Der Hundertjährige Krieg um Palästina

Der Hundertjährige Krieg um Palästina

Softcover
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Description

Der Bürgermeister von Jerusalem, Yusuf Diya al-Khalidi, schrieb 1899, beunruhigt über die Forderung nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina, einen Brief an Theodor Herzl: Das Land habe eine einheimische Bevölkerung, die ihre Vertreibung nicht akzeptieren würde. Er schloss mit den Worten: »In Gottes Namen, lasst Palästina in Frieden.« So beginnt Rashid Khalidi, der Groß-Großneffe von al-Khalidi, diese Gesamtdarstellung des Konflikts aus palästinensischer Perspektive.

Rashid Khalidi, Nachfolger Edward Saids an der Columbia University und einer der führenden Historiker des Nahen Ostens, stützt sich auf eine Fülle von unerschlossenem Archivmaterial. Er zeichnet die Geschichte eines hundertjährigen Kolonialkriegs gegen die Palästinenser nach und legt den Finger auch auf die Fehler der palästinensischen Führung.

Book Information

Main Genre
Specialized Books
Sub Genre
History & Archaeology
Format
Softcover
Pages
384
Price
16.50 €

Author Description

Rashid Khalidi, geboren 1948 in New York, studierte in Yale und Oxford und lehrte an mehreren Universitäten. Er ist Schriftsteller, US-amerikanisch-palästinensischer Historiker des Nahen Ostens, hielt bis Oktober 2024 den Edward-Said-Lehrstuhl für Modern Arab Studies an der Columbia University in New York und ist Mitherausgeber des Journal of Palestine Studies. Seine Publikationen wurden in vielen prominenten Zeitschriften diskutiert, u. a. erhielt er den WOCMES Seville 2018 Award und den MESA Book Award.

Posts

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Ich will diesem Buch gegenüber fair bleiben. Es hat mir geholfen, besser zu verstehen und tiefere Einblicke zu erhalten. Dennoch ist es in meinen Augen schon recht eingefärbt. Da werden Israel und seine Verbündeten mit Adjektiven beschrieben, die zumindest tendenziös sind. Nicht viel anders werden arabische Regierungen geschildert. Die Palistinänser werde selten kritisiert und dann geht es auch nur um einzelne Personen, die nicht weitsichtig genug waren. Der Autor ist zudem sehr in seiner Familiengeschichte verwoben und von der Richtigkeit des Handeln von Familienmitgliedern oder seines eigen Tuns überzeugt. Schwierig war für mich, dass der 07.10.23 als Reaktion beschrieben wurde. Außerdem fehlt mir ein kritischer Blick auf den radikalen Islamismus der Hamas. Drei Sterne gibt es, weil ich Verständnis für die persönliche Betroffenheit von Rashid Khalidi habe, und ich meine historischen Kenntnisse erweitern konnte.

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Ein Jahrhundert in Briefen und Narben

Manchmal fühlt sich Geschichte wie ein verletzter Nachbar an, dessen Klagen überhört wurden. In Der Hundertjährige Krieg um Palästina führt Rashid Khalidi mich behutsam durch ein Jahrhundert kollektiver Vertreibung, Widerstand und diplomatischer Intrigen — stets mit der Wärme und dem Zorn eines Familienmitglieds, das Zeuge geworden ist. Ich habe beim Lesen oft den Atem angehalten; seine Rekonstruktionen aus unveröffentlichten Archiven geben Gesichtern Namen, Orten Gewicht und lassen politische Entscheidungen als menschliche Geschichten erscheinen. Sein Blick ist scharf, zugleich unaufgeregt; er legt befehlende Mächte offen, zeigt aber auch die inneren Widersprüche palästinensischer Führung und die Fehler, die Geschichte formten. Emotional berührt hat mich vor allem, wie Khalidi Raum für Verlust lässt: Städte, Erinnerungen, Leben — alles wird spürbar. Stilistisch ist das Buch dicht und souverän, manchmal fordert die Detailfülle Geduld, doch gerade diese Tiefe macht es zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die verstehen wollen, warum der Konflikt bis heute brennt. Für Lesende, die eine quellenstarke, persönlich gefärbte und kritisch reflektierte Darstellung suchen, ist dieses Werk ein Licht in einem oft verrauschten Diskurs. Es hat mir die Wut erklärt, aber auch die Trauer — und damit einen Weg gezeigt, die Komplexität zu ertragen.

Ein Jahrhundert in Briefen und Narben

Rashid Khalidi ist ein palästinensischer Historiker, der an der Columbia Universität lehrt und von dem der israelische Historiker Benny Morris mal hoffte, dass er eine Generation neuer palästinensischer Historiker begründen würde, die den Konflikt nicht rein aus einer nationalen Perspektive betrachten. Khalidis "Der hundertjährige Krieg um Palästina" erschien im englischen Original 2020 und 2024 auf deutsch übersetzt von Lucien Leitess im Unionsverlag. Und wie spätestens der Untertitel verrät: Wir lesen hier eine positionierte Darstellung des Konflikts, in der Palästinenser*innen die Kolonisierten und Widerständigen sind und die Israelis die Kolonialmacht und Angreifer*innen. Und zwar, wie der Titel verrät, seit 100 kontinuierlichen Jahren. Das Buch wurde nach dem 7. Oktober vielfach als DAS Buch präsentiert, das man zum Konflikt lesen müsse. Sowas macht mich skeptisch, weil es gerade in komplexen Konflikten selten ausreicht, nur eine Perspektive zu lesen. Mich hat aber Khalidi interessiert, weil ich zum Thema bisher etwas mehr israelische Positionen gelesen habe als palästinensische. Und die positiven Dinge zuerst: Khalidi hält geht mit der H@mas scharf ins Gericht, hält ihr Handeln für strategisch verfehlt und moralisch verwerflich, kritisiert auch die PLO und die umliegenden arabischen, auf Eigeninteressen ausgerichteten Länder scharf. Die Kritik an der PLO hat viel damit zu tun, dass er selbst zeitweise für diese gearbeitet hat, sie für zu nachgiebig hielt und ihr eine Mitverantwortung für das Erstarken der H@mas gibt. Ich glaube, dass es lohnt dieses Buch zu lesen, um eine weitere Perspektive auf den Konflikt zu erhalten. Allerdings gilt diese Einschätzung mit diversen Einschränkungen und einige davon werde ich nachfolgend ausführen. Zunächst mal suggeriert schon der Titel eine Kontinuitätserzählung, die notwendigerweise sehr unterschiedliche Dinge einebnet. Sowohl der Sechstagekrieg als auch die gescheiterten Oslo-Verhandlungen werden als Kriegserklärungen gegen Palästina begriffen und damit gleichgesetzt. Das finde ich nicht ganz überzeugend und verweist zugleich auf das für mich größte Problem des Buchs, nämlich dass es trotz eines kurzen Rekurses auf Nationalismustheorien und Ernest Gellner im Fazit den eigenen Nationalismus nicht hinterfragt und ihm eine höhere Legitimität zuspricht als dem israelischen. Ich find Nationalismus generell schwierig, aber ich finds unredlich, der israelischen Seite Kompromisslosigkeit vorzuwerfen (je nach Regierung mag das natürlich zutreffen) und zugleich von palästinensischen Maximalforderungen nicht abzurücken. Ich finde es schwierig, den gesamten Zi0nismus über einen Kamm zu scheren und mit dem revisionistischen von Jabotinsky gleichzusetzen, dabei aber auf palästinensischer Seite viele Grautöne zuzulassen. Zunächst mal suggeriert schon der Titel eine Kontinuitätserzählung, die notwendigerweise sehr unterschiedliche Dinge einebnet. Sowohl der Sechstagekrieg als auch die gescheiterten Oslo-Verhandlungen werden als Kriegserklärungen gegen Palästina begriffen und damit gleichgesetzt. Das finde ich nicht ganz überzeugend und verweist zugleich auf das für mich größte Problem des Buchs, nämlich dass es trotz eines kurzen Rekurses auf die Künstlichkeit von Nationen selbst sehr stark in einer palästinensischen Nationalerzählung verbleibt. Während die Aussagen israelischer Regierungsmitglieder (oft zurecht!) kritisiert werden, werden schriftliche Absichtserklärungen mit radikalem bis antisemitischem Inhalt auf palästinensischer Seite damit relativiert, dass das ja gar nicht immer so gemeint war und auch nicht immer umgesetzt wurde. Während er trotz Kritik an der Hamas implizit deren poitische Gew4lt mit der Verzweiflung der Palästinenser*innen legitimiert und die islamistische Ideologie einfach gar keine Rolle spielt, während mit Zahlen die Tode aufgerechnet werden und deshalb Selbstm0rdattentate weniger schlimm erscheinen als das Vorgehen des israelischen Militärs – was die psychologischen Effekte von dauerhaftem Terr0r auf die israelische Gesellschaft eben auch ausblendet – entsteht der Eindruck, dass Khalidi hier seine an vielen Stellen nachvollziehbare Kritik und berechtigten Frust mit Auslassungen kombiniert, die er der "anderen Seite" immer wieder explizit zum Vorwurf macht. Während eine palästinensische Kontinuität von 100 Jahren hervorgehoben wird, spielt die Sh0ah ausschließlich dort eine Rolle, wo Khalidi argumentiert, dass die jüdische Seite nach der Sh0ah ein Gelegenheitsfenster hatte, um mit britischer Unterstützung einen Staat zu gründen. Die Sh0ah also einfach auszublenden, die Tatsache dass danach weltweit Jüd*innen von vielen Ländern nicht aufgenommen wurden, finde ich extrem problematisch. Zu Recht kritisiert Khalidi, dass es vor 1948 schon Menschen in der Region gab, die für das israelische Nationalprojekt vertrieben wurden. Und natürlich verstehe ich bis zu einem gewissen Grad auch Positioniertheit. Aber die jüdische Erfahrung einfach komplett auszublenden ist eine schwer zu rechtfertigende Auslassung. Insgesamt wirkt es, als sei der palästinensische Nationalismus generell gerechtfertigter und ja keine Ahnung, das ist halt ne bequeme Erzählung. Herausfordernd finde ich auch die Position, aus der heraus Khalidi schreibt. Denn er ist bekannt als Geschichtsprofessor und arbeitet mit sehr sehr vielen Quellen und Fußnoten. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Archivmaterial, zu dem er einen professionellen Abstand wahrt, sondern auch um Briefe seiner Familie & Fotos, auf denen er mit anderen Menschen der PLO zusammen dargestellt ist, denn er war eben Teil von Verhandlungsdelegationen und dadurch vermischen sich persönlicher Bezug und wissenschaftliche Archivarbeit. Ich finde es gar nicht per se schlimm, persönliche Sachen einfließen zu lassen und Khalidi schreibt selbst, dass sein Buch kein wissenschaftlicher Text ist. Aber er wird so rezipiert und das hat glaube ich durchaus auch damit zu tun, wie er in seinen Referenzen bspw. den Brief eines Onkels mit dem Protokoll eines politischen Treffens gleichsetzt, obwohl die Quellen unterschiedlich sind. Man muss Khalidi zugute halten, dass er in seinem Fazit nochmal verdeutlicht, dass er eine Zweistaatenlösung nicht per se für falsch hält, dass er das Recht auf jüdische Selbstbestimmung auch nochmal benennt. Aber wenn über hunderte Seiten ein anderes Narrativ aufgebaut wird, ist das eben doch eher Schadensbegrenzung. Mein Fazit lautet daher: Ich habe das Buch sehr interessiert gelesen und finde es wichtig, diese Erzählung zu kennen, weil die von Khalidi formulierte breit geteilt wird. Man kann den Konflikt nicht verstehen ohne den überregionalen Kontext und sicher auch nicht, wenn man nur eine Nationalerzählung dieses langen Konflikts kennt. Sowohl palästinensische als auch israelische Menschen verdienen es, sicher und in Frieden zu leben. Khalidis Buch erweitert in dieser Hinsicht die Perspektive und das finde ich nötig. Ich halte es aber für problematisch, dem Buch mehr wissenschaftlichen Gehalt zu unterstellen als sein eigener Anspruch zulässt, ich finde es problematisch all die Auslassungen zu übergehen, die eine nationale Geschichtserzählung – egal auf welcher Seite – immer bedeutet, ich kann viele Behauptungen im Buch nicht mittragen und ich würde auf jeden Fall empfehlen, unterschiedliche Bücher zum Thema zu lesen und gerade wenn man das Buch von Khalidi gut fand auch israelische Perspektiven zu lesen. Mich hat es sehr bereichert, dass wir das Buch auf meinem Discord-Server in einer Gruppe gelesen und gemeinsam kritisch diskutiert haben. Wir werden jetzt im Anschluss vermutlich Benny Morris' 1948 lesen, der Khalidi in einer sehr lesenswerten Replik deutlich kritisiert hat und ich bin gespannt, was ich davon halten werde.

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