Welches Königreich
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Description
Kopenhagen, Hochsommer: Fünf Jugendliche und die namenlose Erzählerin leben nach längeren Aufenthalten in der Psychiatrie in einem betreuten Wohnheim, das ihnen den Weg zurück in den Alltag erleichtern soll. Die Abläufe sind einfach, aber nicht selbstverständlich: kochendes Wasser ist für Tee, nicht zur Selbstverletzung gedacht und ein offenes Fenster ist keine Einladung zum Sprung. Während des fliegenden Wechsels aus Diagnosen und Bezugspersonen formiert sich eine fragile, aber zutiefst berührende Wohngemeinschaft. Kann es eine hinreichende Sprache für die Erkrankungen der Psyche geben, und weiter, Fahrpläne für das Gewöhnliche?
Fine Gråbøls Blick für die Widersprüche innerhalb des psychiatrischen Systems und die Versehrtheit der Menschen darin ist nuanciert und zeugt von feinstem literarischem Fingerspitzengefühl.
Book Information
Author Description
Fine Gråbøl (1992) studierte Vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Kopenhagen und debütierte 2021 mit Welches Königreich. Ihr Roman wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem wichtigsten dänischen Literaturpreis für Debüts.
Posts
Die Hürden des Alltags - über das Leben mit einer psychischen Erkrankung
Linoleumböden, ein Whiteboard mit dem Essensplan, Gemeinschaftsküche, Schlaflosigkeit, Zigaretten, Karaoke-Maschine, Feuertreppe, Borderline-Diagnose, Herr-der-Ringe-Poster, eine Tasse Nescafé, Gemeinschaftsgefühl, Medikamentendispenser, Schizophrenie, Esstörungen, Sommernächte, Wohngruppentreffen, Regeln, Bezugsbetreuer*innen, Wut. Über allem schwebt der Versuch, Alltagsstrukturen zu entwickeln, mit einem so weit entfernten Ziel: sowas wie Normalität. Sara, Lasse, Marie, Hector, Waheed und die namenlose Ich-Erzählerin leben nach längeren Psychiatrie-Aufenthalten in einer Wohngruppe in Kopenhagen. Unterstützt werden sie vom Betreuungspersonal, damit das (Über-)Leben irgendwann wichtiger wird als das Sterben. TW: psychische Erkrankungen, Selbstverl*tzung, Sui2idversuche 🍋🍋🍋 In kurzen Kapiteln gewährt uns die Protagonistin Einblicke in die Situation im Wohnheim, in das Zusammenleben mit den Mitbewohner*innen, in ihre Gedanken und Gefühle, in die wichtige Arbeit der Betreuer*innen, in die Gesetzeslage und in ihre Vergangenheit. Wir erfahren dabei immer nur kleine Momentaufnahmen, doch sie lassen uns vor allem nachfühlen und sie haben so viel Kraft. Auch wenn es um unvorstellbar schlimme Momente geht, ist die Sprache ruhig und nüchtern. Für sehr emotionale und sensible Menschen wie mich, war der Stil somit eine Wohltat. Denn ich habe eine total authentisch wirkende Sichtweise erhalten, konnte nachvollziehen und mitfühlen, ohne dass ich dabei an meine Grenzen geraten bin. Gleichzeitig empfand ich die nüchterne Sprache wie einen dämpfenden Schleier, der sich über die Kapitel legt - ganz ähnlich wie ich die Wirkung diverser Medikamente aus den Erzählungen betroffener Personen kenne. Vielleicht hat die Autorin dieses Stilmittel bewusst gewählt, vielleicht auch nicht. Für mich wirkt der Roman in jedem Fall absolut lebensnah, echt, greifbar, realistisch und vor allem eines: unglaublich bereichernd! Dringend lesen!

Vom Gesundwerden in einem kranken System 🫠
Fine Gråbøls Debütroman ist eine episodische Erkundung des Lebens in einer psychiatrischen Wohneinrichtung in Kopenhagen. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wurde die unbenannte Erzählerin in eine Jugendeinheit versetzt, um auf die Wiedereingliederung in die sogenannte "normale" Gesellschaft hinzuarbeiten. Zuerst lebt sie in relativer Isolation, obwohl sie sich bewusst ist, dass sich über ihr Waheed befindet, dessen Musik den Soundtrack zu ihrer Nächten bildet, und entlang des Korridors sind Sara, Lasse, Hector und Marie. Die Wohneinheit ermöglicht jedem Bewohner einen Aufenthalt von maximal vier Jahren, der von Betreuern und Ausbildern beaufsichtigt wird. Aber eine weitere Geschichte, die das Gebäude schreibt, ist weniger optimistisch, denn unter der Jugendeinheit befinden sich mehrere Etagen, die von älteren Bewohnern bevölkert sind, die niemals wieder gehen werden, die dort in Zeit und Raum gefangen sind. Gråbøl ist bestrebt, die direkte, gelebte Erfahrung des institutionellen Lebens darzustellen, die Realitäten von Orten, die durch Regeln und Rituale begrenzt sind, einige von außen auferlegt, andere von einzelnen Bewohnern improvisiert. Ihre Erzählerin wird von Schlaflosigkeit geplagt, unterbrochen von Anfällen sorgfältig durchdachter Formen der Selbstverletzung. Sie ist sich bewusst, dass sie hier ist, um zu "lernen", wie man ein idealer "Bürger" ist, aber sie ist von unmittelbaren Empfindungen betroffen, die von Momenten intensiver, sensorischer Überlastung unterbrochen werden - die Selbstverletzung verschafft ihr in diesen Momenten Entlastung. Sie ist sich ihrer Umgebung, der zweifelhaften Unterscheidungen zwischen sich selbst und anderem, Person und Objekt, bewusst. Die Zeit vergeht, verlangsamt sich und beschleunigt sich. Ihre Umgebung, die Erwartungen, die an sie gestellt werden, werden als grundsätzlich widersprüchlich dargestellt: Unabhängigkeit wird gefördert, aber die Mitarbeiter können jederzeit jeden Raum betreten; Intimität, Offenheit gegenüber den Mitarbeitern wird supportet, aber die Mitarbeiter selbst sind darauf trainiert, unnahbar zu bleiben - eine Beziehung, die die diesem System innewohnenden Machtungleichheiten aufdeckt. Gråbøl bewegt sich zwischen nahezu klinischen Beschreibungen und einer Art gebrochener Lyrik, während sie die Tage und Nächte ihrer Erzählerin dokumentiert. Sie lebt in einer fragilen Welt, in der die Politik und die Macht eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Eine Welt willkürlicher Hierarchien, die durch die Art und Weise bestätigt wird, wie Vorteile mit bestimmten Arten einer Diagnose verbunden sind. Diverse Änderungen in der Regierungspolitik haben zu schädlichen Trennlinien geführt zwischen denen, die es schaffen und denen, die es nicht schaffen, ein bestimmtes Maß an Unterstützung zu erhalten. Kulturelle Hypothesen über die Unterscheidung zwischen Geist und Körper sind mit medizinischen Behandlungen verknüpft und die Auswirkungen einer langfristigen Einnahme von Medikamenten und Isolation auf einen einzelnen Körper, werden übersehen. Im Laufe der Zeit bilden die Erzählerin und die anderen Bewohner auf ihrer Etage eine fragile Gemeinschaft, die Zigaretten teilt, Geld für Ausflüge zum Kauf von Süßigkeiten und anderen Formen des sofortigen Genusses vereint. Hier gibt es keinen echten Plot. Stattdessen steht Gråbøls Erzählerin, wie die Autorin selbst, im Dialog mit ähnlichen Erzählungen der Institutionalisierung von „Janet Frame“ bis „Girl Interrupted“, die sie sich immer wieder anschaut und stets aufs Neue fasziniert ist von dem Versprechen der Möglichkeit eines Zusammenbruchs, gefolgt von einem Ausbruch und schließlich der totalen Befreiung. Gråbøls Roman offeriert uns seine besten Seite und wirkt dabei fast hypnotisch, auf jeden Fall überzeugend, atmosphärisch und gut geschrieben.
Das war kein leichtes Buch, aber das sagt der Klappentext bereits. Lesen lässt es sich dennoch gut, der Stil ist klar und strukturiert. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und geben jeweils einen Einblick in den Alltag. Manchmal setzt sich eine Handlung über mehrere Kapitel hinweg fort, manchmal wird sprunghaft ein neuer Aspekt beleuchtet. Das WG-ähnliche Leben in einem klinikähnlichen Umfeld wird dem Leser dabei anschaulich nähergebracht. Ebenso die Krankheiten, unter denen die Erzählerin leidet. Diese geht dabei sehr ehrlich mit ihren Gefühlen um. Mir fiel es leicht, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr zu fühlen. Das Buch zeigt einen kurzen Einblick in den Alltag, beginnt sozusagen mittendrin und endet offen. Die Zwischentöne sind es, die es besonders machen und zum Nachdenken anregen. Die anderen Charaktere treten eher am Rand auf und bringen feine Aspekte anderer Erkrankungen mit ein. Es ist klar und ehrlich, ohne zu übertreiben oder schonungslos zu sein. Es liest sich schnell – und klingt nach.

Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe.
Aus dem Alltag einer betreuten Wohngruppe Fine Gråbøl gewährt uns in diesem Roman in 176 Seiten Einblicke in Form von Momentaufnahmen, die oft nur 1-2 Seiten umfassen, manchmal aber auch nur ein einziger Satz sind, in das Leben von 6 jungen Menschen, die in einer betreuten Wohngruppe für psychisch Erkrankte leben. Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos. Die Autorin prangt das Gesundheitssystem an und zeigt, wie fragil das Gleichgewicht aus ständigem Betreuerwechsel, Medikation und psychischem Erkrankungsbild ist. Die jungen Erwachsenen sollen lernen, im Alltag klarzukommen, aber können sie das in diesem Konstrukt überhaupt schaffen? Man kann dieses Buch an einem Nachmittag lesen, sollte es aber meiner Meinung nach nicht. Es will nachhallen und wirken und das braucht ein wenig Zeit. Alle handelnden Personen blieben mir bis zuletzt fremd, was vielleicht auch Stilmittel der Autorin war?! Der Schreibstil ist kühl und nüchtern mit teilweise poetischen Einwürfen. Das fand ich spannend gemacht, aber ich habe auch einfach einiges gar nicht verstanden. Gleichzeitig war ich fasziniert davon und denke, dass auch das gewollt ist. Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe. Ich fürchte, es wird mir nicht allzu lang in Erinnerung bleiben, auch wenn ich das Buch, gerade auch mit Blick auf meine sonstigen sehr intensiv erzählten Romane, gern gelesen habe. CN: suizidales Verhalten, Selbstverletzung, Esstörungen Rezensionsexemplar
Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe.
Aus dem Alltag einer betreuten Wohngruppe Fine Gråbøl gewährt uns in diesem Roman in 176 Seiten Einblicke in Form von Momentaufnahmen, die oft nur 1-2 Seiten umfassen, manchmal aber auch nur ein einziger Satz sind, in das Leben von 6 jungen Menschen, die in einer betreuten Wohngruppe für psychisch Erkrankte leben. Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos. Die Autorin prangt das Gesundheitssystem an und zeigt, wie fragil das Gleichgewicht aus ständigem Betreuerwechsel, Medikation und psychischem Erkrankungsbild ist. Die jungen Erwachsenen sollen lernen, im Alltag klarzukommen, aber können sie das in diesem Konstrukt überhaupt schaffen? Man kann dieses Buch an einem Nachmittag lesen, sollte es aber meiner Meinung nach nicht. Es will nachhallen und wirken und das braucht ein wenig Zeit. Alle handelnden Personen blieben mir bis zuletzt fremd, was vielleicht auch Stilmittel der Autorin war?! Der Schreibstil ist kühl und nüchtern mit teilweise poetischen Einwürfen. Das fand ich spannend gemacht, aber ich habe auch einfach einiges gar nicht verstanden. Gleichzeitig war ich fasziniert davon und denke, dass auch das gewollt ist. Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe. Ich fürchte, es wird mir nicht allzu lang in Erinnerung bleiben, auch wenn ich das Buch, gerade auch mit Blick auf meine sonstigen sehr intensiv erzählten Romane, gern gelesen habe. CN: suizidales Verhalten, Selbstverletzung, Esstörungen Werbung unbezahlt - Rezensionsexemplar
Ein sanfter Einblick in psychiatrische Wohngruppen
Ohne stringente Handlung, sondern in angenehm kurzen Episoden, lesen wir von der eventuell möglichen Rückführung in die vom System vorgegebene Normalitat. Einfache Tagesabläufe gestalten sich schwierig, für gesunde Menschen routinierte Handgriffe stellen enorme Hürden dar und der personelle Engpass ist auch hier in der Psychatrie angekommen und stellt Angestellte wie auch Erkrankte vor enorme Schwierigkeiten. "Welches Königreich" bietet einen kleinen Einblick in das komplexe Thema Psychiatrie und überlässt dem Leser durch das offene Ende selbst die Entscheidung, ob das „Drinnen" oder „Draußen" das Königreich ist
Puh... das war keine einfache Lektüre, aber eine sehr eindringliche. In 'Welches Königreich' von Fine Gråbøl wird der Alltag von 6 Menschen mit psychischen Erkrankungen erzählt. Die Ich-Erzählerin die namenlos bleibt gibt uns hier auf sehr distanzierte und schnörkellose Art Einblicke in den Versuch der Resozialisierung einer betreuten Wohngemeinschaft nach stationären Aufenthalten in der Psychiatrie. Gerade der recht emotionslos Schreibstil bringt diesen inneren Kampf und die Zerrissenheit Einzelner gut rüber und zeigt auf wie schwer ein einfaches Leben sein kann. Durch die kurzen Abschnitte lässt sich dieser Roman sehr schnell und gut lesen, aber durch das schnelle 'durchkommen' geht, glaube ich, etwas der Botschaft verloren. Im Ganzen war es dann doch nicht so meins und wird mir wohl nicht lange im Kopf bleiben. Ich möchte immer gerne eine Verbindung zu den Protagonisten aufbauen, doch hier bleiben Sie einem sehr fremd. Das könnte aber durchaus gewollt sein. Wenn Euch der Klappentext und die Thematik anspricht, bildet Euch am Besten selber eine Meinung.

Super intensiv und kurzweilig.. das gewisse Etwas fehlte mir dennoch. Bewohner einer Gruppe für psychisch Kranke und Suchtkranke werden hier aus Sicht einer Bewohnerin dargestellt. V.a.geht es um die Zustände, die inneren wie die äußeren. Am Ende formiert sich eine Gemeinschaft, das ist schön anzusehen.
"Wieso fragt niemand nach der Grenze, die zwischen Trauma und Therapie verläuft? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Zwang und Gehorsam? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Unterwerfung und Unterstützung? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Kapitulation und Auslöschung?" (S. 54/55) Sechs Jugendliche sind in Kopenhagen in der betreuten Wohngemeinschaft einer Psychiatrie untergebracht. Vorübergehend, denn sie sollen zurück in die Alltagsrealität. Es ist ein "Übergangszuhause". Die namenlose Erzählerin berichtet von ihrer Angst, dem Draußen schutzlos gegenüber zu stehen. Vom Wechsel von Bezugspersonen und Einrichtungen - nie zu Hause, immer auf dem Sprung. Doch ist es in den psychiatrischen Strukturen überhaupt möglich, zu lernen wieder unabhängig und selbstständig zu leben? Und wie stehen die Chancen, in so einem Umfeld "gesund" zu werden, ist man doch kaum noch man selbst, sondern nur noch seine Diagnose. In ihrem Debütroman "Welches Königreich" macht Fine Gråbøl auf Widersprüche im psychiatrischen System aufmerksam. Der Drahtseilakt der medikamentösen Behandlung: das Für und Wider von Wirkung und Nebenwirkung. Psychisch kranke Menschen haben eine geringere Lebenserwartung. Ein Grund dafür ist sicher auch ihr langer Leidensweg, dem sie ausgesetzt sind. Der Geschichte entsprechend ist die Sprache eine vorsichtig tastende. So geht Gråbøl auch Themen wie suizidales und selbstverletzendes Verhalten behutsam an. "[...], wir versuchen, auf verschiedene Weise zu sterben, während das Leben, die WG und das System uns festhalten, [...]." (S. 129)
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Kopenhagen, Hochsommer: Fünf Jugendliche und die namenlose Erzählerin leben nach längeren Aufenthalten in der Psychiatrie in einem betreuten Wohnheim, das ihnen den Weg zurück in den Alltag erleichtern soll. Die Abläufe sind einfach, aber nicht selbstverständlich: kochendes Wasser ist für Tee, nicht zur Selbstverletzung gedacht und ein offenes Fenster ist keine Einladung zum Sprung. Während des fliegenden Wechsels aus Diagnosen und Bezugspersonen formiert sich eine fragile, aber zutiefst berührende Wohngemeinschaft. Kann es eine hinreichende Sprache für die Erkrankungen der Psyche geben, und weiter, Fahrpläne für das Gewöhnliche?
Fine Gråbøls Blick für die Widersprüche innerhalb des psychiatrischen Systems und die Versehrtheit der Menschen darin ist nuanciert und zeugt von feinstem literarischem Fingerspitzengefühl.
Book Information
Author Description
Fine Gråbøl (1992) studierte Vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Kopenhagen und debütierte 2021 mit Welches Königreich. Ihr Roman wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem wichtigsten dänischen Literaturpreis für Debüts.
Posts
Die Hürden des Alltags - über das Leben mit einer psychischen Erkrankung
Linoleumböden, ein Whiteboard mit dem Essensplan, Gemeinschaftsküche, Schlaflosigkeit, Zigaretten, Karaoke-Maschine, Feuertreppe, Borderline-Diagnose, Herr-der-Ringe-Poster, eine Tasse Nescafé, Gemeinschaftsgefühl, Medikamentendispenser, Schizophrenie, Esstörungen, Sommernächte, Wohngruppentreffen, Regeln, Bezugsbetreuer*innen, Wut. Über allem schwebt der Versuch, Alltagsstrukturen zu entwickeln, mit einem so weit entfernten Ziel: sowas wie Normalität. Sara, Lasse, Marie, Hector, Waheed und die namenlose Ich-Erzählerin leben nach längeren Psychiatrie-Aufenthalten in einer Wohngruppe in Kopenhagen. Unterstützt werden sie vom Betreuungspersonal, damit das (Über-)Leben irgendwann wichtiger wird als das Sterben. TW: psychische Erkrankungen, Selbstverl*tzung, Sui2idversuche 🍋🍋🍋 In kurzen Kapiteln gewährt uns die Protagonistin Einblicke in die Situation im Wohnheim, in das Zusammenleben mit den Mitbewohner*innen, in ihre Gedanken und Gefühle, in die wichtige Arbeit der Betreuer*innen, in die Gesetzeslage und in ihre Vergangenheit. Wir erfahren dabei immer nur kleine Momentaufnahmen, doch sie lassen uns vor allem nachfühlen und sie haben so viel Kraft. Auch wenn es um unvorstellbar schlimme Momente geht, ist die Sprache ruhig und nüchtern. Für sehr emotionale und sensible Menschen wie mich, war der Stil somit eine Wohltat. Denn ich habe eine total authentisch wirkende Sichtweise erhalten, konnte nachvollziehen und mitfühlen, ohne dass ich dabei an meine Grenzen geraten bin. Gleichzeitig empfand ich die nüchterne Sprache wie einen dämpfenden Schleier, der sich über die Kapitel legt - ganz ähnlich wie ich die Wirkung diverser Medikamente aus den Erzählungen betroffener Personen kenne. Vielleicht hat die Autorin dieses Stilmittel bewusst gewählt, vielleicht auch nicht. Für mich wirkt der Roman in jedem Fall absolut lebensnah, echt, greifbar, realistisch und vor allem eines: unglaublich bereichernd! Dringend lesen!

Vom Gesundwerden in einem kranken System 🫠
Fine Gråbøls Debütroman ist eine episodische Erkundung des Lebens in einer psychiatrischen Wohneinrichtung in Kopenhagen. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wurde die unbenannte Erzählerin in eine Jugendeinheit versetzt, um auf die Wiedereingliederung in die sogenannte "normale" Gesellschaft hinzuarbeiten. Zuerst lebt sie in relativer Isolation, obwohl sie sich bewusst ist, dass sich über ihr Waheed befindet, dessen Musik den Soundtrack zu ihrer Nächten bildet, und entlang des Korridors sind Sara, Lasse, Hector und Marie. Die Wohneinheit ermöglicht jedem Bewohner einen Aufenthalt von maximal vier Jahren, der von Betreuern und Ausbildern beaufsichtigt wird. Aber eine weitere Geschichte, die das Gebäude schreibt, ist weniger optimistisch, denn unter der Jugendeinheit befinden sich mehrere Etagen, die von älteren Bewohnern bevölkert sind, die niemals wieder gehen werden, die dort in Zeit und Raum gefangen sind. Gråbøl ist bestrebt, die direkte, gelebte Erfahrung des institutionellen Lebens darzustellen, die Realitäten von Orten, die durch Regeln und Rituale begrenzt sind, einige von außen auferlegt, andere von einzelnen Bewohnern improvisiert. Ihre Erzählerin wird von Schlaflosigkeit geplagt, unterbrochen von Anfällen sorgfältig durchdachter Formen der Selbstverletzung. Sie ist sich bewusst, dass sie hier ist, um zu "lernen", wie man ein idealer "Bürger" ist, aber sie ist von unmittelbaren Empfindungen betroffen, die von Momenten intensiver, sensorischer Überlastung unterbrochen werden - die Selbstverletzung verschafft ihr in diesen Momenten Entlastung. Sie ist sich ihrer Umgebung, der zweifelhaften Unterscheidungen zwischen sich selbst und anderem, Person und Objekt, bewusst. Die Zeit vergeht, verlangsamt sich und beschleunigt sich. Ihre Umgebung, die Erwartungen, die an sie gestellt werden, werden als grundsätzlich widersprüchlich dargestellt: Unabhängigkeit wird gefördert, aber die Mitarbeiter können jederzeit jeden Raum betreten; Intimität, Offenheit gegenüber den Mitarbeitern wird supportet, aber die Mitarbeiter selbst sind darauf trainiert, unnahbar zu bleiben - eine Beziehung, die die diesem System innewohnenden Machtungleichheiten aufdeckt. Gråbøl bewegt sich zwischen nahezu klinischen Beschreibungen und einer Art gebrochener Lyrik, während sie die Tage und Nächte ihrer Erzählerin dokumentiert. Sie lebt in einer fragilen Welt, in der die Politik und die Macht eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Eine Welt willkürlicher Hierarchien, die durch die Art und Weise bestätigt wird, wie Vorteile mit bestimmten Arten einer Diagnose verbunden sind. Diverse Änderungen in der Regierungspolitik haben zu schädlichen Trennlinien geführt zwischen denen, die es schaffen und denen, die es nicht schaffen, ein bestimmtes Maß an Unterstützung zu erhalten. Kulturelle Hypothesen über die Unterscheidung zwischen Geist und Körper sind mit medizinischen Behandlungen verknüpft und die Auswirkungen einer langfristigen Einnahme von Medikamenten und Isolation auf einen einzelnen Körper, werden übersehen. Im Laufe der Zeit bilden die Erzählerin und die anderen Bewohner auf ihrer Etage eine fragile Gemeinschaft, die Zigaretten teilt, Geld für Ausflüge zum Kauf von Süßigkeiten und anderen Formen des sofortigen Genusses vereint. Hier gibt es keinen echten Plot. Stattdessen steht Gråbøls Erzählerin, wie die Autorin selbst, im Dialog mit ähnlichen Erzählungen der Institutionalisierung von „Janet Frame“ bis „Girl Interrupted“, die sie sich immer wieder anschaut und stets aufs Neue fasziniert ist von dem Versprechen der Möglichkeit eines Zusammenbruchs, gefolgt von einem Ausbruch und schließlich der totalen Befreiung. Gråbøls Roman offeriert uns seine besten Seite und wirkt dabei fast hypnotisch, auf jeden Fall überzeugend, atmosphärisch und gut geschrieben.
Das war kein leichtes Buch, aber das sagt der Klappentext bereits. Lesen lässt es sich dennoch gut, der Stil ist klar und strukturiert. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und geben jeweils einen Einblick in den Alltag. Manchmal setzt sich eine Handlung über mehrere Kapitel hinweg fort, manchmal wird sprunghaft ein neuer Aspekt beleuchtet. Das WG-ähnliche Leben in einem klinikähnlichen Umfeld wird dem Leser dabei anschaulich nähergebracht. Ebenso die Krankheiten, unter denen die Erzählerin leidet. Diese geht dabei sehr ehrlich mit ihren Gefühlen um. Mir fiel es leicht, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr zu fühlen. Das Buch zeigt einen kurzen Einblick in den Alltag, beginnt sozusagen mittendrin und endet offen. Die Zwischentöne sind es, die es besonders machen und zum Nachdenken anregen. Die anderen Charaktere treten eher am Rand auf und bringen feine Aspekte anderer Erkrankungen mit ein. Es ist klar und ehrlich, ohne zu übertreiben oder schonungslos zu sein. Es liest sich schnell – und klingt nach.

Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe.
Aus dem Alltag einer betreuten Wohngruppe Fine Gråbøl gewährt uns in diesem Roman in 176 Seiten Einblicke in Form von Momentaufnahmen, die oft nur 1-2 Seiten umfassen, manchmal aber auch nur ein einziger Satz sind, in das Leben von 6 jungen Menschen, die in einer betreuten Wohngruppe für psychisch Erkrankte leben. Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos. Die Autorin prangt das Gesundheitssystem an und zeigt, wie fragil das Gleichgewicht aus ständigem Betreuerwechsel, Medikation und psychischem Erkrankungsbild ist. Die jungen Erwachsenen sollen lernen, im Alltag klarzukommen, aber können sie das in diesem Konstrukt überhaupt schaffen? Man kann dieses Buch an einem Nachmittag lesen, sollte es aber meiner Meinung nach nicht. Es will nachhallen und wirken und das braucht ein wenig Zeit. Alle handelnden Personen blieben mir bis zuletzt fremd, was vielleicht auch Stilmittel der Autorin war?! Der Schreibstil ist kühl und nüchtern mit teilweise poetischen Einwürfen. Das fand ich spannend gemacht, aber ich habe auch einfach einiges gar nicht verstanden. Gleichzeitig war ich fasziniert davon und denke, dass auch das gewollt ist. Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe. Ich fürchte, es wird mir nicht allzu lang in Erinnerung bleiben, auch wenn ich das Buch, gerade auch mit Blick auf meine sonstigen sehr intensiv erzählten Romane, gern gelesen habe. CN: suizidales Verhalten, Selbstverletzung, Esstörungen Rezensionsexemplar
Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe.
Aus dem Alltag einer betreuten Wohngruppe Fine Gråbøl gewährt uns in diesem Roman in 176 Seiten Einblicke in Form von Momentaufnahmen, die oft nur 1-2 Seiten umfassen, manchmal aber auch nur ein einziger Satz sind, in das Leben von 6 jungen Menschen, die in einer betreuten Wohngruppe für psychisch Erkrankte leben. Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos. Die Autorin prangt das Gesundheitssystem an und zeigt, wie fragil das Gleichgewicht aus ständigem Betreuerwechsel, Medikation und psychischem Erkrankungsbild ist. Die jungen Erwachsenen sollen lernen, im Alltag klarzukommen, aber können sie das in diesem Konstrukt überhaupt schaffen? Man kann dieses Buch an einem Nachmittag lesen, sollte es aber meiner Meinung nach nicht. Es will nachhallen und wirken und das braucht ein wenig Zeit. Alle handelnden Personen blieben mir bis zuletzt fremd, was vielleicht auch Stilmittel der Autorin war?! Der Schreibstil ist kühl und nüchtern mit teilweise poetischen Einwürfen. Das fand ich spannend gemacht, aber ich habe auch einfach einiges gar nicht verstanden. Gleichzeitig war ich fasziniert davon und denke, dass auch das gewollt ist. Es ist ein Buch für zwischendurch, aber keine leichte Kost. Es regt zum Nachdenken an und fordert seine Leser*innen heraus. Gleichzeitig kommt es diesen niemals nahe. Ich fürchte, es wird mir nicht allzu lang in Erinnerung bleiben, auch wenn ich das Buch, gerade auch mit Blick auf meine sonstigen sehr intensiv erzählten Romane, gern gelesen habe. CN: suizidales Verhalten, Selbstverletzung, Esstörungen Werbung unbezahlt - Rezensionsexemplar
Ein sanfter Einblick in psychiatrische Wohngruppen
Ohne stringente Handlung, sondern in angenehm kurzen Episoden, lesen wir von der eventuell möglichen Rückführung in die vom System vorgegebene Normalitat. Einfache Tagesabläufe gestalten sich schwierig, für gesunde Menschen routinierte Handgriffe stellen enorme Hürden dar und der personelle Engpass ist auch hier in der Psychatrie angekommen und stellt Angestellte wie auch Erkrankte vor enorme Schwierigkeiten. "Welches Königreich" bietet einen kleinen Einblick in das komplexe Thema Psychiatrie und überlässt dem Leser durch das offene Ende selbst die Entscheidung, ob das „Drinnen" oder „Draußen" das Königreich ist
Puh... das war keine einfache Lektüre, aber eine sehr eindringliche. In 'Welches Königreich' von Fine Gråbøl wird der Alltag von 6 Menschen mit psychischen Erkrankungen erzählt. Die Ich-Erzählerin die namenlos bleibt gibt uns hier auf sehr distanzierte und schnörkellose Art Einblicke in den Versuch der Resozialisierung einer betreuten Wohngemeinschaft nach stationären Aufenthalten in der Psychiatrie. Gerade der recht emotionslos Schreibstil bringt diesen inneren Kampf und die Zerrissenheit Einzelner gut rüber und zeigt auf wie schwer ein einfaches Leben sein kann. Durch die kurzen Abschnitte lässt sich dieser Roman sehr schnell und gut lesen, aber durch das schnelle 'durchkommen' geht, glaube ich, etwas der Botschaft verloren. Im Ganzen war es dann doch nicht so meins und wird mir wohl nicht lange im Kopf bleiben. Ich möchte immer gerne eine Verbindung zu den Protagonisten aufbauen, doch hier bleiben Sie einem sehr fremd. Das könnte aber durchaus gewollt sein. Wenn Euch der Klappentext und die Thematik anspricht, bildet Euch am Besten selber eine Meinung.

Super intensiv und kurzweilig.. das gewisse Etwas fehlte mir dennoch. Bewohner einer Gruppe für psychisch Kranke und Suchtkranke werden hier aus Sicht einer Bewohnerin dargestellt. V.a.geht es um die Zustände, die inneren wie die äußeren. Am Ende formiert sich eine Gemeinschaft, das ist schön anzusehen.
"Wieso fragt niemand nach der Grenze, die zwischen Trauma und Therapie verläuft? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Zwang und Gehorsam? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Unterwerfung und Unterstützung? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit? Wieso fragt niemand nach dem Zusammenhang zwischen Kapitulation und Auslöschung?" (S. 54/55) Sechs Jugendliche sind in Kopenhagen in der betreuten Wohngemeinschaft einer Psychiatrie untergebracht. Vorübergehend, denn sie sollen zurück in die Alltagsrealität. Es ist ein "Übergangszuhause". Die namenlose Erzählerin berichtet von ihrer Angst, dem Draußen schutzlos gegenüber zu stehen. Vom Wechsel von Bezugspersonen und Einrichtungen - nie zu Hause, immer auf dem Sprung. Doch ist es in den psychiatrischen Strukturen überhaupt möglich, zu lernen wieder unabhängig und selbstständig zu leben? Und wie stehen die Chancen, in so einem Umfeld "gesund" zu werden, ist man doch kaum noch man selbst, sondern nur noch seine Diagnose. In ihrem Debütroman "Welches Königreich" macht Fine Gråbøl auf Widersprüche im psychiatrischen System aufmerksam. Der Drahtseilakt der medikamentösen Behandlung: das Für und Wider von Wirkung und Nebenwirkung. Psychisch kranke Menschen haben eine geringere Lebenserwartung. Ein Grund dafür ist sicher auch ihr langer Leidensweg, dem sie ausgesetzt sind. Der Geschichte entsprechend ist die Sprache eine vorsichtig tastende. So geht Gråbøl auch Themen wie suizidales und selbstverletzendes Verhalten behutsam an. "[...], wir versuchen, auf verschiedene Weise zu sterben, während das Leben, die WG und das System uns festhalten, [...]." (S. 129)



















