Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
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Description
»Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.«
Was bedeutet es, eine Ost-Identität auferlegt zu bekommen? Eine Identität, die für die wachsende gesellschaftliche Spaltung verantwortlich gemacht wird? Der Attribute wie Populismus, mangelndes Demokratieverständnis, Rassismus, Verschwörungsmythen und Armut zugeschrieben werden? Dirk Oschmann zeigt in seinem augenöffnenden Buch, dass der Westen sich über dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer als Norm definiert und den Osten als Abweichung. Unsere Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden von westdeutschen Perspektiven dominiert. Pointiert durchleuchtet Oschmann, wie dieses Othering unserer Gesellschaft schadet, und initiiert damit eine überfällige Debatte.
»Wer über den Beitritt und die Folgen sprechen will, wird um dieses Buch nicht herumkommen.« Ingo Schulze
Book Information
Author Description
Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Sein Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung stieß auf große bundesweite Resonanz und stand wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste.
Posts
Aufschlussreich und für jeden de den Osten verstehen lernen möchte
Der Einstieg in dieses Thema fällt mir nicht leicht. Es ist einfach so vielschichtig und komplex, da bräuchte es eigentlich eine richtig ausführlichere und tiefgehender Betrachtung. Das Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann beschäftigt sich auf spannende und kritische Weise mit der Wahrnehmung und Konstruktion des Ostens in Deutschland. Oschmann analysiert, wie der Ostdeutsche in der westdeutschen Gesellschaft oft stereotypisiert und als „anders“ oder „fremd“ dargestellt wurde, was letztlich zu einer Art „Erfindung“ des Ostens als Gegenbild zum Westen führte. Das Buch bietet eine interessante Perspektive auf die Geschichte, Kultur und politische Entwicklung Deutschlands und regt zum Nachdenken darüber an, wie Identitäten und Grenzen in der Gesellschaft geformt werden. Das Buch hat meine Gefühle und Eindrücke bestätigt, auch wenn es primär die Perspektive einer eher elitären Gesellschaftsschicht beleuchtet. Ich empfinde die Darstellung als hervorragend geschrieben und tiefgründig recherchiert. Doch die gehäufte Verwendung von Fremdwörtern kann den Lesefluss stellenweise erschweren. Die Tatsache, dass der Autor in Gotha geboren wurde und an der Universität Leipzig lehrt und aus seiner Sicht verfasst wurde, verleiht der gesamten Darstellung eine unvergleichliche Authentizität. Die folgenden Zeilen geben meine ganz persönliche Betrachtung zu diesem Buch wieder. Sie sind als meine subjektive Einschätzung zu verstehen und sollen weder die eine noch die andere Seite despektierlich behandeln Darüber hinaus fiel mir auf, dass das Wort „Osten“ genauso negativ behaftet ist wie das Wort „Schwarz“, nur wird das oft nicht so thematisiert. Wie soll der Osten anders denkende Menschen akzeptieren, wenn er noch nicht einmal vom eigenen Rest des Landes anerkannt und akzeptiert wird? Das ist eine wichtige Frage, die im Buch mitschwingt und zeigt, wie tief gesellschaftliche Vorurteile verwurzelt sind. Ein wichtiger Fokus des Buches liegt auf der Entmystifizierung des Vorurteils, der Osten verstünde Demokratie nicht. Es zeigt stattdessen, dass demokratische Werte dort durchaus verankert sind, deren Umgang und Wahrnehmung jedoch maßgeblich durch spezifische historische Erfahrungen geformt wurden. Textstelle Seite 95 „Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder vor 1989 und erst recht nicht danach – er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie persönlicher.“(Klaus Wolfram) Das Buch thematisiert zudem eindringlich die oft fehlende Anerkennung ostdeutscher Künstler, die allein aufgrund ihrer Herkunft geschieht. Es offenbart, wie kulturelle Beiträge aus dem Osten systematisch unterbewertet werden, wodurch die tiefgreifende Wirkung von Vorurteilen und soziokulturellen Zuschreibungen auf die Wahrnehmung künstlerischer Qualität sichtbar wird. Ein zentraler Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist die oft verkürzte und negative Darstellung des Ostens als wirtschaftlich benachteiligt oder gar "dumm". Diese pauschale Sichtweise verkennt eine entscheidende historische Realität: In der DDR war der private Vermögensaufbau gesetzlich untersagt. Das Verbot des Vermögensaufbaus im kapitalistischen Sinne war keine einzelne, explizite Verbotsnorm im ZGB, sondern eine systembedingte Konsequenz der sozialistischen Eigentumsordnung. Das gesamte Wirtschaftsrecht und die Praxis der DDR waren darauf ausgelegt, die Akkumulation von Privatvermögen zu unterbinden und stattdessen das Volkseigentum und die zentrale Planwirtschaft zu stärken. Mit der Wiedervereinigung fehlten den Ostdeutschen schlichtweg die Startvoraussetzungen, die im Westen über Jahrzehnte hinweg zum Aufbau von Vermögen geführt hatten. Das Buch erklärt überzeugend, dass die wirtschaftliche Benachteiligung vieler Ostdeutscher nicht auf mangelnder Intelligenz oder Faulheit beruht, sondern auf dieser systembedingten Verhinderung von Vermögensbildung. Es wird deutlich, dass das Aufholen nach der Wende angesichts dieser grundlegenden Ungleichheit eine enorme Herausforderung darstellt und die bis heute spürbaren strukturellen Ungleichheiten maßgeblich prägt. Ein weiterer kritischer Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist der Prozess der Wiedervereinigung selbst, der oft als "Verschacherung" der DDR an den Meistbietenden wahrgenommen wurde. Das auch in der Literatur wiederzufinden ist „Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach, Seite 309 „ Oma hatte recht gehabt, unser Land wurde nicht bloß reformiert. Es ging nicht bloß darum, ein paar Begriffe und Bilder in den Büchern zu ersetzen – nein, das ganze Land galt als derart gescheitert, dass man es lieber gleich vollständig verschrottete.“ Die fehlende Anpassung der Verfassung und die einseitige Forderung nach einer vollständigen Angleichung des Ostens führten zu einem klaren Machtgefälle und Mitspracherecht-Defizit für die neuen Bundesländer. Das Buch zeigt zudem auf, wie diese Asymmetrie sich auch in konkreten Biografien niederschlug: So hatten viele qualifizierte ostdeutsche Professoren an westdeutschen Universitäten kaum Chancen, sich zu etablieren oder Karriere zu machen. Auch hier im Buch „ Unser geteilter Sommer“ auf Seite „Wir zogen von Prenzlauer Berg um in ihre winzige Wohnung im Wedding. Sie hatte keine Stelle als Dozentin gefunden und arbeitete als Putzfrau.“ Dies verdeutlicht eindringlich, in welchem Maße Ostdeutsche nach der Wende strukturell benachteiligt wurden und welche enormen Herausforderungen sie bei der Behauptung in der neuen Gesellschaft zu meistern hatten. Textstelle, Seite 123 „Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.“/ Seite 215/ Nr. 94 Odo Marquards berühmter Satz „Zukunft braucht Herkunft“ und nicht wenn man die falsche Herkunft hat. Einfach mal drüber nachdenken. Dieses Buch war für mich unglaublich aufschlussreich es hat mir nicht nur die Augen geöffnet, sondern mich auch tief in meiner eigenen Wahrnehmung bestätigt. Es zeigt eindrücklich, wie sehr unsere Sicht auf die Welt von vielem beeinflusst wird und wie wichtig es ist, sich kritisch mit solchen gesellschaftlichen Konstruktionen auseinanderzusetzen. Ich fand es verständlich geschrieben und es hat mich dazu angeregt, meine eigene Perspektive zu hinterfragen, während es gleichzeitig den Wunsch weckt, dass mehr Verständnis und Neugierde für andere Blickwinkel in unserer Gesellschaft vorhanden wären.
Notwendig, und zu Recht wütend.
Oschmanns Buch ist kein regionales "Jammern", sondern ein tiefes Unbehagen an der Konstruktion einer Öffentlichkeit, die zwar gesamtdeutsch heißt, aber westdeutsch funktioniert. Habermas’ Idee einer deliberativen Öffentlichkeit, in der Rationalität und Gleichberechtigung herrschen sollten, wurde mit der Wiedervereinigung nicht eingelöst. Oschmann beschreibt diese Stummheit, da sie bis heute strukturell fortwirkt. Es gibt keine Medienplattformen, die nicht westdeutsch kontrolliert sind. Bis heute darf das „gesamtdeutsche“ Fernsehen kaum sächsisch, anhaltinisch oder thüringisch klingen, weil Sprache ja gesellschaftliche Zugehörigkeit markiert. Und diese Dialekte klingen ja doof. Bis heute besteht auch ein steiles Macht-, Herrschafts-, Besitz-, Lohn-, Renten- und Erbschafts- und Diskursgefälle. Zuhören ja, aber reden und womöglich kritisieren, nein. Mit dem Elitenaustausch an den Universitäten sind bis heute nahezu alle Professuren und Dekanate an ostdeutschen Universitäten in westdeutscher Hand, seit 1990. Kamen doch damals auch die Assistenten etc. mit, die dann die nächste Generation bildeten. Ich finde es gut, dass Oschmanns so wütend darüber ist und das so artikuliert. Oft hört man, ja, aber Merkel, aber Gauck. Merkel hat erst in ihrer Abschlussrede auf ihre ostdeutsche Herkunft Bezug genommen. Und Gaucks Wort vom „Dunkeldeutschland“ war kein Zufall, danke für nichts. Passend dazu sein Duckmäusertum in der Revolution am Ende der DDR. Dass auch sein Sohn in der FAZ Oschmanns Kritik als „Überempfindlichkeit“ abtut, ist auch nicht überraschend. Ein schönes Beispiel auch das geplante Forum Recht. Der Bundestag entschied sich für den Standort Leipzig. Dann gab es Kritik aus dem Justizministerium, die Vergabe wurde abgeblasen und das Zentrum sollte in Karlsruhe entstehen. Nach heftigem Protest wird es nun zwei Zentren geben, wobei Karlsruhe besser finanziert werden wird. Irgendwann heißt es dann vielleicht, was sollen wir mit dem kleinen Standort Leipzig, weg damit. Die Ostdeutschen ist kein Angriff, sondern ein Versuch, das demokratische Projekt zu vollenden – indem er jene Öffentlichkeit fordert, die Habermas einst entworfen, aber deren integrale Hälfte das vereinte Deutschland nie wirklich zugelassen hat. Sehr lesenswert.
Nur aus dem Osten
„Man hört gar nicht, dass du aus dem Osten kommst.“ Diesen Satz habe ich schon mehrmals gehört und nie besonders intensiv darüber nachgedacht, was dahinter steckt. Und das, obwohl es „den Osten“ schon eine Weile nicht mehr gab, als ich geboren wurde. Dirk Oschmann hat da ein paar direktere und auch unangenehmere Erfahrungen gemacht und gemerkt, dass es auch heute, über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, eine genaue Vorstellung davon gibt, was „den Osten“ ausmacht - und das ist nichts Gutes. Der Autor spürt dabei nicht nur eigenen Erfahrungen nach, sondern geht ebenso auf Ursachensuche und erläutert die bis heute spürbaren Konsequenzen. Oschmanns Text muss man dabei schon als emotionsgeladen bezeichnen, was allerdings absolut zur Aussageabsicht passte. Denn den devoten Part bekommen Menschen „im Osten“ viel zu oft zugewiesen - nun ist es Zeit, die Stimme zu erheben. So gesehen habe ich nicht nur viel erhellend Theoretisches, sondern auch praktisch Nützliches gelernt für den Fall, dass mir mal wieder jemand so ein zweifelhaftes „Kompliment“ wie oben macht.
Da legt aber mal jemand den Finger in die Wunde! Und das schmerzt. Über Vieles habe ich so noch gar nicht nachgedacht und doch habe ich mich oft wiedergefunden. Das hat für spannende Diskussionen auch hier zu Hause gesorgt. Klare Worte von Dirk Oschmann. Danke für den anderen Blickwinkel, der so vieles erklärt und verständlich macht.
Wenn wir alle wie Dirk Oschmann wären, würde die Mauer heute noch stehen
Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem so sehr pauschalisiert wird wie in diesem. Es gibt nur ‚den Westen‘ (böse und bevormundend) und den Osten. Genau diese Einstellung führt zu einer Spaltung in der Gesellschaft. Teilweise werden tatsächlich Dinge angesprochen, welche definitiv falsch laufen. Das war der eigentliche Grund warum ich dieses Buch gekauft habe.
Das Buch hätte vom Thema sehr gut und wichtig sein können, wenn es nicht durch und durch in einem sehr aggressiven, wutentbranntem Ton geschrieben wäre. Die Benachteiligungen der Menschen im Osten in einigen Bereichen treten fast in den Hintergrund, da man sich über den Negativismus des Autors aufregt. Er benutzt im gesamten Text Kraftausdrücke, um scheinbar Gehör zu bekommen, dieses aber beim Leser eher das Gegenteil auslöst. Sein Ton wird von einigen Kritikern als aggressiv und von Wut geprägt bemängelt, und das ist dem Autor sogar bewusst. Er nutzt diese Kritiken und widmet diesen mehr als ein ganzes Kapitel, in dem er sich ständig rechtfertigt ... Er sagt sogar: "So gehört der Ton als Tonstörung und neues Musik unbedingt zur Sache dazu". Sonst begreifen wir aus dem Westen das nicht. Wer in diesem Buch hier wen diffamiert bleibt die Frage
Meinungsstark und brandaktuell
Oschmann legt im letzten Kapitel selbst dar wie das Buch zu verstehe ist. Es geht nicht um eine differenzierte Betrachtung oder tiefsinnige Auseinandersetzung. Es ist eine Streitschrift und kann damit nur über die spitzen Formulierung den eigentlichen Inhalt rüberbringen, der sonst verloren geht. Selten hat mir ein Buch so eingeleuchtet wie dieses. Oschmann breitet Antworten auf alle aktuellen Problemlagen in Deutschland aus. Antworten, die in einem rein sachlichen Buch nicht zu Wort gekommen wären. Das Buch schafft eine klare Abgrenzung zu DDR-Nostalige und kann trotzdem die Probleme der Wendeerfahrung hervorragend herausarbeiten. Oschmann spricht viele unbequeme Wahrheiten an, er hinterfragt Gewöhnliches und vor allem, stellt er die sogenannten Ostdeutschen in den Vordergrund. Dieses meinungsstarke Werk gibt nichts anderem als einer Minderheit eine Stimme. Sehr empfehlenswert für alle, die sich in diesen Tagen wieder sorgen um "den Osten" machen.
Haben in einem Seminar zur Nostalgie und DDR Geschichte mal über das Buch gesprochen, weswegen ich es mir jetzt doch unbedingt mal anschauen musste. Das Buch ist durchaus gut geschrieben, auch wenn ich nicht jede Meinung des Autors vertreten kann. Trotz dessen fand ich seine Erläuterungen wahnsinnig spannend und konnte mich als Ostdeutsche Studentin der Uni Halle auch in viele Situationen hineinversetzen, auch wenn ich selbst gar nicht in den Zeiten der DDR geboren wurde.
Herr Oschmann spricht hier ohne Zweifel wichtige & richtige Tatsachen an, aber er gefällt sich in seiner Rolle des Opfers zu sehr. Zudem finde ich diverse Beispiele auch schwer nachzuvollziehen, bzw. wird dort meiner Meinung nach zu viel hineininterpretiert. Auch das Wort Ghettoisierung finde ich im Zusammenhang des Themas, im besten Fall unglücklich gewählt.
"Kaum eine gesellschaftliche Gruppe ist nach 1990 so benachteiligt worden wie ostdeutsche Männer." Mit dieser, in meinen Augen schon kontroversen, Aussage eröffnet Oschmann seine Streitschrift. Ich bin Kind eines "Ossis", das im Westen aufgewachsen ist, vor 8 Jahren jedoch alleine in den Osten zog. Das Thema an sich ist dadurch also nichts Neues für mich, da ich mit gewissen Vorurteilen gegenüber "Ossis" einfach aufgewachsen bin. Da kommt man im Westen nicht drum rum. Positiv zu erwähnen ist, dass der Autor erwähnte, dass Kunst und Literatur von Ostdeutschen beispielsweise an Schulen und Unis komplett verloren ging. Ein Thema, über dies ich erst letztes Jahr das erste mal bewusst nachgedacht habe als mir von Christa Wolf erzählt wurde. Ich habe nie bedacht, dass die DDR vielleicht auch "eigene" Autoren hatte. Der Großteil des Buches beinhaltet jedoch nur Gejammer seitens Oschmanns. Gejammer, dass bei Jobs eher Frauen bevorzugt werden statt ostdeutsche Männer. Gejammer, dass der RB Leipzig doch so einen schlechten Ruf hat. Dann ging er auf einen Konflikt in der Kunst ein, in der es um ein Bild ging. Da ich noch nie von dem Konflikt gehört habe verstand ich gar nicht richtig was Sache war. Das Bild wurde nicht gezeigt und auf die Deutung des Bildes ging der Autor nicht ein. Ab diesem Punkt fing ich an, die restlichen Seiten zu überspringen. Oschmann redet sich erfolgreich ein, zu einer unterdrückten Gruppe zu gehören. Klar, ich als "Wessi" verdiene im Osten definitiv weniger, und dann auch noch als Frau. Aber das Ost-West Gefälle mit der Gender Pay Gap zu vergleichen... nein. Hier ertrinkt jemand in Selbstmitleid.
„Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ ist ein Buch voller Zuspitzungen, das keine Differenziertheit beabsichtigt, dadurch aber zum Gespräch über das Geschriebene anregt.
Ost-Identität. Was soll das sein? Gibt es sie? Ich meine nicht. Dennoch gibt es Narrative, Vorstellungen, Stereotype, Vorurteile, die mit dem Osten in Verbindung gebracht werden. Es sind Fremdzuschreibungen, die das Bild von Ostdeutschland prägen und die Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben haben, wobei „der Westen“, als Norm definiert, während der Osten als Abweichung verstanden wird. In seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ widmet sich der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann der Konstruktion des Ostens durch den Westen, wobei der Diskurs über Ostdeutschland in seiner Wahrnehmung herabblassend, selbstgefällig und selbstgerecht geführt wird, und dessen Konsequenzen. Dirk Oschmanns Text speist sich aus autobiografischen Beobachtungen, wobei die Wut in seinen Worten deutlich spürbar ist. Das Buch ist weniger auf Dialog angelegt, sondern arbeitet mit Zuspitzungen und Verallgemeinerungen, sowie Sarkasmus und Ironie, um die Kernproblematik offen zu legen. Dies ist Oschmann jedoch bewusst und er verweist auf die vielen differenzierten Darstellungen, die die Forschung zu bieten hat. Wie der Autor selbst zugibt, bietet das Buch inhaltlich nicht viel neues, wenn man sich mit dem Thema bereits beschäftigt hat. Dennoch legt der den Finger in die Wunde und ruft zurück ins Gedächtnis. Ich persönlich habe noch etwas über die Widervereinigung gelernt, einige Dinge reflektiert und eigene Vorurteile hinterfragt. Gleichzeitig kann ich nicht allen Punkten, auf die er eingeht, zustimmen. Er lässt Entwicklungen der letzten Jahre außer Acht, wie die Zunahme der Journalist*innen aus Ostdeutschland und deren Perspektive in medialen Diskursen. Ebenso wenig wie „den Osten" gibt es „den Westen" und seine Darstellung der Ursachen für Rechtsextremismus war zu einseitig und verkürzt. Differenzierung hin oder her, rechte Einstellungen lassen sich nicht nur auf den Zuzug von Rechtsextremist*innen aus den alten Bundesländern und den fehlenden Kontakt zu Ausländern in der DDR zurückführen. Es sind also viele der Dinge, die Dirk Oschmann beschreibt, nicht aktuell , sodass das Buch nicht die derzeitigen Diskurse widerspiegelt, die schon deutlich weiter sind. Alles in allem bietet das Buch dennoch interessante Anstöße. Er zeigt auf woher das Bild, welches über Ostdeutschland herrscht, herkommt und wie es immer und immer wieder reproduziert wird. „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ ist ein Buch voller Zuspitzungen, das keine Differenziertheit beabsichtigt, dadurch aber zum Gespräch über das Geschriebene anregt.

Liefert viele interessante Denkanstöße
Das Vorurteil, dass die Menschen im Osten alle rechts seien, hat glaube ich jeder von uns schon einmal gehört. Dirk Oschmann analysiert in seinem Buch über die deutsch-deutsche Beziehung die Hintergründe der Spaltung in unserer heutigen Beziehung. Seine Sprache ist aggressiv und mitreißend, von Emotionalität und jahrelanger Ungerechtigkeit, die sich in diesem Buch zu entladen scheint, aufgeladen. Er stellt viele wichtige Bezüge her und beleuchtet unterschiedliche Arten der Ausgrenzung, die „Ostdeutsche“ immer wieder erfahren. Die wohl wichtigste Botschaft, die ich mitnehme ist die, dass wir etwas in unserer Sprach- und Denkweise über die innerdeutschen Beziehungen ändern müssen, um die Kluft zwischen West und Ost, die seit der Teilung vorliegt, eingrenzen zu können. Erschreckend fand ich die vielen Beispiele aus öffentlichen Medien, die die Diskreditierung von sogenannten „Ossis“ darstellt - kaum zu glauben, dass das journalistische Arbeit genannt werden kann (Beispiel Spiegelartikel „So isser der Ossi“). Oschmann hat diese Statements und Karikaturen meiner Meinung nach gründlich und schlüssig analysiert. Was ich jedoch an dem Buch bemängeln würde, ist, dass wirklich sehr viel wiederholt wird. Ja, was mehrfach gesagt wird bleibt besser im Gedächtnis, aber es fiel mir doch teilweise schwer mich zu konzentrieren, wenn ich einen ganzen Paragraphen an Zuschreibungen in Form von Adjektiven durchlesen musste und dieser 2 Seiten später noch einmal (fast) wörtlich wiederholt wird. Außerdem stimme ich seiner Meinung, was die Differenzierung von Kunst und der Biografie des Kunstschaffenden angeht, nicht zu.
Dirk Oschmann schreibt eine bewusst polemisch geschriebene Streitschrift aufbauend auf einem FAZ-Artikel von ihm selbst über die Diskrimierung von vor allem männlicher Menschen, die in der ehemaligen DDR oder im widervereinigten Deutschland in "den neuen Bundesländern" geboren wurden. Als berufener Professor für Literaturwissenschaft, geboren in Gotha, fühlt er sich berufen zu diesem Thema zu schreiben und sich dazu zu äußern. Er sieht eine systematische Benachteiligung durch Presse, Medien, Wirtschaft und vor allem durch die Westdeutschen. Auch wenn Geschichte von den Siegern geschrieben wird, möchte er diese Art von Geschichtsschreibung und -verklärung in seinen Augen nicht akzeptieren. Er bleibt hierbei bewusst polemisch, arbeitet aber wissenschaftlich mit vielen Anmerkungen und reichlich Fussnoten. Eins der Lieblingsargumente ist wenn es um die beschriebene systematische Diskriminierung geht, ist, dass die BRD vor allem mit Altnazis aufgebaut wurde und dies niemals angesprochen wurde. In meinen Augen leider Whataboutism, aber sachlich natürlich richtig. Insgesamt bestimmt ein guter Ansatz, der aber nicht weiter als "die bösen Wessi-Eliten" wollen nur sich selber bevorzugen, ich bin zwar selber Professor, aber auch ich habe schlimme Erfahrungen gemacht.... Gut gestartet, aber nicht genug Tiefgang und dafür auch zu kurz.
Oschmann hat ein paar richtige Punkte – unbestritten. Aber eben auch nur ein paar. Mit welcher Einseitigkeit er seine Thesen vorträgt, ist schwer erträglich. Dabei geht er zum einen über alles hinweg, was seine These nicht stützt (Wie soll man das nennen? *Rotten Apple Picking*?) und beachtet auch die differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema in großen Teilen überhaupt nicht. Wirklich ärgerlich finde ich aber, dass er seine eigene Sicht verabsolutiert und dabei die Sichtweise der um 1990 herum Geborenen, der *dritten Generation Ost*, die in vielen Fällen ziemlich gut in Gesamtdeutschland unterwegs ist und durchaus mehr kennt als Herkunftsscham, unterschlägt und ausblendet. Auch glaube ich nicht, dass mit diesem Buch auch nur ein politischer Kampf gewonnen werden kann. Wenn, dann dient es als Apologie für alle im Osten, die schon immer wussten, dass „der Westen“ eigentlich nur Böses im Sinn hat und außerdem für all ihre Probleme verantwortlich ist.
Eine interessante ostdeutsche Perspektive. Viele Beispiele begründen die Stellungnahme und geben Hintergrundwissen. Letztlich ist mir das Buch doch mit gefühlten Wiederholungen zu langatmig. Einige Missstände, wie die Differenz in der Rentenhöhe, sind zum Glück nun zum 01.07.23 aufgehoben. Es bleibt ein wichtiger Beitrag zur Akzeptanz und Gleichberechtigung aller in Deutschland lebenden Bürger:innen
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»Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.«
Was bedeutet es, eine Ost-Identität auferlegt zu bekommen? Eine Identität, die für die wachsende gesellschaftliche Spaltung verantwortlich gemacht wird? Der Attribute wie Populismus, mangelndes Demokratieverständnis, Rassismus, Verschwörungsmythen und Armut zugeschrieben werden? Dirk Oschmann zeigt in seinem augenöffnenden Buch, dass der Westen sich über dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer als Norm definiert und den Osten als Abweichung. Unsere Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden von westdeutschen Perspektiven dominiert. Pointiert durchleuchtet Oschmann, wie dieses Othering unserer Gesellschaft schadet, und initiiert damit eine überfällige Debatte.
»Wer über den Beitritt und die Folgen sprechen will, wird um dieses Buch nicht herumkommen.« Ingo Schulze
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Author Description
Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Sein Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung stieß auf große bundesweite Resonanz und stand wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste.
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Aufschlussreich und für jeden de den Osten verstehen lernen möchte
Der Einstieg in dieses Thema fällt mir nicht leicht. Es ist einfach so vielschichtig und komplex, da bräuchte es eigentlich eine richtig ausführlichere und tiefgehender Betrachtung. Das Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann beschäftigt sich auf spannende und kritische Weise mit der Wahrnehmung und Konstruktion des Ostens in Deutschland. Oschmann analysiert, wie der Ostdeutsche in der westdeutschen Gesellschaft oft stereotypisiert und als „anders“ oder „fremd“ dargestellt wurde, was letztlich zu einer Art „Erfindung“ des Ostens als Gegenbild zum Westen führte. Das Buch bietet eine interessante Perspektive auf die Geschichte, Kultur und politische Entwicklung Deutschlands und regt zum Nachdenken darüber an, wie Identitäten und Grenzen in der Gesellschaft geformt werden. Das Buch hat meine Gefühle und Eindrücke bestätigt, auch wenn es primär die Perspektive einer eher elitären Gesellschaftsschicht beleuchtet. Ich empfinde die Darstellung als hervorragend geschrieben und tiefgründig recherchiert. Doch die gehäufte Verwendung von Fremdwörtern kann den Lesefluss stellenweise erschweren. Die Tatsache, dass der Autor in Gotha geboren wurde und an der Universität Leipzig lehrt und aus seiner Sicht verfasst wurde, verleiht der gesamten Darstellung eine unvergleichliche Authentizität. Die folgenden Zeilen geben meine ganz persönliche Betrachtung zu diesem Buch wieder. Sie sind als meine subjektive Einschätzung zu verstehen und sollen weder die eine noch die andere Seite despektierlich behandeln Darüber hinaus fiel mir auf, dass das Wort „Osten“ genauso negativ behaftet ist wie das Wort „Schwarz“, nur wird das oft nicht so thematisiert. Wie soll der Osten anders denkende Menschen akzeptieren, wenn er noch nicht einmal vom eigenen Rest des Landes anerkannt und akzeptiert wird? Das ist eine wichtige Frage, die im Buch mitschwingt und zeigt, wie tief gesellschaftliche Vorurteile verwurzelt sind. Ein wichtiger Fokus des Buches liegt auf der Entmystifizierung des Vorurteils, der Osten verstünde Demokratie nicht. Es zeigt stattdessen, dass demokratische Werte dort durchaus verankert sind, deren Umgang und Wahrnehmung jedoch maßgeblich durch spezifische historische Erfahrungen geformt wurden. Textstelle Seite 95 „Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder vor 1989 und erst recht nicht danach – er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie persönlicher.“(Klaus Wolfram) Das Buch thematisiert zudem eindringlich die oft fehlende Anerkennung ostdeutscher Künstler, die allein aufgrund ihrer Herkunft geschieht. Es offenbart, wie kulturelle Beiträge aus dem Osten systematisch unterbewertet werden, wodurch die tiefgreifende Wirkung von Vorurteilen und soziokulturellen Zuschreibungen auf die Wahrnehmung künstlerischer Qualität sichtbar wird. Ein zentraler Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist die oft verkürzte und negative Darstellung des Ostens als wirtschaftlich benachteiligt oder gar "dumm". Diese pauschale Sichtweise verkennt eine entscheidende historische Realität: In der DDR war der private Vermögensaufbau gesetzlich untersagt. Das Verbot des Vermögensaufbaus im kapitalistischen Sinne war keine einzelne, explizite Verbotsnorm im ZGB, sondern eine systembedingte Konsequenz der sozialistischen Eigentumsordnung. Das gesamte Wirtschaftsrecht und die Praxis der DDR waren darauf ausgelegt, die Akkumulation von Privatvermögen zu unterbinden und stattdessen das Volkseigentum und die zentrale Planwirtschaft zu stärken. Mit der Wiedervereinigung fehlten den Ostdeutschen schlichtweg die Startvoraussetzungen, die im Westen über Jahrzehnte hinweg zum Aufbau von Vermögen geführt hatten. Das Buch erklärt überzeugend, dass die wirtschaftliche Benachteiligung vieler Ostdeutscher nicht auf mangelnder Intelligenz oder Faulheit beruht, sondern auf dieser systembedingten Verhinderung von Vermögensbildung. Es wird deutlich, dass das Aufholen nach der Wende angesichts dieser grundlegenden Ungleichheit eine enorme Herausforderung darstellt und die bis heute spürbaren strukturellen Ungleichheiten maßgeblich prägt. Ein weiterer kritischer Aspekt, den das Buch beleuchtet, ist der Prozess der Wiedervereinigung selbst, der oft als "Verschacherung" der DDR an den Meistbietenden wahrgenommen wurde. Das auch in der Literatur wiederzufinden ist „Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach, Seite 309 „ Oma hatte recht gehabt, unser Land wurde nicht bloß reformiert. Es ging nicht bloß darum, ein paar Begriffe und Bilder in den Büchern zu ersetzen – nein, das ganze Land galt als derart gescheitert, dass man es lieber gleich vollständig verschrottete.“ Die fehlende Anpassung der Verfassung und die einseitige Forderung nach einer vollständigen Angleichung des Ostens führten zu einem klaren Machtgefälle und Mitspracherecht-Defizit für die neuen Bundesländer. Das Buch zeigt zudem auf, wie diese Asymmetrie sich auch in konkreten Biografien niederschlug: So hatten viele qualifizierte ostdeutsche Professoren an westdeutschen Universitäten kaum Chancen, sich zu etablieren oder Karriere zu machen. Auch hier im Buch „ Unser geteilter Sommer“ auf Seite „Wir zogen von Prenzlauer Berg um in ihre winzige Wohnung im Wedding. Sie hatte keine Stelle als Dozentin gefunden und arbeitete als Putzfrau.“ Dies verdeutlicht eindringlich, in welchem Maße Ostdeutsche nach der Wende strukturell benachteiligt wurden und welche enormen Herausforderungen sie bei der Behauptung in der neuen Gesellschaft zu meistern hatten. Textstelle, Seite 123 „Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird.“/ Seite 215/ Nr. 94 Odo Marquards berühmter Satz „Zukunft braucht Herkunft“ und nicht wenn man die falsche Herkunft hat. Einfach mal drüber nachdenken. Dieses Buch war für mich unglaublich aufschlussreich es hat mir nicht nur die Augen geöffnet, sondern mich auch tief in meiner eigenen Wahrnehmung bestätigt. Es zeigt eindrücklich, wie sehr unsere Sicht auf die Welt von vielem beeinflusst wird und wie wichtig es ist, sich kritisch mit solchen gesellschaftlichen Konstruktionen auseinanderzusetzen. Ich fand es verständlich geschrieben und es hat mich dazu angeregt, meine eigene Perspektive zu hinterfragen, während es gleichzeitig den Wunsch weckt, dass mehr Verständnis und Neugierde für andere Blickwinkel in unserer Gesellschaft vorhanden wären.
Notwendig, und zu Recht wütend.
Oschmanns Buch ist kein regionales "Jammern", sondern ein tiefes Unbehagen an der Konstruktion einer Öffentlichkeit, die zwar gesamtdeutsch heißt, aber westdeutsch funktioniert. Habermas’ Idee einer deliberativen Öffentlichkeit, in der Rationalität und Gleichberechtigung herrschen sollten, wurde mit der Wiedervereinigung nicht eingelöst. Oschmann beschreibt diese Stummheit, da sie bis heute strukturell fortwirkt. Es gibt keine Medienplattformen, die nicht westdeutsch kontrolliert sind. Bis heute darf das „gesamtdeutsche“ Fernsehen kaum sächsisch, anhaltinisch oder thüringisch klingen, weil Sprache ja gesellschaftliche Zugehörigkeit markiert. Und diese Dialekte klingen ja doof. Bis heute besteht auch ein steiles Macht-, Herrschafts-, Besitz-, Lohn-, Renten- und Erbschafts- und Diskursgefälle. Zuhören ja, aber reden und womöglich kritisieren, nein. Mit dem Elitenaustausch an den Universitäten sind bis heute nahezu alle Professuren und Dekanate an ostdeutschen Universitäten in westdeutscher Hand, seit 1990. Kamen doch damals auch die Assistenten etc. mit, die dann die nächste Generation bildeten. Ich finde es gut, dass Oschmanns so wütend darüber ist und das so artikuliert. Oft hört man, ja, aber Merkel, aber Gauck. Merkel hat erst in ihrer Abschlussrede auf ihre ostdeutsche Herkunft Bezug genommen. Und Gaucks Wort vom „Dunkeldeutschland“ war kein Zufall, danke für nichts. Passend dazu sein Duckmäusertum in der Revolution am Ende der DDR. Dass auch sein Sohn in der FAZ Oschmanns Kritik als „Überempfindlichkeit“ abtut, ist auch nicht überraschend. Ein schönes Beispiel auch das geplante Forum Recht. Der Bundestag entschied sich für den Standort Leipzig. Dann gab es Kritik aus dem Justizministerium, die Vergabe wurde abgeblasen und das Zentrum sollte in Karlsruhe entstehen. Nach heftigem Protest wird es nun zwei Zentren geben, wobei Karlsruhe besser finanziert werden wird. Irgendwann heißt es dann vielleicht, was sollen wir mit dem kleinen Standort Leipzig, weg damit. Die Ostdeutschen ist kein Angriff, sondern ein Versuch, das demokratische Projekt zu vollenden – indem er jene Öffentlichkeit fordert, die Habermas einst entworfen, aber deren integrale Hälfte das vereinte Deutschland nie wirklich zugelassen hat. Sehr lesenswert.
Nur aus dem Osten
„Man hört gar nicht, dass du aus dem Osten kommst.“ Diesen Satz habe ich schon mehrmals gehört und nie besonders intensiv darüber nachgedacht, was dahinter steckt. Und das, obwohl es „den Osten“ schon eine Weile nicht mehr gab, als ich geboren wurde. Dirk Oschmann hat da ein paar direktere und auch unangenehmere Erfahrungen gemacht und gemerkt, dass es auch heute, über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, eine genaue Vorstellung davon gibt, was „den Osten“ ausmacht - und das ist nichts Gutes. Der Autor spürt dabei nicht nur eigenen Erfahrungen nach, sondern geht ebenso auf Ursachensuche und erläutert die bis heute spürbaren Konsequenzen. Oschmanns Text muss man dabei schon als emotionsgeladen bezeichnen, was allerdings absolut zur Aussageabsicht passte. Denn den devoten Part bekommen Menschen „im Osten“ viel zu oft zugewiesen - nun ist es Zeit, die Stimme zu erheben. So gesehen habe ich nicht nur viel erhellend Theoretisches, sondern auch praktisch Nützliches gelernt für den Fall, dass mir mal wieder jemand so ein zweifelhaftes „Kompliment“ wie oben macht.
Da legt aber mal jemand den Finger in die Wunde! Und das schmerzt. Über Vieles habe ich so noch gar nicht nachgedacht und doch habe ich mich oft wiedergefunden. Das hat für spannende Diskussionen auch hier zu Hause gesorgt. Klare Worte von Dirk Oschmann. Danke für den anderen Blickwinkel, der so vieles erklärt und verständlich macht.
Wenn wir alle wie Dirk Oschmann wären, würde die Mauer heute noch stehen
Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem so sehr pauschalisiert wird wie in diesem. Es gibt nur ‚den Westen‘ (böse und bevormundend) und den Osten. Genau diese Einstellung führt zu einer Spaltung in der Gesellschaft. Teilweise werden tatsächlich Dinge angesprochen, welche definitiv falsch laufen. Das war der eigentliche Grund warum ich dieses Buch gekauft habe.
Das Buch hätte vom Thema sehr gut und wichtig sein können, wenn es nicht durch und durch in einem sehr aggressiven, wutentbranntem Ton geschrieben wäre. Die Benachteiligungen der Menschen im Osten in einigen Bereichen treten fast in den Hintergrund, da man sich über den Negativismus des Autors aufregt. Er benutzt im gesamten Text Kraftausdrücke, um scheinbar Gehör zu bekommen, dieses aber beim Leser eher das Gegenteil auslöst. Sein Ton wird von einigen Kritikern als aggressiv und von Wut geprägt bemängelt, und das ist dem Autor sogar bewusst. Er nutzt diese Kritiken und widmet diesen mehr als ein ganzes Kapitel, in dem er sich ständig rechtfertigt ... Er sagt sogar: "So gehört der Ton als Tonstörung und neues Musik unbedingt zur Sache dazu". Sonst begreifen wir aus dem Westen das nicht. Wer in diesem Buch hier wen diffamiert bleibt die Frage
Meinungsstark und brandaktuell
Oschmann legt im letzten Kapitel selbst dar wie das Buch zu verstehe ist. Es geht nicht um eine differenzierte Betrachtung oder tiefsinnige Auseinandersetzung. Es ist eine Streitschrift und kann damit nur über die spitzen Formulierung den eigentlichen Inhalt rüberbringen, der sonst verloren geht. Selten hat mir ein Buch so eingeleuchtet wie dieses. Oschmann breitet Antworten auf alle aktuellen Problemlagen in Deutschland aus. Antworten, die in einem rein sachlichen Buch nicht zu Wort gekommen wären. Das Buch schafft eine klare Abgrenzung zu DDR-Nostalige und kann trotzdem die Probleme der Wendeerfahrung hervorragend herausarbeiten. Oschmann spricht viele unbequeme Wahrheiten an, er hinterfragt Gewöhnliches und vor allem, stellt er die sogenannten Ostdeutschen in den Vordergrund. Dieses meinungsstarke Werk gibt nichts anderem als einer Minderheit eine Stimme. Sehr empfehlenswert für alle, die sich in diesen Tagen wieder sorgen um "den Osten" machen.
Haben in einem Seminar zur Nostalgie und DDR Geschichte mal über das Buch gesprochen, weswegen ich es mir jetzt doch unbedingt mal anschauen musste. Das Buch ist durchaus gut geschrieben, auch wenn ich nicht jede Meinung des Autors vertreten kann. Trotz dessen fand ich seine Erläuterungen wahnsinnig spannend und konnte mich als Ostdeutsche Studentin der Uni Halle auch in viele Situationen hineinversetzen, auch wenn ich selbst gar nicht in den Zeiten der DDR geboren wurde.
Herr Oschmann spricht hier ohne Zweifel wichtige & richtige Tatsachen an, aber er gefällt sich in seiner Rolle des Opfers zu sehr. Zudem finde ich diverse Beispiele auch schwer nachzuvollziehen, bzw. wird dort meiner Meinung nach zu viel hineininterpretiert. Auch das Wort Ghettoisierung finde ich im Zusammenhang des Themas, im besten Fall unglücklich gewählt.
"Kaum eine gesellschaftliche Gruppe ist nach 1990 so benachteiligt worden wie ostdeutsche Männer." Mit dieser, in meinen Augen schon kontroversen, Aussage eröffnet Oschmann seine Streitschrift. Ich bin Kind eines "Ossis", das im Westen aufgewachsen ist, vor 8 Jahren jedoch alleine in den Osten zog. Das Thema an sich ist dadurch also nichts Neues für mich, da ich mit gewissen Vorurteilen gegenüber "Ossis" einfach aufgewachsen bin. Da kommt man im Westen nicht drum rum. Positiv zu erwähnen ist, dass der Autor erwähnte, dass Kunst und Literatur von Ostdeutschen beispielsweise an Schulen und Unis komplett verloren ging. Ein Thema, über dies ich erst letztes Jahr das erste mal bewusst nachgedacht habe als mir von Christa Wolf erzählt wurde. Ich habe nie bedacht, dass die DDR vielleicht auch "eigene" Autoren hatte. Der Großteil des Buches beinhaltet jedoch nur Gejammer seitens Oschmanns. Gejammer, dass bei Jobs eher Frauen bevorzugt werden statt ostdeutsche Männer. Gejammer, dass der RB Leipzig doch so einen schlechten Ruf hat. Dann ging er auf einen Konflikt in der Kunst ein, in der es um ein Bild ging. Da ich noch nie von dem Konflikt gehört habe verstand ich gar nicht richtig was Sache war. Das Bild wurde nicht gezeigt und auf die Deutung des Bildes ging der Autor nicht ein. Ab diesem Punkt fing ich an, die restlichen Seiten zu überspringen. Oschmann redet sich erfolgreich ein, zu einer unterdrückten Gruppe zu gehören. Klar, ich als "Wessi" verdiene im Osten definitiv weniger, und dann auch noch als Frau. Aber das Ost-West Gefälle mit der Gender Pay Gap zu vergleichen... nein. Hier ertrinkt jemand in Selbstmitleid.
„Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ ist ein Buch voller Zuspitzungen, das keine Differenziertheit beabsichtigt, dadurch aber zum Gespräch über das Geschriebene anregt.
Ost-Identität. Was soll das sein? Gibt es sie? Ich meine nicht. Dennoch gibt es Narrative, Vorstellungen, Stereotype, Vorurteile, die mit dem Osten in Verbindung gebracht werden. Es sind Fremdzuschreibungen, die das Bild von Ostdeutschland prägen und die Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben haben, wobei „der Westen“, als Norm definiert, während der Osten als Abweichung verstanden wird. In seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ widmet sich der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann der Konstruktion des Ostens durch den Westen, wobei der Diskurs über Ostdeutschland in seiner Wahrnehmung herabblassend, selbstgefällig und selbstgerecht geführt wird, und dessen Konsequenzen. Dirk Oschmanns Text speist sich aus autobiografischen Beobachtungen, wobei die Wut in seinen Worten deutlich spürbar ist. Das Buch ist weniger auf Dialog angelegt, sondern arbeitet mit Zuspitzungen und Verallgemeinerungen, sowie Sarkasmus und Ironie, um die Kernproblematik offen zu legen. Dies ist Oschmann jedoch bewusst und er verweist auf die vielen differenzierten Darstellungen, die die Forschung zu bieten hat. Wie der Autor selbst zugibt, bietet das Buch inhaltlich nicht viel neues, wenn man sich mit dem Thema bereits beschäftigt hat. Dennoch legt der den Finger in die Wunde und ruft zurück ins Gedächtnis. Ich persönlich habe noch etwas über die Widervereinigung gelernt, einige Dinge reflektiert und eigene Vorurteile hinterfragt. Gleichzeitig kann ich nicht allen Punkten, auf die er eingeht, zustimmen. Er lässt Entwicklungen der letzten Jahre außer Acht, wie die Zunahme der Journalist*innen aus Ostdeutschland und deren Perspektive in medialen Diskursen. Ebenso wenig wie „den Osten" gibt es „den Westen" und seine Darstellung der Ursachen für Rechtsextremismus war zu einseitig und verkürzt. Differenzierung hin oder her, rechte Einstellungen lassen sich nicht nur auf den Zuzug von Rechtsextremist*innen aus den alten Bundesländern und den fehlenden Kontakt zu Ausländern in der DDR zurückführen. Es sind also viele der Dinge, die Dirk Oschmann beschreibt, nicht aktuell , sodass das Buch nicht die derzeitigen Diskurse widerspiegelt, die schon deutlich weiter sind. Alles in allem bietet das Buch dennoch interessante Anstöße. Er zeigt auf woher das Bild, welches über Ostdeutschland herrscht, herkommt und wie es immer und immer wieder reproduziert wird. „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ ist ein Buch voller Zuspitzungen, das keine Differenziertheit beabsichtigt, dadurch aber zum Gespräch über das Geschriebene anregt.

Liefert viele interessante Denkanstöße
Das Vorurteil, dass die Menschen im Osten alle rechts seien, hat glaube ich jeder von uns schon einmal gehört. Dirk Oschmann analysiert in seinem Buch über die deutsch-deutsche Beziehung die Hintergründe der Spaltung in unserer heutigen Beziehung. Seine Sprache ist aggressiv und mitreißend, von Emotionalität und jahrelanger Ungerechtigkeit, die sich in diesem Buch zu entladen scheint, aufgeladen. Er stellt viele wichtige Bezüge her und beleuchtet unterschiedliche Arten der Ausgrenzung, die „Ostdeutsche“ immer wieder erfahren. Die wohl wichtigste Botschaft, die ich mitnehme ist die, dass wir etwas in unserer Sprach- und Denkweise über die innerdeutschen Beziehungen ändern müssen, um die Kluft zwischen West und Ost, die seit der Teilung vorliegt, eingrenzen zu können. Erschreckend fand ich die vielen Beispiele aus öffentlichen Medien, die die Diskreditierung von sogenannten „Ossis“ darstellt - kaum zu glauben, dass das journalistische Arbeit genannt werden kann (Beispiel Spiegelartikel „So isser der Ossi“). Oschmann hat diese Statements und Karikaturen meiner Meinung nach gründlich und schlüssig analysiert. Was ich jedoch an dem Buch bemängeln würde, ist, dass wirklich sehr viel wiederholt wird. Ja, was mehrfach gesagt wird bleibt besser im Gedächtnis, aber es fiel mir doch teilweise schwer mich zu konzentrieren, wenn ich einen ganzen Paragraphen an Zuschreibungen in Form von Adjektiven durchlesen musste und dieser 2 Seiten später noch einmal (fast) wörtlich wiederholt wird. Außerdem stimme ich seiner Meinung, was die Differenzierung von Kunst und der Biografie des Kunstschaffenden angeht, nicht zu.
Dirk Oschmann schreibt eine bewusst polemisch geschriebene Streitschrift aufbauend auf einem FAZ-Artikel von ihm selbst über die Diskrimierung von vor allem männlicher Menschen, die in der ehemaligen DDR oder im widervereinigten Deutschland in "den neuen Bundesländern" geboren wurden. Als berufener Professor für Literaturwissenschaft, geboren in Gotha, fühlt er sich berufen zu diesem Thema zu schreiben und sich dazu zu äußern. Er sieht eine systematische Benachteiligung durch Presse, Medien, Wirtschaft und vor allem durch die Westdeutschen. Auch wenn Geschichte von den Siegern geschrieben wird, möchte er diese Art von Geschichtsschreibung und -verklärung in seinen Augen nicht akzeptieren. Er bleibt hierbei bewusst polemisch, arbeitet aber wissenschaftlich mit vielen Anmerkungen und reichlich Fussnoten. Eins der Lieblingsargumente ist wenn es um die beschriebene systematische Diskriminierung geht, ist, dass die BRD vor allem mit Altnazis aufgebaut wurde und dies niemals angesprochen wurde. In meinen Augen leider Whataboutism, aber sachlich natürlich richtig. Insgesamt bestimmt ein guter Ansatz, der aber nicht weiter als "die bösen Wessi-Eliten" wollen nur sich selber bevorzugen, ich bin zwar selber Professor, aber auch ich habe schlimme Erfahrungen gemacht.... Gut gestartet, aber nicht genug Tiefgang und dafür auch zu kurz.
Oschmann hat ein paar richtige Punkte – unbestritten. Aber eben auch nur ein paar. Mit welcher Einseitigkeit er seine Thesen vorträgt, ist schwer erträglich. Dabei geht er zum einen über alles hinweg, was seine These nicht stützt (Wie soll man das nennen? *Rotten Apple Picking*?) und beachtet auch die differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema in großen Teilen überhaupt nicht. Wirklich ärgerlich finde ich aber, dass er seine eigene Sicht verabsolutiert und dabei die Sichtweise der um 1990 herum Geborenen, der *dritten Generation Ost*, die in vielen Fällen ziemlich gut in Gesamtdeutschland unterwegs ist und durchaus mehr kennt als Herkunftsscham, unterschlägt und ausblendet. Auch glaube ich nicht, dass mit diesem Buch auch nur ein politischer Kampf gewonnen werden kann. Wenn, dann dient es als Apologie für alle im Osten, die schon immer wussten, dass „der Westen“ eigentlich nur Böses im Sinn hat und außerdem für all ihre Probleme verantwortlich ist.






























