Rosa in Grau
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Description
Book Information
Author Description
Simone Scharbert, geboren 1974 in Aichach, hat Politikwissenschaft, Philosophie und Literatur in München, Augsburg und Wien studiert, anschließend in Politikwissenschaft promoviert. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Dozentin in Erftstadt. 2017 erschien ihr Lyrikdebüt "Erzähl mir vom Atmen", 2019 folgte ihr viel beachteter erster Roman "du, alice" über das Leben von Alice James.
Posts
"Ein neuer Tag, immer ein neuer Tag. Kommt und geht. Ob man will oder nicht. Der Tag kommt einfach. Kommt durch die Tür, durchs Fenster, wartet auf einen. Ich weiß es, bevor ich ihn sehe. Warte dann noch einen Moment, lasse mich selbst im Dunkeln." "Ich gehe. Gehe durch alle Zeiten. Gehe im Jetzt, gehe ins Morgen, gehe ins Gestern. Gehe am Rand. Dort vor allem. Gehe vor der Stille, gehe ihr nach, gehe in sie. In die Stille. Neben mir der Wald, nah. Finsterwald." " Ich habe keine Ahnung von mir. Stehe einfach im Raum. Vor Rosa. Außer ihr gibt es nur die Stimme, die Wellen. Die gegen die Wände schlagen. Kurze Strecken zurücklegen, Lautbrechungen am Rand. Über mir bersten. Sich auflösen. Tumult verursachen. Inneren." " Seit ich hier bin, zeigt sich mein Gehirn löchrig. Zeigt sich zunehmend löchrig. Meine Gedanken sind selten klar, dann aber wieder so scharf, dass es mich schmerzt. Ich sitze irgendwie dazwischen. Schaffe es nur manchmal, einen Blick in mich selbst zu werfen." "Der Tag sieht nach September, vielleicht Oktober aus. Gelbes, Ocker liegt in der Luft. Ich stecke mir ein Stück vom Tag in den Mund, kaue darauf, kaue langsam. Nicke mir zu. Es ist Herbst, das ist gewiss." Die Buch nimmt uns mit in eine psychiatrische Heilanstalt in der Nachkriegszeit. Eine junge Mutter, die mit Schizophrenie, Verfolgungswahn und Wahnvorstellungen diagnostiziert ist, erzählt ihre Geschichte. Wobei es in dem Buch nicht vorrangig um die Abläufe und Behandlungsmethoden in der Anstalt geht, sondern in erster Linie um die Gefühle, Ängste und Gedanken der jungen Frau. Die innere Zerrissenheit, Verzweiflung und Angst sind kunstvoll und poetisch in Wort und Sprache umgesetzt, in jedem Satz greifbar, sehr intensiv und stark.
Poetisch-zart und voller Wortgewalt Inhaltlich schwer. Eine Frau mit Schizophrenie, Verfolgungswahn, Halluzinationen und der Tendenz sich selber zu verletzen. Sie hat zwei Kinder, ist namenlos und landet in den 50er Jahren in der Nervenheilanstalt Eglfing-Haar, die schon in der Nazizeit mehr als 2000 Menschen deportierte und Hunderte von Kindern einem grausamen Hungertod und Versuchsreihen auslieferte. Der Autorin geht es um Sichtbarkeit, das Nicht-Vergessen. Und dies gelingt ihr in einer sehr poetischen, intensiven und außergewöhnlichen Sprache. Selten hat mich Sprache so berührt und fasziniert, jedes Wort scheint ein Treffer, der tief unter die Haut geht. "Meine Erinnerung ist ein schwarzes Geschöpf. Sie wohnt in mir. Sie ist still, erzählt nichts mehr. Seit längerem schon. Schweigt. Kein einziges Wort. Ich habe mich daran gewöhnt. An diese Schwärze. In mir. Und dass andere Menschen mehr über mich wissen als ich selbst." Auf so besondere Weise taucht man in die Emotionen, den Eindrücken und Wahrnehmungen der Protagonistin ein. Eine große Herausforderung ist dieses Einfühlen in die Gedanken einer schizophrenen Frau, aber es ist sehr eindringlich umgesetzt. Aber es geht auch um Hoffnung, auch wenn im Kleinen, eine Begegnung, eine verständnisvolle Pflegerin, ein gezeichnetes Bild oder aufkeimende Freundschaft. Ein großartiges Buch, eine Wortweide, ein Wortschatz!
Schwere Kost, sehr experimentell!
Ein Versuch die Leerstelle zu füllen, die in den psychiatrischen Anstalten nach Ende des zweiten Weltkrieges bis zu Beginn der Siebziger Jahre entstanden sind. Die Menschen waren weggeschlossen, verwahrt, Versuchskaninchen für neue Therapien. Ich tausche tief in das Innere einer Erkrankten. Innen und außen verschwimmen, ich verliere die Orientierung, schlingere durch die Tage, verschmelze mit den Worten und schäle mich wieder mühsam heraus - bin ständig auf der Suche nach Halt in der Realität. Doch es gibt nur selten ein Aufblitzen von Klarheit, das nicht ausreicht, um eine Geschichte entstehen zu lassen - gerade mal blasse Konturen von Handlung und Menschen, von denen ich nie weiß, sind sie real oder Psychose. Wunderschöne Wortgebilde, malerische Farbgebungen und schmerzhafte Verlorenheit verbinden sich zu einem abstrakten Gemälde, nehmen mich gefangen. Doch es ist mir zu wenig, um mich im Buch zu halten und so lege ich es immer wieder zur Seite. Am Ende gibt es eine Erläuterung, die hilft das Gelesene einzuordnen. Mir zu wenig, um aus der Kunst eine Geschichte werden zu lassen, die Fühlen und Verstehen verbindet. Aber dies war vermutlich gar nicht gewollt.

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Simone Scharbert, geboren 1974 in Aichach, hat Politikwissenschaft, Philosophie und Literatur in München, Augsburg und Wien studiert, anschließend in Politikwissenschaft promoviert. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Dozentin in Erftstadt. 2017 erschien ihr Lyrikdebüt "Erzähl mir vom Atmen", 2019 folgte ihr viel beachteter erster Roman "du, alice" über das Leben von Alice James.
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"Ein neuer Tag, immer ein neuer Tag. Kommt und geht. Ob man will oder nicht. Der Tag kommt einfach. Kommt durch die Tür, durchs Fenster, wartet auf einen. Ich weiß es, bevor ich ihn sehe. Warte dann noch einen Moment, lasse mich selbst im Dunkeln." "Ich gehe. Gehe durch alle Zeiten. Gehe im Jetzt, gehe ins Morgen, gehe ins Gestern. Gehe am Rand. Dort vor allem. Gehe vor der Stille, gehe ihr nach, gehe in sie. In die Stille. Neben mir der Wald, nah. Finsterwald." " Ich habe keine Ahnung von mir. Stehe einfach im Raum. Vor Rosa. Außer ihr gibt es nur die Stimme, die Wellen. Die gegen die Wände schlagen. Kurze Strecken zurücklegen, Lautbrechungen am Rand. Über mir bersten. Sich auflösen. Tumult verursachen. Inneren." " Seit ich hier bin, zeigt sich mein Gehirn löchrig. Zeigt sich zunehmend löchrig. Meine Gedanken sind selten klar, dann aber wieder so scharf, dass es mich schmerzt. Ich sitze irgendwie dazwischen. Schaffe es nur manchmal, einen Blick in mich selbst zu werfen." "Der Tag sieht nach September, vielleicht Oktober aus. Gelbes, Ocker liegt in der Luft. Ich stecke mir ein Stück vom Tag in den Mund, kaue darauf, kaue langsam. Nicke mir zu. Es ist Herbst, das ist gewiss." Die Buch nimmt uns mit in eine psychiatrische Heilanstalt in der Nachkriegszeit. Eine junge Mutter, die mit Schizophrenie, Verfolgungswahn und Wahnvorstellungen diagnostiziert ist, erzählt ihre Geschichte. Wobei es in dem Buch nicht vorrangig um die Abläufe und Behandlungsmethoden in der Anstalt geht, sondern in erster Linie um die Gefühle, Ängste und Gedanken der jungen Frau. Die innere Zerrissenheit, Verzweiflung und Angst sind kunstvoll und poetisch in Wort und Sprache umgesetzt, in jedem Satz greifbar, sehr intensiv und stark.
Poetisch-zart und voller Wortgewalt Inhaltlich schwer. Eine Frau mit Schizophrenie, Verfolgungswahn, Halluzinationen und der Tendenz sich selber zu verletzen. Sie hat zwei Kinder, ist namenlos und landet in den 50er Jahren in der Nervenheilanstalt Eglfing-Haar, die schon in der Nazizeit mehr als 2000 Menschen deportierte und Hunderte von Kindern einem grausamen Hungertod und Versuchsreihen auslieferte. Der Autorin geht es um Sichtbarkeit, das Nicht-Vergessen. Und dies gelingt ihr in einer sehr poetischen, intensiven und außergewöhnlichen Sprache. Selten hat mich Sprache so berührt und fasziniert, jedes Wort scheint ein Treffer, der tief unter die Haut geht. "Meine Erinnerung ist ein schwarzes Geschöpf. Sie wohnt in mir. Sie ist still, erzählt nichts mehr. Seit längerem schon. Schweigt. Kein einziges Wort. Ich habe mich daran gewöhnt. An diese Schwärze. In mir. Und dass andere Menschen mehr über mich wissen als ich selbst." Auf so besondere Weise taucht man in die Emotionen, den Eindrücken und Wahrnehmungen der Protagonistin ein. Eine große Herausforderung ist dieses Einfühlen in die Gedanken einer schizophrenen Frau, aber es ist sehr eindringlich umgesetzt. Aber es geht auch um Hoffnung, auch wenn im Kleinen, eine Begegnung, eine verständnisvolle Pflegerin, ein gezeichnetes Bild oder aufkeimende Freundschaft. Ein großartiges Buch, eine Wortweide, ein Wortschatz!
Schwere Kost, sehr experimentell!
Ein Versuch die Leerstelle zu füllen, die in den psychiatrischen Anstalten nach Ende des zweiten Weltkrieges bis zu Beginn der Siebziger Jahre entstanden sind. Die Menschen waren weggeschlossen, verwahrt, Versuchskaninchen für neue Therapien. Ich tausche tief in das Innere einer Erkrankten. Innen und außen verschwimmen, ich verliere die Orientierung, schlingere durch die Tage, verschmelze mit den Worten und schäle mich wieder mühsam heraus - bin ständig auf der Suche nach Halt in der Realität. Doch es gibt nur selten ein Aufblitzen von Klarheit, das nicht ausreicht, um eine Geschichte entstehen zu lassen - gerade mal blasse Konturen von Handlung und Menschen, von denen ich nie weiß, sind sie real oder Psychose. Wunderschöne Wortgebilde, malerische Farbgebungen und schmerzhafte Verlorenheit verbinden sich zu einem abstrakten Gemälde, nehmen mich gefangen. Doch es ist mir zu wenig, um mich im Buch zu halten und so lege ich es immer wieder zur Seite. Am Ende gibt es eine Erläuterung, die hilft das Gelesene einzuordnen. Mir zu wenig, um aus der Kunst eine Geschichte werden zu lassen, die Fühlen und Verstehen verbindet. Aber dies war vermutlich gar nicht gewollt.









