Kartonwand
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Description
Als Fatih Çevikkollus Mutter starb, war das für ihn ein Wendepunkt. Sie litt an einer Psychose und war im Alter nicht mehr gesellschaftsfähig. Und er fragte sich: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den psychischen Problemen und ihrem Schicksal als sogenannte Gastarbeiterin in den Sechzigerjahren in Deutschland?
Alle Arbeitsmigrant:innen kennen sie, denn sie steht symbolisch für den Traum vom baldigen Glück in der Heimat: eine ganze Wand aus Kartons, in denen alles verstaut wurde, was schön und wertvoll war – für das spätere Leben in der Türkei. Willkommen war man in Deutschland nicht, doch was hält man nicht alles aus, wenn es nur von kurzer Dauer ist? Es lohnte sich weder, die deutsche Sprache zu lernen, noch sich ein Zuhause zu schaffen, schließlich sollte es bald zurückgehen. Die Kinder wurden als Kofferkinder hin- und hergeschickt. Was macht es mit Menschen, wenn sie irgendwann merken: Der Traum zurückzukehren hat sich nicht erfüllt?
Fatih Çevikkollu beschreibt sein Leben und das seiner türkischen Familie, die Träume und Enttäuschungen seiner Eltern, und er spricht mit Expert:innen über die Folgen der Arbeitsmigration, die bis heute in den Familien Wunden hinterlassen hat. Ein Thema, das bisher nur in Fachkreisen behandelt wurde und dringend in den Mittelpunkt der Debatten gehört.
Book Information
Author Description
Fatih Çevikkollu ist ein deutscher Kabarettist, Theater-, Film- und Fernsehschauspieler und Sohn türkischer Eltern, die in den 60er Jahren als Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und ging dann ans Düsseldorfer Schauspielhaus. Im Fernsehen spielte er die Rolle des Murat Günaydin in Alles Atze. Für sein erstes Soloprogramm Fatihland wurde er 2006 mit dem Prix Pantheon Jurypreis ausgezeichnet.
Posts
Großartig & sehr bewegend
Ich möchte dieses Buch allen empfehlen! Emotional, bewegend, emphatisch und sehr ehrlich. Das Leben von türkeistämmigen Arbeitsmigrant:innen und ihren Kindern- ein Teil der deutschen Geschichte, der nach wie vor viel zu wenig gesehen und besprochen wird. Ich werde es in meinem Umfeld verschenken und denke, es sollte - im allerbesten Sinne - Schullektüre werden. Danke Fatih Çevikkollu für diesen tiefen, wunderbaren Einblick.

„Kartonwand“ ist ein autobiografisches Buch von Fatih Çevikkollu. Der Autor, Kabarettist und Schauspieler ist als Kind türkischer Arbeitsmigrant:innen in Köln aufgewachsen. In dem Buch erzählt er von seiner Familie, vor allem aber von seiner Mutter, die an einer Psychose litt und im Alter isoliert verstarb. Er stellte sich die Frage, ob zwischen ihrer psychischen Erkrankung und ihrer Erfahrung als Gastarbeiterin ein Zusammenhang besteht. Auf der Suche nach einer Antwort spricht er mit anderen Familienmitglieder über die Psychose seiner Mutter als auch mit Expert:innen über die Folgen und Auswirkungen der Arbeitsmigration, die bis heute in den Familien Wunden hinterlassen haben. Der Autor schildert die Beziehung zu seinen Eltern und wie diese sein Leben geprägt haben. Er beschreibt die Konflikte zwischen den Generationen und den Kulturen, die oft zu Missverständnissen und der Entfremdung führten. Die Eltern lebten immer mit dem Gedanken im Hinterkopf Deutschland bald wieder zu verlassen und zurück in die Türkei zu gehen. Anschaffungen blieben unberührt in den Kartonverpackungen verstaut, wurden aufbewahrt für das Leben in der Türkei. Diese Rückkehr blieb aber aus. Çevikkollu beschreibt zudem die Diskriminierung und Ausgrenzung, die seine Eltern & auch er selbst immer wieder erfahren haben, aber auch über die Hoffnungen und Wünsche, die trotz alledem fortbestanden. Er thematisiert, wie Traumata über Generationen weitergegeben wurden und wie schwer es ist, eine eigene Identität zu finden. „Kartonwand“ regt zum Nachdenken an. Im Buch wird nicht nur die Geschichte einer Familie erzählt, sondern es ist auch eine historische Erzählung. Der Autor gibt einen Einblick in die Geschichte der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland in den 60er. Er erklärt die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die zu dieser Migration führten, als auch die Herausforderungen, denen sich die Migrant:innen gegenübersahen. Er kritisiert die mangelnde Anerkennung & Integration der Migrant:innen durch die deutsche Gesellschaft. Und auch der Weg von Çevikkollu als Kabarettist und Schauspieler bekommt Raum im Buch. Große Empfehlung!
Die Seele türkischer Gastarbeiter
Dieses Buch hat mich tief getroffen und berührt, und zwar genau da, wo meine eigene Biografie anfängt. Denn auch ich bin ein Kind der ersten „Gastarbeiter“ Generation, zumindest zur Hälfte. Fatih Cevikkollu erzählt die Geschichte seiner Familie und seines Aufwachsens in Köln. Besonders seine Mutter beschäftigt ihn sehr. Sie kam, hoch ausgebildet, als „Ehefrau“ nach Deutschland, lebte relativ isoliert und immer mit dem Gefühl, bald in die Türkei zurückzukehren. Wunderschöne Dinge benutzt sie nicht im Alltag, sie sammelte sie für die Heimkehr, für das richtige zu Hause in der Türkei, das war so üblich. In Kartons verstaut, entstanden so Wände mit Kostbarkeiten, die nie zum Einsatz kamen. Denn wie bei so vielen Migrant*innen wurden aus den zwei Jahren mehr und am Ende fast ein ganzes Leben. Cevikkollus Mutter hat die Unsicherheit, die Einsamkeit und das Fremde nicht gut verkraftet. Mit zunehmendem Alter wurde sie „komisch“, bekam Psychosen und starb schließlich einsam in der Türkei. Der Sohn macht sich nun auf, das Leben seiner Eltern zu ergründen und sein eigenes aufwachsen zwischen zwei Kulturen zu reflektieren. Und das ist ihm sehr gut gelungen. Er erzählt uns alles, was er weiß, von beenden Verhältnissen und wenig Anerkennung, obwohl man doch in diesem Deutschland geboren ist. Aber er berichtet uns auch von dem Schweigen seines Vaters, der in der Vergangenheit nicht stochern will. Es wird Zeit, die Biografien dieser ersten Migrant*innen Generation zum Thema zu machen und die psychischen Probleme, die daraus resultieren, nicht im Verborgenen zu halten. Viel zu wenig ist das präsent, aber es ist trotzdem da, dass kann ich bestätigen Ich habe sehr oft nicken müssen, Situationen eins zu eins wiedererkannt und mitgefühlt. Auch wenn meine Familie keine Verbindung zur Türkei hat, so ist das Land, aus dem meine Vorfahren stammen, zwar anerkannter in Deutschland, das Schicksal meiner Eltern ist aber so anders nicht. Jetzt sterben die ersten „Gastarbeiter*innen“, die nie Gäste waren, sondern Mitbürger. Die hier gearbeitet haben, dieses Land mit groß gemacht haben, Steuern gezahlt und die Rente der Generation davor finanziert haben. Es wäre sehr wichtig, sie in den Mittelpunkt zu rücken. Fatih Cevikkollu hat damit angefangen. Und das ist sehr lesenswert.
In seinem erzählenden Sachbuch »Kartonwand: Das Trauma der Arbeitsmigrant/innen am Beispiel meiner Familie« schreibt der Kabarettist, Schauspieler und Autor Fatih Çevikkollu über seine Familie und den (möglichen) Einfluss von Arbeitsmigration auf die Psyche. Zu Beginn des Buches werden Grundlagen der Arbeitsmigration erläutert und mit weiteren Quellen belegt bzw. Literaturverweise gegeben. So wird bspw. dargestellt, warum es ein Abkommen zwischen der Türkei und Deutschland gab, wie sich die ablehnende, offen diskriminierende Haltung gegenüber den Arbeitsmigrant*innen in Deutschland zeigte und mit welchen Mitteln Deutschland - z. B. § Rückkehrförderungsgesetz (1983) - diese Arbeitsmigrant*innen loswerden wollte. Geprägt von diesen Lebensumständen schildert der Autor die Geschichte seiner Familie, an deren Beispiel die Zerrissenheit zwischen dem Leben in der Türkei und dem Arbeiten in Deutschland deutlich wird. Die »Kartonwand« beschreibt dies eindrücklich: »Es gibt die Türkei als Lebensziel, und alles wird dorthin ausgerichtet. Das ist der Klassiker. […] Alle hatten zu Hause eine Wand mit Kartons, […] , in denen die Sachen, die man mit in die Türkei nehmen wollte, aufbewahrt wurden. Alles Schöne und Wertvolle wurde aufgespart. Oder eben Dinge, die in Deutschland gut und günstig sind. Das Hässliche wird in Deutschland benutzt, das Schöne geht mit ins Paradies.« (S.29) Für viele türkische Arbeitsmigrant*innen war Deutschland ein Provisorium und die Rückkehr in die Türkei das Ziel. Dies zeigt sich bspw. in einer Kartonwand, aber auch darin, dass z. B. Kinder (vorerst) in der Türkei bei Verwandten gelassen worden sind. Oder in Deutschland geborene Kinder, die in die Türkei zur Schule geschickt worden sind, damit sie schon einmal dort seien, wenn die Eltern zurückkommen würden. ‚Kofferkinder‘ nennt Fatih Çevikkollu diese Kinder, die nicht selten zwischen Deutschland und der Türkei hin- und hergeschickt worden sind. Das macht natürlich auch viel mit den Kindern, wie sich am Beispiel des Autor zeigen lässt: »Ich bin Deutscher, aber ich habe immer das Konzept der Türkei im Kopf. Wie ein Betriebssystem, das nicht genutzt wird, ein Upload, der nicht gestartet wird, aber immer präsent ist wie ein Avatar.« (S.29) Parallel zu den politischen, gesellschaftlichen und strukturellen Themen um Arbeitsmigration, die Çevikkollu darstellt, schreibt er über seine Familie als Beispiel dessen. Es wird schnell deutlich, wie verheerend diese Kombination aus Rassismus, günstige Arbeitskraft und Deutschland als Provisorium sein kann. Zumindest im Falle seiner Mutter hat dies zu psychischen Problemen geführt. Ganz unabhängig davon, dass auch die Familie und das gemeinsame Zusammensein und Glück darunter leiden. »Migration löst keine psychischen Krankheiten aus, stellt aber in jedem Fall eine seelische Belastung dar. Sie kann unter Umständen dazu beitragen, dass krankheitsauslösende Faktoren begünstigt werden. Meine Eltern lebten nicht in Deutschland, sie arbeiteten hier. Ihre dreißig Jahre in Deutschland waren ein Provisorium, und keiner machte sich klar: Die baldige Rückkehr sollte sich zur Lebenslüge entwickeln.« (S.31) Ich finde den Satz »Meine Eltern lebten nicht in Deutschland, sie arbeiteten hier.« (S.31) sehr vielsagend. 💔 Das Buch thematisiert Arbeitsmigration aus verschiedenen Perspektiven, die ich als sehr bereichernd und wichtig empfinde. Dies wird durch das persönliche Beispiel der Familie Çevikkollu verstärkt. Sicherlich gibt es noch einige weitere Aspekte, die hier nicht berücksichtigt worden sind, aber der Subtitel gibt sehr gut vor, was in diesem Buch erwartet werden kann. Einziger Kritikpunkt ist, dass sich Inhalte zum Teil sehr stark wiederholen, was vielleicht daran liegen könnte, das Kapitel einzeln verfasst bzw. überarbeitet worden sind. Insgesamt ein sehr wichtiges, aktuelles und eindrückliches erzählendes Sachbuch, das ich sehr empfehle. 🧿💙

Wir müssen reden!
Fatih Çevikkollu hat also ein Buch geschrieben. Ein Buch, das du bitte lesen musst. Und noch wichtiger: Ein Buch über das wir sprechen müssen! Ich habe Fatihs Texte nur so aufgesogen, gestaunt und mich gewundert, wie wenig ich über die Geschichten der Arbeitsmigrant:innen in Deutschland eigentlich weiß. Obwohl ich besonders in meiner Kindheit und Jugend viele Kinder von ebendiesen Arbeitsmigrant:innen in meinem Freundeskreis gehabt haben muss. Obwohl ich mit jemandem zusammen gewohnt habe, der eben diese Kartonwand in der elterlichen Wohnung stehen hatte. Hatte ich keine Ahnung, welche Parallelwelt es da direkt neben meiner gab. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich angefangen, mit Freunden und Bekannten mit Migrationgeschichte darüber zu sprechen und stelle fest: Ja - alle kennen sie, die originalverpackten elektrischen Kaffeemühlen aus den 70ern, die "gute Bettwäsche" und die mittlerweile antiken Radiogeräte, die erst jetzt nach dem Tod der Eltern aus den Kartonwänden befreit werden, weil niemand mehr "zurück" gehen wird. Fatih unglaublich absolut authentisch die tragische Geschichte seiner eigenen Familie und was die Vergangenheit seiner Eltern für seine Gegenwart bedeutet. Das ist keine schöne Geschichte, aber sie muss erzählt werden. Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas schafft Fatih es immer wieder, Situationen mit dem Humor zu erzählen, für den man ihn als Kabarettist so liebt. Mich hat das Buch tief beeindruckt, zum Nachdenken angeregt und für sehr interessante Gespräche gesorgt.
Beklemmend, traurig und ehrlich!
Die Geschichte der Mutter ist traurig, aber sicherlich leider kein Einzelschicksal. Die Art wie der Autor, die Politik der damaligen Zeit hat miteinfliessen lassen und auch einen Zusammenhang zu der Geschichte seiner Familie hergestellt hat, hat mich nicht nur beeindruckt, sondern hat mir auch so viel in Bezug auf meine eigene Geschichte erklärt. Dafür bin ich Fatih Abi sehr dankbar. 🤍

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Als Fatih Çevikkollus Mutter starb, war das für ihn ein Wendepunkt. Sie litt an einer Psychose und war im Alter nicht mehr gesellschaftsfähig. Und er fragte sich: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den psychischen Problemen und ihrem Schicksal als sogenannte Gastarbeiterin in den Sechzigerjahren in Deutschland?
Alle Arbeitsmigrant:innen kennen sie, denn sie steht symbolisch für den Traum vom baldigen Glück in der Heimat: eine ganze Wand aus Kartons, in denen alles verstaut wurde, was schön und wertvoll war – für das spätere Leben in der Türkei. Willkommen war man in Deutschland nicht, doch was hält man nicht alles aus, wenn es nur von kurzer Dauer ist? Es lohnte sich weder, die deutsche Sprache zu lernen, noch sich ein Zuhause zu schaffen, schließlich sollte es bald zurückgehen. Die Kinder wurden als Kofferkinder hin- und hergeschickt. Was macht es mit Menschen, wenn sie irgendwann merken: Der Traum zurückzukehren hat sich nicht erfüllt?
Fatih Çevikkollu beschreibt sein Leben und das seiner türkischen Familie, die Träume und Enttäuschungen seiner Eltern, und er spricht mit Expert:innen über die Folgen der Arbeitsmigration, die bis heute in den Familien Wunden hinterlassen hat. Ein Thema, das bisher nur in Fachkreisen behandelt wurde und dringend in den Mittelpunkt der Debatten gehört.
Book Information
Author Description
Fatih Çevikkollu ist ein deutscher Kabarettist, Theater-, Film- und Fernsehschauspieler und Sohn türkischer Eltern, die in den 60er Jahren als Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und ging dann ans Düsseldorfer Schauspielhaus. Im Fernsehen spielte er die Rolle des Murat Günaydin in Alles Atze. Für sein erstes Soloprogramm Fatihland wurde er 2006 mit dem Prix Pantheon Jurypreis ausgezeichnet.
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Großartig & sehr bewegend
Ich möchte dieses Buch allen empfehlen! Emotional, bewegend, emphatisch und sehr ehrlich. Das Leben von türkeistämmigen Arbeitsmigrant:innen und ihren Kindern- ein Teil der deutschen Geschichte, der nach wie vor viel zu wenig gesehen und besprochen wird. Ich werde es in meinem Umfeld verschenken und denke, es sollte - im allerbesten Sinne - Schullektüre werden. Danke Fatih Çevikkollu für diesen tiefen, wunderbaren Einblick.

„Kartonwand“ ist ein autobiografisches Buch von Fatih Çevikkollu. Der Autor, Kabarettist und Schauspieler ist als Kind türkischer Arbeitsmigrant:innen in Köln aufgewachsen. In dem Buch erzählt er von seiner Familie, vor allem aber von seiner Mutter, die an einer Psychose litt und im Alter isoliert verstarb. Er stellte sich die Frage, ob zwischen ihrer psychischen Erkrankung und ihrer Erfahrung als Gastarbeiterin ein Zusammenhang besteht. Auf der Suche nach einer Antwort spricht er mit anderen Familienmitglieder über die Psychose seiner Mutter als auch mit Expert:innen über die Folgen und Auswirkungen der Arbeitsmigration, die bis heute in den Familien Wunden hinterlassen haben. Der Autor schildert die Beziehung zu seinen Eltern und wie diese sein Leben geprägt haben. Er beschreibt die Konflikte zwischen den Generationen und den Kulturen, die oft zu Missverständnissen und der Entfremdung führten. Die Eltern lebten immer mit dem Gedanken im Hinterkopf Deutschland bald wieder zu verlassen und zurück in die Türkei zu gehen. Anschaffungen blieben unberührt in den Kartonverpackungen verstaut, wurden aufbewahrt für das Leben in der Türkei. Diese Rückkehr blieb aber aus. Çevikkollu beschreibt zudem die Diskriminierung und Ausgrenzung, die seine Eltern & auch er selbst immer wieder erfahren haben, aber auch über die Hoffnungen und Wünsche, die trotz alledem fortbestanden. Er thematisiert, wie Traumata über Generationen weitergegeben wurden und wie schwer es ist, eine eigene Identität zu finden. „Kartonwand“ regt zum Nachdenken an. Im Buch wird nicht nur die Geschichte einer Familie erzählt, sondern es ist auch eine historische Erzählung. Der Autor gibt einen Einblick in die Geschichte der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland in den 60er. Er erklärt die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die zu dieser Migration führten, als auch die Herausforderungen, denen sich die Migrant:innen gegenübersahen. Er kritisiert die mangelnde Anerkennung & Integration der Migrant:innen durch die deutsche Gesellschaft. Und auch der Weg von Çevikkollu als Kabarettist und Schauspieler bekommt Raum im Buch. Große Empfehlung!
Die Seele türkischer Gastarbeiter
Dieses Buch hat mich tief getroffen und berührt, und zwar genau da, wo meine eigene Biografie anfängt. Denn auch ich bin ein Kind der ersten „Gastarbeiter“ Generation, zumindest zur Hälfte. Fatih Cevikkollu erzählt die Geschichte seiner Familie und seines Aufwachsens in Köln. Besonders seine Mutter beschäftigt ihn sehr. Sie kam, hoch ausgebildet, als „Ehefrau“ nach Deutschland, lebte relativ isoliert und immer mit dem Gefühl, bald in die Türkei zurückzukehren. Wunderschöne Dinge benutzt sie nicht im Alltag, sie sammelte sie für die Heimkehr, für das richtige zu Hause in der Türkei, das war so üblich. In Kartons verstaut, entstanden so Wände mit Kostbarkeiten, die nie zum Einsatz kamen. Denn wie bei so vielen Migrant*innen wurden aus den zwei Jahren mehr und am Ende fast ein ganzes Leben. Cevikkollus Mutter hat die Unsicherheit, die Einsamkeit und das Fremde nicht gut verkraftet. Mit zunehmendem Alter wurde sie „komisch“, bekam Psychosen und starb schließlich einsam in der Türkei. Der Sohn macht sich nun auf, das Leben seiner Eltern zu ergründen und sein eigenes aufwachsen zwischen zwei Kulturen zu reflektieren. Und das ist ihm sehr gut gelungen. Er erzählt uns alles, was er weiß, von beenden Verhältnissen und wenig Anerkennung, obwohl man doch in diesem Deutschland geboren ist. Aber er berichtet uns auch von dem Schweigen seines Vaters, der in der Vergangenheit nicht stochern will. Es wird Zeit, die Biografien dieser ersten Migrant*innen Generation zum Thema zu machen und die psychischen Probleme, die daraus resultieren, nicht im Verborgenen zu halten. Viel zu wenig ist das präsent, aber es ist trotzdem da, dass kann ich bestätigen Ich habe sehr oft nicken müssen, Situationen eins zu eins wiedererkannt und mitgefühlt. Auch wenn meine Familie keine Verbindung zur Türkei hat, so ist das Land, aus dem meine Vorfahren stammen, zwar anerkannter in Deutschland, das Schicksal meiner Eltern ist aber so anders nicht. Jetzt sterben die ersten „Gastarbeiter*innen“, die nie Gäste waren, sondern Mitbürger. Die hier gearbeitet haben, dieses Land mit groß gemacht haben, Steuern gezahlt und die Rente der Generation davor finanziert haben. Es wäre sehr wichtig, sie in den Mittelpunkt zu rücken. Fatih Cevikkollu hat damit angefangen. Und das ist sehr lesenswert.
In seinem erzählenden Sachbuch »Kartonwand: Das Trauma der Arbeitsmigrant/innen am Beispiel meiner Familie« schreibt der Kabarettist, Schauspieler und Autor Fatih Çevikkollu über seine Familie und den (möglichen) Einfluss von Arbeitsmigration auf die Psyche. Zu Beginn des Buches werden Grundlagen der Arbeitsmigration erläutert und mit weiteren Quellen belegt bzw. Literaturverweise gegeben. So wird bspw. dargestellt, warum es ein Abkommen zwischen der Türkei und Deutschland gab, wie sich die ablehnende, offen diskriminierende Haltung gegenüber den Arbeitsmigrant*innen in Deutschland zeigte und mit welchen Mitteln Deutschland - z. B. § Rückkehrförderungsgesetz (1983) - diese Arbeitsmigrant*innen loswerden wollte. Geprägt von diesen Lebensumständen schildert der Autor die Geschichte seiner Familie, an deren Beispiel die Zerrissenheit zwischen dem Leben in der Türkei und dem Arbeiten in Deutschland deutlich wird. Die »Kartonwand« beschreibt dies eindrücklich: »Es gibt die Türkei als Lebensziel, und alles wird dorthin ausgerichtet. Das ist der Klassiker. […] Alle hatten zu Hause eine Wand mit Kartons, […] , in denen die Sachen, die man mit in die Türkei nehmen wollte, aufbewahrt wurden. Alles Schöne und Wertvolle wurde aufgespart. Oder eben Dinge, die in Deutschland gut und günstig sind. Das Hässliche wird in Deutschland benutzt, das Schöne geht mit ins Paradies.« (S.29) Für viele türkische Arbeitsmigrant*innen war Deutschland ein Provisorium und die Rückkehr in die Türkei das Ziel. Dies zeigt sich bspw. in einer Kartonwand, aber auch darin, dass z. B. Kinder (vorerst) in der Türkei bei Verwandten gelassen worden sind. Oder in Deutschland geborene Kinder, die in die Türkei zur Schule geschickt worden sind, damit sie schon einmal dort seien, wenn die Eltern zurückkommen würden. ‚Kofferkinder‘ nennt Fatih Çevikkollu diese Kinder, die nicht selten zwischen Deutschland und der Türkei hin- und hergeschickt worden sind. Das macht natürlich auch viel mit den Kindern, wie sich am Beispiel des Autor zeigen lässt: »Ich bin Deutscher, aber ich habe immer das Konzept der Türkei im Kopf. Wie ein Betriebssystem, das nicht genutzt wird, ein Upload, der nicht gestartet wird, aber immer präsent ist wie ein Avatar.« (S.29) Parallel zu den politischen, gesellschaftlichen und strukturellen Themen um Arbeitsmigration, die Çevikkollu darstellt, schreibt er über seine Familie als Beispiel dessen. Es wird schnell deutlich, wie verheerend diese Kombination aus Rassismus, günstige Arbeitskraft und Deutschland als Provisorium sein kann. Zumindest im Falle seiner Mutter hat dies zu psychischen Problemen geführt. Ganz unabhängig davon, dass auch die Familie und das gemeinsame Zusammensein und Glück darunter leiden. »Migration löst keine psychischen Krankheiten aus, stellt aber in jedem Fall eine seelische Belastung dar. Sie kann unter Umständen dazu beitragen, dass krankheitsauslösende Faktoren begünstigt werden. Meine Eltern lebten nicht in Deutschland, sie arbeiteten hier. Ihre dreißig Jahre in Deutschland waren ein Provisorium, und keiner machte sich klar: Die baldige Rückkehr sollte sich zur Lebenslüge entwickeln.« (S.31) Ich finde den Satz »Meine Eltern lebten nicht in Deutschland, sie arbeiteten hier.« (S.31) sehr vielsagend. 💔 Das Buch thematisiert Arbeitsmigration aus verschiedenen Perspektiven, die ich als sehr bereichernd und wichtig empfinde. Dies wird durch das persönliche Beispiel der Familie Çevikkollu verstärkt. Sicherlich gibt es noch einige weitere Aspekte, die hier nicht berücksichtigt worden sind, aber der Subtitel gibt sehr gut vor, was in diesem Buch erwartet werden kann. Einziger Kritikpunkt ist, dass sich Inhalte zum Teil sehr stark wiederholen, was vielleicht daran liegen könnte, das Kapitel einzeln verfasst bzw. überarbeitet worden sind. Insgesamt ein sehr wichtiges, aktuelles und eindrückliches erzählendes Sachbuch, das ich sehr empfehle. 🧿💙

Wir müssen reden!
Fatih Çevikkollu hat also ein Buch geschrieben. Ein Buch, das du bitte lesen musst. Und noch wichtiger: Ein Buch über das wir sprechen müssen! Ich habe Fatihs Texte nur so aufgesogen, gestaunt und mich gewundert, wie wenig ich über die Geschichten der Arbeitsmigrant:innen in Deutschland eigentlich weiß. Obwohl ich besonders in meiner Kindheit und Jugend viele Kinder von ebendiesen Arbeitsmigrant:innen in meinem Freundeskreis gehabt haben muss. Obwohl ich mit jemandem zusammen gewohnt habe, der eben diese Kartonwand in der elterlichen Wohnung stehen hatte. Hatte ich keine Ahnung, welche Parallelwelt es da direkt neben meiner gab. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich angefangen, mit Freunden und Bekannten mit Migrationgeschichte darüber zu sprechen und stelle fest: Ja - alle kennen sie, die originalverpackten elektrischen Kaffeemühlen aus den 70ern, die "gute Bettwäsche" und die mittlerweile antiken Radiogeräte, die erst jetzt nach dem Tod der Eltern aus den Kartonwänden befreit werden, weil niemand mehr "zurück" gehen wird. Fatih unglaublich absolut authentisch die tragische Geschichte seiner eigenen Familie und was die Vergangenheit seiner Eltern für seine Gegenwart bedeutet. Das ist keine schöne Geschichte, aber sie muss erzählt werden. Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas schafft Fatih es immer wieder, Situationen mit dem Humor zu erzählen, für den man ihn als Kabarettist so liebt. Mich hat das Buch tief beeindruckt, zum Nachdenken angeregt und für sehr interessante Gespräche gesorgt.
Beklemmend, traurig und ehrlich!
Die Geschichte der Mutter ist traurig, aber sicherlich leider kein Einzelschicksal. Die Art wie der Autor, die Politik der damaligen Zeit hat miteinfliessen lassen und auch einen Zusammenhang zu der Geschichte seiner Familie hergestellt hat, hat mich nicht nur beeindruckt, sondern hat mir auch so viel in Bezug auf meine eigene Geschichte erklärt. Dafür bin ich Fatih Abi sehr dankbar. 🤍















