Populärer Realismus

Populärer Realismus

Softcover
4.04
Hoher AnspruchDeutschsprachigMarktGegenwart

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Description

EIN LESENSWERTES DEBATTENBUCH ZUR GEGENWARTSLITERATUR

Über die Maßstäbe für "gute" Gegenwartsliteratur herrscht große Unsicherheit. Moritz Baßlers Buch analysiert erfolgreiche Erzählliteratur der Zeit und diskutiert den veränderten Status der Literatur in der aktuellen Markt- und Mediengesellschaft. Dabei macht Baßler einen international prägenden Stil des "populären Realismus" aus: Leichte Lesbarkeit und routinierte Plots, aufgeladen mit Zeichen der Bedeutsamkeit, ohne dass die Texte aber tatsächlich Neuland beträten. Umbert Eco nennt dieses Missverhältnis von leichter Form und schwerem Anspruch Midcult. Vielleicht ist dies die unserer Zeit gemäße Erzählliteratur mit eigenen Chancen?

Über die Maßstäbe für "gute" Gegenwartsliteratur herrscht große Unsicherheit. Moritz Baßlers Buch analysiert erfolgreiche
Erzählliteratur der Zeit und diskutiert den veränderten Status der Literatur in der aktuellen Markt- und Mediengesellschaft. Der Schwerpunkt liegt auf deutschsprachigen Romanen, Seitenblicke werden auf den internationalen Kontext, das erfolgreiche Genre der Fantasy sowie auf die inzwischen dominante Erzählform der Qualitäts-TV-Serie geworfen.
Das Verfahren gegenwärtiger Erzählliteratur, so Baßler, ist durchgängig ein "realistisches" - der Lesende befindet sich immer schon in der erzählten Welt, ohne dass die Zeichen des Textes ihn dabei besonders herausforderten. So konnte sich ein International Style ausbilden, dessen Prosa in Verbund mit routinierten Plots eine leichte Lesbarkeit garantiert. Wer noch Literatur liest, hat dabei aber oft den Anspruch, nicht bloß gut unterhalten zu werden, sondern auch an Hochkultur, an Kunst teilzuhaben. Dafür muss der International Style seine Lesbarkeit mit Bedeutsamkeit aufladen, ohne die Lektüre allzu sehr zu erschweren. Umberto Eco nennt dieses Missverhältnis von leichter Form und schwerem Anspruch Midcult. Vielleicht ist dies die unserer Zeit gemäße Erzählliteratur mit eigenen Chancen?

Wie kann man eine komplexe Literatur verteidigen, ohne in einen elitären Kulturkonservatismus zu verfallen? Über das Populäre und seine Alternativen
Identität oder Ambivalenz?

Book Information

Main Genre
Poetry & Drama
Sub Genre
Criticism & Literary Studies
Format
Softcover
Pages
408
Price
24.70 €

Author Description

Moritz Bassler, geboren 1962, lehrt Neuere deutsche Literatur an der Universität Münster. Bei C.H.Beck ist sein Band "Der deutsche Pop-Roman" (2005) erschienen. Die Veröffentlichung eines Aufsatzes Baßlers mit Thesen aus seinem kommenden Buch hat bereits eine Debatte ausgelöst.

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(K)EIN LITERARISCHES ERFOLGSREZEPT? Sebastian Fitzek, Daniel Kehlmann, J. R. R. Tolkien, Elena Ferrante – auf den ersten Blick haben alle diese Autor*innen wenig gemein. Allenfalls der jeweilige Erfolg und die Absatzzahlen ihrer Best- und Longseller erscheinen hier als verbindendes Element. Moritz Baßler, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Münster und Koryphäe auf dem Gebiet der Popliteratur folgt in seiner 400seitigen Untersuchung, die auf einem 2022 veröffentlichen, polemischen und kontrovers diskutierten Essay basiert und dessen Gedanken weiterführt, der Annahme, dass die Wurzeln des Erfolgs des „Herrn der Ringe“ die gleichen sind, wie jene, die der „Vermessung der Welt“ den Zuspruch von Leser*innen und Kritiker*innen gleichermaßen eingebracht haben. Dabei schickt sich die Untersuchung Baßlers zumindest implizit an, eine literarturhistorische Epochencharakteristik zu entwerfen, während diese Epoche noch aktuell ist. Die zentrale These des Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler ist, dass gerade der Grund für den unglaublichen Erfolg der Texte der genannten bei Leser*innen diese eher eint, denn trennt, denn sowohl Fitzeks gewaltpornographische Thriller als auch Ferrantes neapolitanischer Familienroman seien Ausdruck einer gegenwärtig dominanten Tendenz im fiktionalen Erzählen, die er „Populärer Realismus“ nennt. Nun würden wahrscheinlich die wenigsten Tolkiens Romane mit dem Stempel des realistischen Erzählens zusammenbringen, Baßler folgend sind es aber gerade die fantastischen Elemente hier oder die Versatzstücke eines magischen Realismus bei Daniel Kehlmanns Romanen, die mit ihrer vordergründigen Negation realistischen Erzählens, dieses erst entfalten – nach dem Motto, dass Ausnahmen erst die Regel bestätigen würden. So bedeutet Erzählen im Modus des Realismus für Baßler nicht etwa, dass die Dinge, die in einer Geschichte passieren, realistisch (im Sinne von „möglich“) sind. Vielmehr weist Baßler, den Literaturwissenschaftlern Bachtin und Genette folgend, darauf hin, dass ein Text auf zwei Ebenen erzählt, von denen die eine der eigentliche Inhalt (histoire) ist und die andere die Struktur, Narratologie bzw. das Wie der Darstellung (discours). Realismus bezieht sich bei ihm also auf die Diegese und nicht auf die Frage, inwiefern das Erzählte Teil unserer Wirklichkeit sein könnte. Bei den genannten Texten, die exemplarisch für einen Großteil gegenwärtiger Belletristik stehen, sei es nun so, dass die Handlungen, von denen diese Texte erzählen, selten bis nie die Ebene des Discours erschüttern. Konkretisiert am Beispiel eines Auszugs aus einem Roman Sebastian Fitzeks, den Baßler als Opener nutzt, stellt er dahingehend die These auf, dass dieser deswegen so gut funktioniert, weil die Sprache voller Plattitüden und platter Wendungen ist und Leser*innen so sofort auf Ebene der Handlung sind. Realistische Texte sind demnach solche, in deren Diegese man sich als Leser*in „heimisch fühlen kann“ bzw. „sich aufhalten möchte“, die somit aber auch selten irritieren bzw. häufig das Erwartbare liefern und einen schnellen Zugang sowie leichte Immersion ermöglichen. Ein weiterer Aspekt gegenwärtigen Erzählens im Populären Realismus sei, so Baßler, mit dem von Umberto Eco entlehnten Konzept des Midcults erfüllt. Dieses aktualisiert Baßler und zeigt auf, dass sich dieser z.B. darin äußere, dass die genannten Texte auf unterschiedliche Arten versuchen, den Leser*innen zu suggerieren, sie seien große Literatur. Mögliche Ausprägungen des Midcults und damit Selbsteinschreibungen in einen Kanon des Literarischen können demnach z.B. die Erzählung von Geniehaftigkeit (Kehlmann) oder die Narration explorativer Gewalt (Fitzek) sein. Zudem sei auch die Steigerung der eigenen Bedeutung solcher Texte mittels der Thematisierung von ethisch aufgeladenen Diskursen (gender, race, class), der Bezugnahme auf historische Ereignisse wie dem Holocaust oder der Bearbeitung dessen, was als „schweres Thema“ gilt (z.B. Krebs, Verlust) ein Merkmal des Midcults. Da auch die Produktion, Rezeption und Wahrnehmung von Literatur der Logik des Marktes folgt, so werde zudem darauf zurückgegriffen, was sich bewährt habe. Serielles Erzählen und die Variation des immer Gleichen seien prominente Tendenzen, die sich im literarischen Feld beobachten ließen. So entstünden Welten, in denen man sich als Leser*in aufhalten wolle, die teilweise sogar durch die Leser*innen mitgestaltet werden. Zudem zeichneten sich Vertreter*innen des Populären Realismus dadurch aus, dass sie „born translated“ seien, d.h. in ihrer Syntax und Semantik leicht vor allem ins Englisch zu übertragen seien (was vor allem dann gegeben sei, wenn sprachlich und erzählerisch nicht experimentel vorgegangen werde) sowie unkompliziert in andere Medienformate wie Serien und Games zu übertragen seien, da diese Transformation bereits bei ihrer Entstehung intendiert sei. Wurde Baßlers Essay, der die Grundlage zu diesem Buch liefert, harsch kritisiert, da der Autor seine Überlegungen vor allem an Romanen erläuterte, die sich kritisch mit Rassismus oder Genderthemen befassen und von weiblich gelesenen Autorinnen stammten, so versucht er nun, dem Eindruck, hier würde ein alter, weißer Uniprofessor seinem eigenen Distinktionsbedürfnis nachgehen, zu entgehen. Zwar ordnet der Band den Roman „Adas Raum“ der Autor*in of Color Sharon Dodua Otoo als Beispiel für das Konzept des Midcults ein, da dieser über die Parallelisierung von Kolonialgeschichte, Nationalsozialismus; die Bezugnahme auf Charles Dickens und die Problematisierung struktureller Diskriminierung in unserer Gegenwart Bedeutung vortäusche, die schlussendlich verpuffe. So erschöpfe sich der Erkenntnisgewinn zu den Themen, die der Roman¬¬ verhandelt zumeist in Allgemeinplätzen, wie dem, dass der Nationalsozialismus schlimm gewesen sei oder dass Schwarze Frauen diskriminiert werden. Um nun der oben erwähnten Kritik zu entgehen, bezieht sich Baßler in zwei weiteren seiner immer lesenswerten und bisweilen sogar unterhaltsamen Analysen der Texte mit Lisa Krusches Roman „Unsere anarchistischen Herzen“ sowie mit „Identitti“ von Mithu Sanyal auf zwei Romane, die ihn vor diesen Vorwürfen schützen, da er diese als positiven Gegenentwurf zum Midcult beschreibt. So verweigere z.B. Sanyals Roman eine affirmative Rezeption, da den Leser*innen u.a. nicht mit einem eindeutigen und für die wahrscheinlich zumeist progressive Leser*innenschaft erwartbaren Identitätskonzept dient. Baßler entwirft hier eine lesenswerte und unterhaltsam gestaltete Theorie der Literatur der Gegenwart, der man in seiner zentralen These sicher nicht folgen muss, um den Band mit Genuss und Gewinn zu lesen. Für mich war die Untersuchung allerdings unterm Strich doch zu sehr Ausdruck eines akademischen Distinktionsdranges. Zwar betont Baßler allenthalben, dass er der snobby Trennung von U- und E-Literatur, von Avantgarde und Populärem oder wie auch immer man es nennen will nicht nach dem Mund reden wolle; tut es dann implizit aber schon immer wieder. Bereits der einführende Hinweise Baßlers darauf, mit welcher Literatur er sozialisiert wurde und dass auf Basis dieser Sozialisation Texte des beschriebenen Phänomens für ihn eigentlich „unterkomplex“ wirken müssten, eröffnet diese Lesart bereits auf der ersten Seite. Dem gegenüber kann ich aber nicht bestreiten, dass Baßler es wunderbar verstanden hat, auch mir als Leser den Spiegel vorzuhalten. So beginnt der Band mit einer Betrachtung eines Romans von Sebastian Fitzek, bei dem wohl die meisten (auch ich), die sich als Leser*innen von Literatur verstehen, ohne Weiteres die Kritik Baßlers mitgehen können, ja diese vielleicht sogar genossen. Die Tatsache, dass Baßler allerdings direkt im Anschluss mit Daniel Kehlmann einen meiner Lieblingsautoren demontiert, traf mich zwar einerseits, andererseits ist das ein ziemlich durchdachter Move im Aufbau dieses Buches. Man könnte sicher noch viel Teilgedanken und Textbeobachtungen Baßlers hier lobend erwähnen und mein Blick auf meine aktuellen Lektüren werde ich sicher auch immer mal wieder durch die Perspektive dieses Buches werfen, aber bei all den klugen, elaborierten und manchmal polemischen Ausführungen bleibt zu guter letzte die Frage, wohin diese Kritik an der Gegenwartsliteratur denn führen soll, da der Autor weder die Verbindung zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer diese Literatur entsteht zieht, noch die Marktlogiken der Buchbranche beleuchtet, was dazu führt, dass diese 400 Seiten in ihrem Urteil über Literatur des Populären Realismus‘ sich auf die These zusammenschrumpfen lassen, dass diese halt schlechte Kunst sei.

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