstarten. Doch dann werden sie und Ehemann Harry von ihrer Vergangenheit eingeholt - einer Vergangenheit, die bis ins Ghetto von Litzmannstadt und in die NS-Zeit zurückreicht. Tochter Reni sucht als Mannequin ihren eigenen Weg in der Modewelt. Der Einstieg fiel mir zugegebenermaßen schwer - vor allem wegen des speziellen Schreibstils. Ich kam nie richtig in einen Lesefluss, auch weil die Erzählweise recht distanziert bleibt. Die wechselnden Perspektiven von Lilo, Harry und Reni waren hingegen interessant. Spannend fand ich die historische Einbettung: Die 60er-Jahre, das Nachhallen des Zweiten Weltkriegs, der gesellschaftliche Wandel und die Rolle der Modewelt ergeben einen vielschichtigen Kontext. Renis Perspektive hat mich dabei am meisten abgeholt - sie steht für den Aufbruch der Nachkriegsgeneration und ihre Entwicklung im Laufe der Handlung war am stärksten. Insgesamt wäre für mich aber mehr möglich gewesen, wenn Stil und Figuren zugänglicher gewesen wären. Trotz einiger Längen gab es auch starke Momente - vor allem, wenn es um Schuld, Verdrängung und den Umgang mit der eigenen Geschichte ging. Ganz überzeugt hat mich der Roman am Ende aber leider nicht - vor allem, weil ich mit dem Stil einfach nicht warm geworden bin, aber das bleibt letztendlich Geschmackssache.

Modewelt, Schuld und Verdrängung
4

Glatte Stoffe & dunkle Erinnerungen!? #Frühjahrskollektion entführt in die 1960er. Die Geschichte erzählt von Lilo, die nach dem wirtschaftlichen Erfolg mit dem „kleinen Schwarzen“ nun Bademode für die reifere Frau entwerfen möchte; ihrem Mann Harry arbeitete zuerst für ein Reiseunternehmen, das Kriegswitwen zu den Gräbern ihrer Ehemänner fährt, dann für Neckermann (wir kennen Neckermann doch noch, oder? ;-) und Tochter Reni von einem Leben als Mannequin träumt. All das wirkt perfekt – doch unter der glitzernden Oberfläche brodelt ein dunkles Geheimnis, als die Nachwirkungen des NS-Regimes und die beginnenden Auschwitz-Prozesse ihre Klauen nach ihnen ausstrecken. Erzählt wird aus den Perspektiven von Lilo, Harry und Reni – ein kluger Schachzug, der Nähe schafft und zeigt, wie unterschiedlich jeder Charakter mit der Vergangenheit umgeht. Ich mochte das sehr, denn es macht die Figuren vielschichtig und ihre inneren Konflikte nachvollziehbar. Koschmieder verwebt historische Recherche rund um Mode, Versandkataloge und Wirtschaftswunder mit dem persönlichen Drama einer Familie, die sich ihrer Mitverstrickung bewusst wird. Der Roman bleibt in der Sprache ruhig, klar, mit feinem Blick für Zwischentöne– und gerade das passt gut zur Erzählweise. Vieles bleibt in Andeutungen, manches muss zwischen den Zeilen „erdacht“ werden. Auch die Wahl der Bademode als Symbol (so verstehe ich es) ist durchdacht: Oberfläche, Hülle, Körper – was ist mit dem, das darunter verborgen liegt? Was dieses Buch besonders macht, ist die Art, wie es große Themen – die Nachwirkungen des Nationalsozialismus, patriarchale Strukturen, weibliche Selbstbestimmung – mit dem ganz Alltäglichen verwebt. Nichts wird laut ausgestellt, aber vieles spürt man beim Lesen. Frühjahrskollektion ist ein Roman über das, was bleibt, wenn man nicht über das spricht, was war. Für alle, die sich für klug erzählte Zeitgeschichte interessieren – ganz ohne Pathos, aber mit Nachhall.

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5

Deutschland, Nordhessen, 1964. Lilo Kowatz hat große Pläne: sie möchte mit einer eigenen Bademodenkollektion die Modewelt erobern. Ihr Mann Harry beginnt bei Neckermann zu arbeiten und ihre hübsche 20- jährige Tochter Reni hat eine erfolgreiche Karriere als Mannequin gestartet. Alle Zeichen stehen auf Erfolg - doch dann beginnt sich nicht nur die Justiz sondern auch die Allgemeinheit für die Vergangenheit der deutschen Modefirmen während der NS-Zeit zu interessieren.... Christine Koschmieder hat einen spannenden Roman mit interessanten Charakteren vor dem historischen Hintergrund der heutigen Modebranche/Versandhandelsbranche geschrieben.. Zudem nimmt sie uns Leser*innen mit in die 60er- Jahre in Deutschland, als der Auruhr und die Nachfragen danach, wer welche Rolle während der NS- Zeit gespielt hat, lauter wurden, die zu den 69er Studentenprotesten geführt haben. Leseempfehlung

4

Ein Buch wie kein zweites

**** Worum geht es? & Mein Eindruck **** Die Thematik des Buches ist wirklich einzigartig – ebenso wie ihre Darstellung. Wir begleiten eine Familie durch das Modejahr 1964 und werden dabei immer wieder überrascht. Denn der Alltag kann alles andere als langweilig sein. Dieses Buch ist gut recherchierte Geschichte, gefüllt mit Leben, einem trockenen Ton und Erzählmomenten, die auf den Punkt sind. Ich bin immer wieder gern in das Geschehen eingetaucht – habe das Buch aber auch zwischendurch gerne beiseitegelegt. An der Seite von Lilo, Harry und Reni erlebte ich das Wirtschaftswunder neu: voller Energie und Tatendrang, aber auch mit dem spürbaren Nachklang der NS-Zeit. Durch die wechselnden Perspektiven und sich überschneidenden Handlungsstränge kam es zu Wiederholungen – und gerade bei einem so kurzen Buch mit einem so prägnanten Stil bin ich davon kein großer Fan. Die drei Figuren der Familie könnten kaum unterschiedlicher sein: Während die einen schweigen, sehnen sich die anderen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Stimmung und Atmosphäre der 60er-Jahre wurde hervorragend eingefangen – und so las ich doch immer weiter. Die übergeordnete Botschaft hat gesessen, und genau die gilt es hier zu entdecken. Es hat sich gelohnt. **** Empfehlung? ****
Insgesamt handelt es sich um ein Buch wie kein zweites – vor allem wegen des besonderen Sprachstils der Autorin. Auch wenn mich die Wiederholungen gelegentlich gestört haben, konnte mich das Buch immer wieder fesseln. Ich spreche daher eine klare Empfehlung aus – besonders für Leser*innen, die in die 60er-Jahre eintauchen möchten und das Thema Freiheit auf literarische Weise erkunden wollen.

2.5

Die Idee zu dieser Geschichte hat mir gut gefallen, jedoch war der Schreibstil nicht meins. Es gab drei Hauptcharaktere, jedoch so viele Nebencharaktere, das ich keinen Überblick hatte und mir erst spät aufgefallen ist, das es eben nur drei Hauptcharaktere waren: Vater, Mutter, Tochter. Anhand der Bekleidungsindustrie wird dargestellt, wie nach dem 2. WK ehemalige Nazi-Größen und Partei-Sympathisanten weiter erfolgreich arbeiten konnte, mit leicht anderen Namen, mit vertuschten Vergangenheiten, bis hin zu arrangierten Ehen. Eigentlich eine wichtige Geschichte, die die Autorin hier schreibt, aber leider konnte sie mich mit ihrem Schreibstil nicht abholen.

4

Ein Roman über die Lebenslüge einer Familie, die dann irgendwann wie eine Seifenblase zerplatzt. – Die Gesellschaft vergisst nicht und man sollte nicht die Dinge aus seiner Vergangenheit verschweigen.

In einem eigenwilligen Schreibstil entführt uns Frau Koschmieder hier in die Welt der Familie Kowatz. Die Eltern hüten nicht nur ein Geheimnis vor der inzwischen erwachsenen Tochter, welche sich als Laufstegmodel einen Namen machen will. – Doch die Vergangenheit holt sie auf verschiedenste Art und Weise ein. Die Bademodenkolektion der Mutter Lilo scheitert krachend, noch bevor sie überhaupt auf den Markt kommt, da die Presse ihre Vergangenheit beleuchtet und da eine Parallele zu ihren heutigen Näherinnen zieht, die ihr Geschäft scheitern lassen. Die Tochter ist nicht klein und unbedarft. Ja, sie muss sich ein Kind wegmachen lassen, weil es ein Fehler war, mit diesem Amerikaner zu schlafen, aber wenn sie wüsste, wie sie selber entstanden ist und dass ihr Vater eigentlich nicht ihr Vater ist ... auch das bekommt sie im Laufe der Handlung heraus und ihre Welt bricht vollkommen zusammen. In jedem Fall ist das Leben in den sechziger Jahren wirklich sehr glaubwürdig und bildhaft dargestellt. Dieses Wirtschaftswunder, der Überfluss, der Handel mit der Ostzone und das nach Außen etwas darstellen, was man nicht ist, kommt wirklich sehr gut und glaubhaft rüber. Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig und man muss sich darauf einlassen. – Tut man dies aber, entfaltet sich eine Welt, die glaubhafter und aufregender nicht sein kann. Ich habe zwar kein Kopfkino gehabt, aber die ganze Zeit mitgefiebert und nur drauf gewartet, bis die ganze Familie in sich zusammenfällt, als das Lügengerüst so nach und nach zusammengefallen ist. Ein zeitgenössischer Roman, der von der Umschlaggestaltung her zwar zeitgemäß glaubhaft, aber zu unauffällig gestaltet ist. Hoffentlich verschwindet dieses Buch nicht einfach so in den Untiefen der vielen Neuerscheinungen auf dem Markt.

3.5

Gerne gelesen!

An sich hat mir die Thematik sehr gefallen und ich hatte das Gefühl, das alles sehr sehr gut recherchiert war, nur bin ich in der Handlung - vor allem gegen Ende - nicht mehr so richtig mitgekommen und hab immer wieder gedacht, ich hätte etwas überlesen. Ich mochte die Figuren, wäre aber gerne noch näher an ihnen dran gewesen.

3.5

"Wahrscheinlich könnten eher sie sich von ihm ausgeschlossen fühlen. Aber so funktioniert das mit der Zugehörigkeit ja nicht. Einer kann nicht alle anderen ausschließen. Zum Ausschließen gehören immer mehrere. Zum Ausgeschlossensein reicht einer."

5

Mode und 60er Jahre, ein ungeschönter, sehr fesselnder Blick in diese Zeit Lilo, Harry und Reni, eine Wirtschaftswundermusterfamilie in den 60er Jahren. Sie haben sich gut eingerichtet in ihrem perfekten Leben und ihrem Fertighausbungalow mit aufschiebbaren Glasfronten. Während Lilo das „Kleine Schwarze“ zum Erfolgsmodell avanciert hat und als Nächstes Bademoden herausbringen möchte, hierzu ihre Boutique aufgeben wird, ist Harry Fahrer eines Busses mit dem er Kriegerwitwen zu den Gräbern der gefallenen Ehemänner nach Frankreich fährt. Reni, die Tochter, ist Mannequin und lebt mit ihrem Freund Fred, der Chef einer Modeschau-Gesellschaft ist, zusammen. Sie streben alle - vordergründig- nach Geld und Anerkennung. Ihr Leben scheint perfekt. Umso länger wir sie begleiten, umso mehr bröckelt diese schöne Fassade, denn zum Verdruss von Lilo und Harry wird in dieser Zeit zuviel deren Vergangenheit im Nationalsozialismus aufgerührt. Und da haben Lilo, Harry und auch andere, die im Roman eine Rolle spielen, doch so einiges zu verbergen. Dennoch versuchen alle weiter ihren Weg zu machen und die Geheimnisse zu bewahren. Ob das klappt? Christine Koschmieder hat einen fesselnden Roman über diese Zeit geschrieben. Sie beleuchtet nicht nur in exzellenter und sehr kompetenter Weise die Mode dieser Zeit mit ihren Stoffen, der Herstellung, inklusive deren Vermarktung, so dass sie einen umfassenden Einblick gibt, sondern lässt diese Zeit sehr lebendig werden. Neben der Mode wird auch die unterschiedliche Lebensweise der Menschen gezeigt. Ich fühlte mich in diese Zeit zurückversetzt und was mir auch besonders gut gefallen hat ist, dass die Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten, die nur stellvertretend für viele Menschen in der damaligen Zeit stehen, sehr gekonnt dargestellt wird. Ich habe viel über die damalige Zeit nachgedacht, wie die Menschen, insbesondere die jungen sie - auch politisch- empfunden haben mögen. Die Geschichte von Lilo, Harry und Reni hat so einiges zu erzählen, ich fand das Buch unheimlich fesselnd und habe es in zwei Tagen ausgelesen. Ich empfehle diesen Roman jedem, der einen ungeschminkten Blick in die Zeit der 60er Jahre erhalten möchte. Mir hat dieser wirklich sehr gefallen.

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