Feministische Psychiatriekritik

Feministische Psychiatriekritik

Softcover
4.66
DepressionMacht Der MedizinZwangsbehandlungBorderline

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Description

Das Thema Psychiatriekritik ist schon lange aus dem Blickfeld von Feminist*innen verschwunden. ›Helfende‹ Maßnahmen werden nicht (mehr) gesellschaftskritisch analysiert, auch psychiatrisch-medizinische Ansätze werden nicht auf ihre strukturelle Bedeutung hin befragt – Geschichte scheint es in der Psychiatrie nicht zu geben. Dabei sind viele Fragen offen: Wie eigentlich entstehen ›psychische Krankheiten‹ in dieser Gesellschaft? Wie wird zwischen krank und gesund (nicht) unterschieden? Wird Homosexualität tatsächlich nicht mehr als Krankheit betrachtet? Womit wird psychiatrische Gewalt begründet? Welche Rolle spielen legale Drogen und Therapien? Hört die feministische Forderung »My body, my choice« bei Essstörungen und Selbstverletzungen auf? In der vorliegenden Einführung werden psychiatrische Ansätze aus einer gesellschaftskritischen Perspektive hinterfragt. Dabei orientiert sich die Autorin am Wissen Psychiatrie-Erfahrener. Es geht um die Trennung zwischen gesund und krank, um die Entstehung von Diagnosen, um Homosexualität und Hysterie und die Macht der Gutachten. Es wird beschrieben, wie psychiatrische Gewalt funktioniert; Fesselungen und die Verabreichung von Medikamenten werden dabei ebenso analysiert wie psychische Zugriffe. Abschließend werden Optionen vorgestellt, die Handlungsfähigkeit wieder möglich macht, wenn die Psychiatrie sich nicht als Ort des ›Helfens und Heilens‹ erweist. In dieser erweiterten Neuauflage gibt es zusätzlich Perspektiven auf Polizeigewalt, Neurodivergenz, neurobiologische Traumaforschung.

Book Information

Main Genre
Specialized Books
Sub Genre
Society & Social Sciences
Format
Softcover
Pages
104
Price
10.10 €

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Die Kulturwissenschaftlerin Peet Thesing übt in „Feministische Psychiatriekritik“ (2017) Kritik an psychiatrischer Theorie und Praxis aus feministischer Perspektive. Sie stellt nicht nur einzelne Aspekte der aktuellen Praxis (etwa Zwangsbehandlungen), sondern das Konzept der psychischen Krankheit als solches infrage. Thesing kritisiert die Grenzziehung zwischen gesund und krank. Indem - zum Glück - psychiatrische Diagnosen entstigmatisiert werden, gerät aus dem Blick, wie stark Diagnosekriterien von gesellschaftlichen Normen beeinflusst sind und sich ständig verändern. Während früher Hysterie oder Homosexualität pathologisiert wurden, enthalten auch aktuelle Diagnosen Wertungen darüber, was - auch geschlechtsspezifisch - als normal gilt. Sich die Haare auszureißen und zu hungern, um Schönheitsidealen zu entsprechen, ist sozialkonform. Sich mit einer Rasierklinge zu verletzen oder zu sehr zu hungern, ist pathologisiert. Zwar wird in der Regel auf den Leidensdruck abgestellt. Dabei wird aber nicht ausreichend beachtet, worin dieser gründet. Diagnosen gehen in der Regel von einem ursprünglich unbelasteten Leben aus. Ein solches hat es aber für viele Menschen, deren Leben durch Rassismus, Sexismus, Ableismus, Transfeindlichkeit etc. geprägt ist, nie gegeben. Eine Diagnose kann Anerkennung des eigenen Leids und Voraussetzung für Hilfe sein. (Selbst-)Pathologisierung führt aber auch dazu, dass gesellschaftliche Probleme auf Individuen ausgelagert werden. Betriebe bieten dann etwa Burnout-Präventionskurse an statt Arbeitszeitverkürzungen. Ziel sollte aber nicht nur die Entstigmatisierung psychiatrischer Diagnosen sein, sondern vor allem die Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen. Anderer Ansicht bin ich zum Thema Triggerwarnungen, die Thesing sehr kritisch sieht. Insgesamt enthält das Büchlein aber eine sehr dichte Einführung in wichtige Aspekte feministischer Psychiatriekritik. Besonders interessant finde ich die Vorschläge am Ende des Buches. Thesing fordert - neben einer politischen Diskussion über gesellschaftliche Bedingungen - etwa alternative Unterstützungsstrukturen, die unabhängig von einer Diagnose sind und auf individuelle Bedürfnisse eingehen.

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