Hunger und Zorn
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Description
Wenn die kleine Isor von ihren Streifzügen zurückkehrt, kann ihre Mutter nur erahnen, wo sie war. Mit den Fingern löst sie die Zöpfe der Tochter, findet Löwenzahnblüten, Grashalme, einen Käfer. Erzählen wird Isor nichts – denn Isor ist nicht wie andere Kinder. Sie spricht nicht, lernt nicht, lebt in stummen Gedanken und tobenden Wutausbrüchen. Gefangen in einer Realität, die nicht die ihre ist, treibt sie ihre Eltern in die Verzweiflung. Bis sie eines Tages auf Lucien von nebenan trifft und in dem vorsichtigen, einsamen Alten eine verwandte Seele erkennt.
Alice Renard erzählt von einem ungewöhnlichen Mädchen und einer ungleichen Freundschaft, vom Brodeln unter der Oberfläche, vom Mythos der Normalität und der Suche nach einer Welt, die groß genug ist für das Unerwartete.
Book Information
Author Description
Alice Renard, geboren 2002 in Paris, studierte mittelalterliche Literatur an der Sorbonne. Sie beschäftigt sich intensiv mit den Themen Neurodiversität und Hypersensibilität. Im Alter von sechs Jahren wurde Renard selbst als frühreif eingestuft, mit vierzehn Jahre begann sie zu schreiben. 2023 erschien ihr Debütroman Hunger und Zorn, der für den Prix Fémina, den Prix du Monde und den Prix des lectrices ELLE nominiert war und mit dem Prix Méduse und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet wurde.
Posts
Isor ist anders. Sie spricht nicht, hat Wutausbrüche, ist ständig unruhig. Keiner weiß so richtig was mit ihr ist. Ihre Eltern sind hoffnungslos überfordert und ziehen sich mit ihr immer mehr zurück. Als die Eltern einen Wasserschaden in der Wohnung haben, bitten sie einen älteren Nachbarn sich im Isor zu kümmern. Die Beiden verstehen sich gut und schon bald entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die das Leben aller Beteiligten ganz schön auf den Kopf stellt. Im ersten Abschnitt wird aus der Sicht der Eltern erzählt. Der Vater kann mit seiner Tochter nicht viel anfangen, ist heillos überfordert. Die Mutter spricht voller Liebe von ihr, doch auch sie weiß oft nicht mit ihr umzugehen. Der zweite Teil wird aus der Sicht vom Nachbarn Lucien erzählt. Er sieht so viel mehr in Isor als ein wütendes Mädchen. Im dritten Teil lesen wir dann Isors Sicht auf die Dinge. Hier wurde sehr feinfühlig geschrieben. Ein Mädchen, dass anders ist. Eltern, die überfordert sind und mit so vielen Zweifeln und Ängsten konfrontiert sind. Ganz im Gegenteil zu Lucien, der sie so akzeptiert wie sie ist. Das war schon sehr berührend. Emphatisch wurde hier aus jeder Perspektive berichtet, immer auch absolut nachvollziehbar. Ein besonderes Buch über ein besonderes Mädchen, das nicht in die gesellschaftliche Norm passt. Ich hab dieses Buch sehr gern gelesen. Es ist unheimlich wichtig Menschen eine Stimme zu geben, die nicht so sind wie es erwartet wird.
Mit „Hunger und Zorn“ hat Alice Renard ihren Debütroman geschrieben, welcher ein eigenständiges Buch ist. Dieser Roman ist ein besonders Werk, handelt es von einem neurodivergenten Mädchen und wie sie sich selbst und auch ihre nähere Umwelt es wahrnehmen. Klappentext: Wenn die kleine Isor von ihren Streifzügen zurückkehrt, kann ihre Mutter nur erahnen, wo sie war. Mit den Fingern löst sie die Zöpfe der Tochter, findet Löwenzahnblüten, Grashalme, einen Käfer. Erzählen wird Isor nichts – denn Isor ist nicht wie andere Kinder. Sie spricht nicht, lernt nicht, lebt in stummen Gedanken und tobenden Wutausbrüchen. Gefangen in einer Realität, die nicht die ihre ist, treibt sie ihre Eltern in die Verzweiflung. Bis sie eines Tages auf Lucien von nebenan trifft und in dem vorsichtigen, einsamen Alten eine verwandte Seele erkennt. Bei diesem Roman hat mich der Klappentext neugierig gemacht. Es klang nach einem besonderen und berührenden Werk und ich muss gestehen, dass ich keine großen Erwartungen an dieses Buch hatte. Daher war ich positiv überrascht, dass mich dieses Werk so bewegt hat. Der Debütroman ist in drei Abschnitte unterteilt, indem unterschiedliche Protagonisten zu Wort kommen. Ich finde es gelungen, wie Renard hier mit der Sprache spielt. Die jeweiligen Charaktere haben unterschiedliche Ausdrucksweise, zusätzlich zu ihrer verschiedenen Ansicht zur aktuellen Situation. Dies führt dazu, dass man sich als Leser besser orientieren kann, wer hier das Wort hat. Aber auch, dass man sich besser in den jeweiligen Charakter einfinden kann und ihn dadurch noch mal besser kennen lernt. Gekonnt schafft es Renard hier eine dichte Atmosphäre und ein passendes Erzähltempo zu wählen. Als Leser merkt man gar nicht, wie die Seiten nur so dahinfliegen. Immer tiefer gelangt man in diesen Strudel und möchte wissen, wie es mit dem neurodivergenten Mädchen Isor weitergeht, wie sie ihren Weg geht. Im ersten Teil wird die Geschichte aus der Sicht der Eltern erzählt. Sie müssen erkennen, dass ihr Mädchen Isor anders ist, dass sie etwas Besonderes ist und wohl nie so wie andere Mädchen in ihrem Alter sein wird. Man merkt den Eltern an, dass sie an ihre Grenzen kommen und dass sie allgemein mit der Situation überfordert sind. Aber dennoch versuchen sie ihr bestes und geben sich Mühe, sie gehen auf Isor ein und erkennen, was ihr Freude bereitet oder was ihr nicht so gut tut. Die Mutter spricht voller Liebe von Isor und man merkt ihr an, wie erschüttert sie ist, dass Isor anders ist. Dennoch hat sie Angst und stößt an ihre Grenzen. Der Vater ist oftmals überfordert und hat ebenso seine Zweifel. Teilweise arbeiten die beiden als ein gutes Team zusammen, aber es gibt auch Momente, wo sich beide uneinig sind. Im Grunde eine alltägliche Situation, stellenweise haben sie verschiedene Ansätze und Sichtweisen. Dennoch ist auf jeder Seite zu spüren, wie sie mit Isor ihr Bestes geben und ihr ein gutes Leben geben wollen. Oftmals ist die Verzweiflung zu erkennen, wie beide an ihre Grenzen stoßen. Ich fand diesen Abschnitt sehr bewegend. Die Eltern sind hin- und hergerissen. Sie versuchen, Isor so viel Liebe zu geben und dennoch ist es für die beiden kein einfaches Leben. Im zweiten Teil wird aus der Perspektive von dem älteren Nachbarn Lucien erzählt. Er hatte bisher nur wenige Berührungspunkte mit Isor, bis sich dies schlagartig von einem Tag auf den anderen ändert. Dies passiert auch nur wegen einem Zufall, Lucien soll auf Grund eines Handwerker- Notfalls auf Isor aufpassen. Daraus entwickelt sich eine tiefe und wunderbare Freundschaft zwischen den beiden, welche sehr bewegend ist. Lucien akzeptiert Isor so, wie sie ist. Seine Sicht auf dieses Mädchen ist viel offener und nicht so voller Zwänge. Er geht auf sie ein und versucht Isor zu verstehen, möchte sie glücklich machen und dabei entwickeln die beiden gemeinsame Hobbies. Am Ende des zweiten Abschnittes pflegen die beiden eine besondere und innige Freundschaft und es hat mir Freude bereitet, mitzuerleben wie diese tiefe Beziehung aufgebaut wird. Diesen Teil habe ich sehr genossen, erlebt man hier Isor noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive und lernt neue Facetten an ihr. Im dritten Teil kommt Isor selbst zu Wort. Als Leser bekommt man Einblicke in ihre Gedankengänge und lernt sie noch einmal mit ganz anderen Facetten kennen. Diese Eindrücke fand ich sehr gelungen und interessant. Jedoch bin ich bezüglich der Entwicklung von Isor etwas skeptisch. Ist solch eine Weiterentwicklung realistisch? Hier musste ich mir bewusstwerden, dass dies ein Roman ist und nicht immer alles realistisch sein muss. Für mich persönlich, hat dieser Abschnitt den realistischen Rahmen gesprengt und ist eher in den Bereich der Fiktion abgedriftet. Aber teilweise ist man auch überrascht, was der Mensch alles leisten kann. Daher hat mir zum Ende hin auch dieser Abschnitt auch wieder gefallen und ich habe mich für Isor gefreut, dass sie ihren Weg gegangen ist und ihr eigenes Leben gelebt hat. Insgesamt hat Alice Renard mit „Hunger und Zorn“ einen berührenden und bewegenden Roman geschrieben, welcher den Leser nachdenklich zurücklässt. Es ist auf jeden Fall ein Werk, welches nachklingt und auch wenn man das Buch am Ende zuklappt, so bleibt einem der Inhalt noch länger im Gedächtnis. Von mir gibt es für diesen Debütroman 4 Sterne.

Isor ist ein besonderes Mädchen, das merken ihre Eltern, Maude und Camillo, schon in den frühen Kinderjahren. Sie spricht nicht, ahnt Laute aller möglichen Sprachen aber täuschend echt nach. Und Isor ist ein Vulkan, immer wieder bahnen sich Wutausbrüche an die Öberfläche, die sie erschöpfen. Sie lebt in ihrer ganz eigenen Welt, kann die Schule nicht besuchen. Das sind einige der Informationen, die wir abwechselnd aus der Sicht der Mutter und des Vaters erfahren. Der Blick voller Liebe für dieses Kind. Und gleichzeitig das Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung darüber, nicht zu wissen, was mit Isor nicht stimmt. Das Gefühl, das manchmal umschwenkt in das Gefühl der Aufopferung, die sozial isoliert. Die Wege von Arzt zu Arzt sind erschöpfend und bringen keine Erklärung. "Sie zwingt uns ein Leben auf, in dem ihre Selbstverständlichkeiten gelten. Das uns vom Realen entfremdet." Diesen Zwiespalt transportiert die Autorin so greifbar, dass es schmerzt. Isor läuft immer wieder von zuhause weg undd im zweiten Teil des Romans treffen wir so auf Lucien, einen über 70jährigen Nachbar der Familie, der in seiner Traurigkeit versinkt und mit dem Lebensabend hadert. " Dieses Gefühl, als wären alle Vorräte aufgebraucht: an Freundlichkeit, an Begeisterung, an Willenskraft." Zwischen Isor und Lucien entsteht eine ganz besondere Verbindung. Zwei, die ihre Welten nun gegenseitig erkunden, sich bereichern, von den Gegensätzen lernen und daran wachsen, neue Horizonte öffnen. Bis Lucien einen Schlaganfall erleidet und Isor wieder verschwindet Den dann folgenden letzten Teil des Romans kann ich gar nicht näher beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Erst wirkt es unrealistisch, was dann passiert und doch konnte ich mich darauf einlassen. Eine emotionale Lesreise, die im Kopf bleibt!
"Wenn man pausenlos Laborbefunde liest, erkennt man am Ende sein eigenes Kind nicht mehr, weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist.... ." [S. 30] Isor ist anders, als andere Kinder. Das Mädchen spricht nicht, erscheint entwicklungsverzögert. Die Ärzte sind ratlos, die Eltern hadern stets zwischen Hoffnung und Resignation, tun sich schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind anders ist, als andere. Isor sucht die Nähe zu einem älteren Nachbar und blüht auf, bis dieser in ihrem Beisein einen Schlaganfall erleidet und sie verschwindet. ... Das Buch gliedert sich in drei Teile, abwechselnd wird die Situation Isors Heranwachsens aus der Sicht der Eltern, des betagten älteren Herrn aus der Nachbarschaft und schließlich in Form von Briefen aus Isors Sicht geschildert. Ich persönlich habe am liebsten die Perspektive des Nachbarn Lucien im zweiten Teil gelesen, denn nicht nur er hat etwas für Isor getan, sondern das Mädchen auch für ihn: "Wir haben unterschiedliche Gewohnheiten, ohne dass uns diese Verschiedenheit stört. Wir lassen dem anderen sein eigenes System, sind gleichzeitig neugierig auf die Unterschiede und versuchen dennoch, sie zu vergessen." [S. 73] Und so macht sich Isor auf den Weg, um etwas für ihren Freund und Vertrauten Lucien zu erledigen. ... Dann wird es im dritten Teil leider unrealistisch, als das nun 16jährige Mädchen plötzlich eine Selbstständigkeit erlangt, die sie aus meiner Sicht in ihrer wohlbehüteten Blase gar nicht in der Lage war zu erlangen. Nichtsdestotrotz ist es eine rührende Geschichte, übers Anderssein, Freundschaft, Akzeptanz und Toleranz, die ich in einem Rutsch gelesen habe. "Die Liebe hat ihre eigene Grammatik. Und wie bei jeder Sprache verlernt man sie, wenn man sie nicht spricht." [S. 96]
Alice Renards Debütroman „Hunger und Zorn“ ist ein literarisches Ausnahmewerk – zart und kraftvoll zugleich. Mit außergewöhnlicher sprachlicher Sensibilität erzählt sie die Geschichte der dreizehnjährigen Isor, eines Mädchens, das nicht spricht, in einer eigenen Welt lebt und immer wieder von heftigen Wutanfällen überwältigt wird. Renard entwirft das Porträt eines neurodiversen Kindes, das von seinem Umfeld als „falsch“ oder „krank“ betrachtet wird – und zugleich ein zutiefst fühlendes, einzigartiges Wesen ist. Das Besondere an diesem Roman ist nicht nur sein Thema, sondern auch seine Erzählstruktur. In wechselnden Perspektiven kommen Isors Eltern – Maude und Camillio – zu Wort. Sie lieben ihr Kind, aber stoßen an ihre emotionalen und gesellschaftlichen Grenzen. Ihre Sichtweisen könnten unterschiedlicher kaum sein: Während die Mutter in poetischer Wehmut von Isors Andersartigkeit erzählt, schwankt der Vater zwischen nüchterner Distanz und enttäuschter Hoffnung. Diese Gegensätze schaffen ein tiefes Verständnis für die emotionale Erschöpfung, das Nicht-Verstehen-Können, aber auch die fortwährende Liebe der Eltern. In der zweiten Hälfte trifft Isor auf den alten, zurückgezogen lebenden Nachbarn Lucien. Zwischen den beiden entwickelt sich eine außergewöhnliche Verbindung – still, fast unscheinbar, aber voller Wärme und gegenseitigem Verstehen. Lucien erkennt, was Isor wirklich braucht: keinen Zwang zur Anpassung, sondern Raum zur Entfaltung. Ihre Beziehung offenbart, wie heilend echte Akzeptanz wirken kann – für beide Seiten. Sprachlich ist „Hunger und Zorn“ ein kleines Meisterwerk. Renard gelingt es, komplexe Emotionen mit leiser Poesie und großer psychologischer Tiefe einzufangen. Die unterschiedlichen Erzählstimmen sind authentisch und individuell gestaltet, jede Perspektive öffnet neue Einsichten. Besonders berührend sind die Passagen, in denen Lucien mit feinem Humor und leiser Melancholie über das Altern, die Einsamkeit und das Staunen spricht, das Isor in ihm wiedererweckt. In einer Gesellschaft, die oft das Funktionieren über das Verstehen stellt, ist dieser Roman ein Plädoyer für Mitgefühl, Offenheit und den Mut, das Andere zuzulassen. „Hunger und Zorn“ ist nicht nur eine bewegende Familiengeschichte, sondern auch eine eindringliche Reflexion über den Umgang mit Neurodiversität und das Menschsein an sich. Ein berührender, kluger und literarisch brillanter Roman, der noch lange nachklingt. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die sich für feinfühlige Literatur und psychologische Tiefe interessieren. Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller.

Wenn Wut leise spricht und Nähe alles verändert
Manchmal sitzt man nach dem Lesen da, schaut aus dem Fenster, rührt im Kaffee – und merkt, dass etwas unter der eigenen Oberfläche weiterarbeitet. Hunger und Zorn ist genau so ein Buch. Still und laut zugleich. Zärtlich und wütend. Und ziemlich gnadenlos ehrlich. Isor ist kein Kind, das sich erklären lässt. Sie spricht nicht, passt nicht, fügt sich nicht. Und genau darin liegt die Kraft dieser Geschichte. Während die Eltern zwischen Hilflosigkeit, Liebe und Erschöpfung taumeln, zeigt Alice Renard, wie brutal der Mythos von Normalität sein kann. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit feinen Beobachtungen, die manchmal richtig wehtun. Da steckt viel unausgesprochene Traurigkeit drin – und überraschend viel Wärme. Dann ist da Lucien. Alt, vorsichtig, allein. Keine große Heldenfigur, eher jemand, den man leicht übersieht. Und gerade deshalb wirkt diese Freundschaft so glaubwürdig. Zwei Menschen, die nicht funktionieren müssen, um sich zu verstehen. Kein Kitsch, kein großes Drama – eher leise Nähe, die langsam wächst. Beim Lesen dachte ich mehr als einmal: Genau so fühlt sich echtes Gesehenwerden an. Der Text ist knapp, klar, manchmal fast roh. Kein Wort zu viel, aber jedes sitzt. Übersetzt ist das wunderbar, man spürt die Schwere und zugleich diese leise Poesie zwischen den Zeilen. Hunger und Zorn verlangt Aufmerksamkeit, schenkt dafür aber etwas Seltenes: ein Gefühl von Wahrhaftigkeit. Kein Wohlfühlbuch. Aber eines, das bleibt.

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Wenn die kleine Isor von ihren Streifzügen zurückkehrt, kann ihre Mutter nur erahnen, wo sie war. Mit den Fingern löst sie die Zöpfe der Tochter, findet Löwenzahnblüten, Grashalme, einen Käfer. Erzählen wird Isor nichts – denn Isor ist nicht wie andere Kinder. Sie spricht nicht, lernt nicht, lebt in stummen Gedanken und tobenden Wutausbrüchen. Gefangen in einer Realität, die nicht die ihre ist, treibt sie ihre Eltern in die Verzweiflung. Bis sie eines Tages auf Lucien von nebenan trifft und in dem vorsichtigen, einsamen Alten eine verwandte Seele erkennt.
Alice Renard erzählt von einem ungewöhnlichen Mädchen und einer ungleichen Freundschaft, vom Brodeln unter der Oberfläche, vom Mythos der Normalität und der Suche nach einer Welt, die groß genug ist für das Unerwartete.
Book Information
Author Description
Alice Renard, geboren 2002 in Paris, studierte mittelalterliche Literatur an der Sorbonne. Sie beschäftigt sich intensiv mit den Themen Neurodiversität und Hypersensibilität. Im Alter von sechs Jahren wurde Renard selbst als frühreif eingestuft, mit vierzehn Jahre begann sie zu schreiben. 2023 erschien ihr Debütroman Hunger und Zorn, der für den Prix Fémina, den Prix du Monde und den Prix des lectrices ELLE nominiert war und mit dem Prix Méduse und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet wurde.
Posts
Isor ist anders. Sie spricht nicht, hat Wutausbrüche, ist ständig unruhig. Keiner weiß so richtig was mit ihr ist. Ihre Eltern sind hoffnungslos überfordert und ziehen sich mit ihr immer mehr zurück. Als die Eltern einen Wasserschaden in der Wohnung haben, bitten sie einen älteren Nachbarn sich im Isor zu kümmern. Die Beiden verstehen sich gut und schon bald entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die das Leben aller Beteiligten ganz schön auf den Kopf stellt. Im ersten Abschnitt wird aus der Sicht der Eltern erzählt. Der Vater kann mit seiner Tochter nicht viel anfangen, ist heillos überfordert. Die Mutter spricht voller Liebe von ihr, doch auch sie weiß oft nicht mit ihr umzugehen. Der zweite Teil wird aus der Sicht vom Nachbarn Lucien erzählt. Er sieht so viel mehr in Isor als ein wütendes Mädchen. Im dritten Teil lesen wir dann Isors Sicht auf die Dinge. Hier wurde sehr feinfühlig geschrieben. Ein Mädchen, dass anders ist. Eltern, die überfordert sind und mit so vielen Zweifeln und Ängsten konfrontiert sind. Ganz im Gegenteil zu Lucien, der sie so akzeptiert wie sie ist. Das war schon sehr berührend. Emphatisch wurde hier aus jeder Perspektive berichtet, immer auch absolut nachvollziehbar. Ein besonderes Buch über ein besonderes Mädchen, das nicht in die gesellschaftliche Norm passt. Ich hab dieses Buch sehr gern gelesen. Es ist unheimlich wichtig Menschen eine Stimme zu geben, die nicht so sind wie es erwartet wird.
Mit „Hunger und Zorn“ hat Alice Renard ihren Debütroman geschrieben, welcher ein eigenständiges Buch ist. Dieser Roman ist ein besonders Werk, handelt es von einem neurodivergenten Mädchen und wie sie sich selbst und auch ihre nähere Umwelt es wahrnehmen. Klappentext: Wenn die kleine Isor von ihren Streifzügen zurückkehrt, kann ihre Mutter nur erahnen, wo sie war. Mit den Fingern löst sie die Zöpfe der Tochter, findet Löwenzahnblüten, Grashalme, einen Käfer. Erzählen wird Isor nichts – denn Isor ist nicht wie andere Kinder. Sie spricht nicht, lernt nicht, lebt in stummen Gedanken und tobenden Wutausbrüchen. Gefangen in einer Realität, die nicht die ihre ist, treibt sie ihre Eltern in die Verzweiflung. Bis sie eines Tages auf Lucien von nebenan trifft und in dem vorsichtigen, einsamen Alten eine verwandte Seele erkennt. Bei diesem Roman hat mich der Klappentext neugierig gemacht. Es klang nach einem besonderen und berührenden Werk und ich muss gestehen, dass ich keine großen Erwartungen an dieses Buch hatte. Daher war ich positiv überrascht, dass mich dieses Werk so bewegt hat. Der Debütroman ist in drei Abschnitte unterteilt, indem unterschiedliche Protagonisten zu Wort kommen. Ich finde es gelungen, wie Renard hier mit der Sprache spielt. Die jeweiligen Charaktere haben unterschiedliche Ausdrucksweise, zusätzlich zu ihrer verschiedenen Ansicht zur aktuellen Situation. Dies führt dazu, dass man sich als Leser besser orientieren kann, wer hier das Wort hat. Aber auch, dass man sich besser in den jeweiligen Charakter einfinden kann und ihn dadurch noch mal besser kennen lernt. Gekonnt schafft es Renard hier eine dichte Atmosphäre und ein passendes Erzähltempo zu wählen. Als Leser merkt man gar nicht, wie die Seiten nur so dahinfliegen. Immer tiefer gelangt man in diesen Strudel und möchte wissen, wie es mit dem neurodivergenten Mädchen Isor weitergeht, wie sie ihren Weg geht. Im ersten Teil wird die Geschichte aus der Sicht der Eltern erzählt. Sie müssen erkennen, dass ihr Mädchen Isor anders ist, dass sie etwas Besonderes ist und wohl nie so wie andere Mädchen in ihrem Alter sein wird. Man merkt den Eltern an, dass sie an ihre Grenzen kommen und dass sie allgemein mit der Situation überfordert sind. Aber dennoch versuchen sie ihr bestes und geben sich Mühe, sie gehen auf Isor ein und erkennen, was ihr Freude bereitet oder was ihr nicht so gut tut. Die Mutter spricht voller Liebe von Isor und man merkt ihr an, wie erschüttert sie ist, dass Isor anders ist. Dennoch hat sie Angst und stößt an ihre Grenzen. Der Vater ist oftmals überfordert und hat ebenso seine Zweifel. Teilweise arbeiten die beiden als ein gutes Team zusammen, aber es gibt auch Momente, wo sich beide uneinig sind. Im Grunde eine alltägliche Situation, stellenweise haben sie verschiedene Ansätze und Sichtweisen. Dennoch ist auf jeder Seite zu spüren, wie sie mit Isor ihr Bestes geben und ihr ein gutes Leben geben wollen. Oftmals ist die Verzweiflung zu erkennen, wie beide an ihre Grenzen stoßen. Ich fand diesen Abschnitt sehr bewegend. Die Eltern sind hin- und hergerissen. Sie versuchen, Isor so viel Liebe zu geben und dennoch ist es für die beiden kein einfaches Leben. Im zweiten Teil wird aus der Perspektive von dem älteren Nachbarn Lucien erzählt. Er hatte bisher nur wenige Berührungspunkte mit Isor, bis sich dies schlagartig von einem Tag auf den anderen ändert. Dies passiert auch nur wegen einem Zufall, Lucien soll auf Grund eines Handwerker- Notfalls auf Isor aufpassen. Daraus entwickelt sich eine tiefe und wunderbare Freundschaft zwischen den beiden, welche sehr bewegend ist. Lucien akzeptiert Isor so, wie sie ist. Seine Sicht auf dieses Mädchen ist viel offener und nicht so voller Zwänge. Er geht auf sie ein und versucht Isor zu verstehen, möchte sie glücklich machen und dabei entwickeln die beiden gemeinsame Hobbies. Am Ende des zweiten Abschnittes pflegen die beiden eine besondere und innige Freundschaft und es hat mir Freude bereitet, mitzuerleben wie diese tiefe Beziehung aufgebaut wird. Diesen Teil habe ich sehr genossen, erlebt man hier Isor noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive und lernt neue Facetten an ihr. Im dritten Teil kommt Isor selbst zu Wort. Als Leser bekommt man Einblicke in ihre Gedankengänge und lernt sie noch einmal mit ganz anderen Facetten kennen. Diese Eindrücke fand ich sehr gelungen und interessant. Jedoch bin ich bezüglich der Entwicklung von Isor etwas skeptisch. Ist solch eine Weiterentwicklung realistisch? Hier musste ich mir bewusstwerden, dass dies ein Roman ist und nicht immer alles realistisch sein muss. Für mich persönlich, hat dieser Abschnitt den realistischen Rahmen gesprengt und ist eher in den Bereich der Fiktion abgedriftet. Aber teilweise ist man auch überrascht, was der Mensch alles leisten kann. Daher hat mir zum Ende hin auch dieser Abschnitt auch wieder gefallen und ich habe mich für Isor gefreut, dass sie ihren Weg gegangen ist und ihr eigenes Leben gelebt hat. Insgesamt hat Alice Renard mit „Hunger und Zorn“ einen berührenden und bewegenden Roman geschrieben, welcher den Leser nachdenklich zurücklässt. Es ist auf jeden Fall ein Werk, welches nachklingt und auch wenn man das Buch am Ende zuklappt, so bleibt einem der Inhalt noch länger im Gedächtnis. Von mir gibt es für diesen Debütroman 4 Sterne.

Isor ist ein besonderes Mädchen, das merken ihre Eltern, Maude und Camillo, schon in den frühen Kinderjahren. Sie spricht nicht, ahnt Laute aller möglichen Sprachen aber täuschend echt nach. Und Isor ist ein Vulkan, immer wieder bahnen sich Wutausbrüche an die Öberfläche, die sie erschöpfen. Sie lebt in ihrer ganz eigenen Welt, kann die Schule nicht besuchen. Das sind einige der Informationen, die wir abwechselnd aus der Sicht der Mutter und des Vaters erfahren. Der Blick voller Liebe für dieses Kind. Und gleichzeitig das Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung darüber, nicht zu wissen, was mit Isor nicht stimmt. Das Gefühl, das manchmal umschwenkt in das Gefühl der Aufopferung, die sozial isoliert. Die Wege von Arzt zu Arzt sind erschöpfend und bringen keine Erklärung. "Sie zwingt uns ein Leben auf, in dem ihre Selbstverständlichkeiten gelten. Das uns vom Realen entfremdet." Diesen Zwiespalt transportiert die Autorin so greifbar, dass es schmerzt. Isor läuft immer wieder von zuhause weg undd im zweiten Teil des Romans treffen wir so auf Lucien, einen über 70jährigen Nachbar der Familie, der in seiner Traurigkeit versinkt und mit dem Lebensabend hadert. " Dieses Gefühl, als wären alle Vorräte aufgebraucht: an Freundlichkeit, an Begeisterung, an Willenskraft." Zwischen Isor und Lucien entsteht eine ganz besondere Verbindung. Zwei, die ihre Welten nun gegenseitig erkunden, sich bereichern, von den Gegensätzen lernen und daran wachsen, neue Horizonte öffnen. Bis Lucien einen Schlaganfall erleidet und Isor wieder verschwindet Den dann folgenden letzten Teil des Romans kann ich gar nicht näher beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Erst wirkt es unrealistisch, was dann passiert und doch konnte ich mich darauf einlassen. Eine emotionale Lesreise, die im Kopf bleibt!
"Wenn man pausenlos Laborbefunde liest, erkennt man am Ende sein eigenes Kind nicht mehr, weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist.... ." [S. 30] Isor ist anders, als andere Kinder. Das Mädchen spricht nicht, erscheint entwicklungsverzögert. Die Ärzte sind ratlos, die Eltern hadern stets zwischen Hoffnung und Resignation, tun sich schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind anders ist, als andere. Isor sucht die Nähe zu einem älteren Nachbar und blüht auf, bis dieser in ihrem Beisein einen Schlaganfall erleidet und sie verschwindet. ... Das Buch gliedert sich in drei Teile, abwechselnd wird die Situation Isors Heranwachsens aus der Sicht der Eltern, des betagten älteren Herrn aus der Nachbarschaft und schließlich in Form von Briefen aus Isors Sicht geschildert. Ich persönlich habe am liebsten die Perspektive des Nachbarn Lucien im zweiten Teil gelesen, denn nicht nur er hat etwas für Isor getan, sondern das Mädchen auch für ihn: "Wir haben unterschiedliche Gewohnheiten, ohne dass uns diese Verschiedenheit stört. Wir lassen dem anderen sein eigenes System, sind gleichzeitig neugierig auf die Unterschiede und versuchen dennoch, sie zu vergessen." [S. 73] Und so macht sich Isor auf den Weg, um etwas für ihren Freund und Vertrauten Lucien zu erledigen. ... Dann wird es im dritten Teil leider unrealistisch, als das nun 16jährige Mädchen plötzlich eine Selbstständigkeit erlangt, die sie aus meiner Sicht in ihrer wohlbehüteten Blase gar nicht in der Lage war zu erlangen. Nichtsdestotrotz ist es eine rührende Geschichte, übers Anderssein, Freundschaft, Akzeptanz und Toleranz, die ich in einem Rutsch gelesen habe. "Die Liebe hat ihre eigene Grammatik. Und wie bei jeder Sprache verlernt man sie, wenn man sie nicht spricht." [S. 96]
Alice Renards Debütroman „Hunger und Zorn“ ist ein literarisches Ausnahmewerk – zart und kraftvoll zugleich. Mit außergewöhnlicher sprachlicher Sensibilität erzählt sie die Geschichte der dreizehnjährigen Isor, eines Mädchens, das nicht spricht, in einer eigenen Welt lebt und immer wieder von heftigen Wutanfällen überwältigt wird. Renard entwirft das Porträt eines neurodiversen Kindes, das von seinem Umfeld als „falsch“ oder „krank“ betrachtet wird – und zugleich ein zutiefst fühlendes, einzigartiges Wesen ist. Das Besondere an diesem Roman ist nicht nur sein Thema, sondern auch seine Erzählstruktur. In wechselnden Perspektiven kommen Isors Eltern – Maude und Camillio – zu Wort. Sie lieben ihr Kind, aber stoßen an ihre emotionalen und gesellschaftlichen Grenzen. Ihre Sichtweisen könnten unterschiedlicher kaum sein: Während die Mutter in poetischer Wehmut von Isors Andersartigkeit erzählt, schwankt der Vater zwischen nüchterner Distanz und enttäuschter Hoffnung. Diese Gegensätze schaffen ein tiefes Verständnis für die emotionale Erschöpfung, das Nicht-Verstehen-Können, aber auch die fortwährende Liebe der Eltern. In der zweiten Hälfte trifft Isor auf den alten, zurückgezogen lebenden Nachbarn Lucien. Zwischen den beiden entwickelt sich eine außergewöhnliche Verbindung – still, fast unscheinbar, aber voller Wärme und gegenseitigem Verstehen. Lucien erkennt, was Isor wirklich braucht: keinen Zwang zur Anpassung, sondern Raum zur Entfaltung. Ihre Beziehung offenbart, wie heilend echte Akzeptanz wirken kann – für beide Seiten. Sprachlich ist „Hunger und Zorn“ ein kleines Meisterwerk. Renard gelingt es, komplexe Emotionen mit leiser Poesie und großer psychologischer Tiefe einzufangen. Die unterschiedlichen Erzählstimmen sind authentisch und individuell gestaltet, jede Perspektive öffnet neue Einsichten. Besonders berührend sind die Passagen, in denen Lucien mit feinem Humor und leiser Melancholie über das Altern, die Einsamkeit und das Staunen spricht, das Isor in ihm wiedererweckt. In einer Gesellschaft, die oft das Funktionieren über das Verstehen stellt, ist dieser Roman ein Plädoyer für Mitgefühl, Offenheit und den Mut, das Andere zuzulassen. „Hunger und Zorn“ ist nicht nur eine bewegende Familiengeschichte, sondern auch eine eindringliche Reflexion über den Umgang mit Neurodiversität und das Menschsein an sich. Ein berührender, kluger und literarisch brillanter Roman, der noch lange nachklingt. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die sich für feinfühlige Literatur und psychologische Tiefe interessieren. Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller.

Wenn Wut leise spricht und Nähe alles verändert
Manchmal sitzt man nach dem Lesen da, schaut aus dem Fenster, rührt im Kaffee – und merkt, dass etwas unter der eigenen Oberfläche weiterarbeitet. Hunger und Zorn ist genau so ein Buch. Still und laut zugleich. Zärtlich und wütend. Und ziemlich gnadenlos ehrlich. Isor ist kein Kind, das sich erklären lässt. Sie spricht nicht, passt nicht, fügt sich nicht. Und genau darin liegt die Kraft dieser Geschichte. Während die Eltern zwischen Hilflosigkeit, Liebe und Erschöpfung taumeln, zeigt Alice Renard, wie brutal der Mythos von Normalität sein kann. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit feinen Beobachtungen, die manchmal richtig wehtun. Da steckt viel unausgesprochene Traurigkeit drin – und überraschend viel Wärme. Dann ist da Lucien. Alt, vorsichtig, allein. Keine große Heldenfigur, eher jemand, den man leicht übersieht. Und gerade deshalb wirkt diese Freundschaft so glaubwürdig. Zwei Menschen, die nicht funktionieren müssen, um sich zu verstehen. Kein Kitsch, kein großes Drama – eher leise Nähe, die langsam wächst. Beim Lesen dachte ich mehr als einmal: Genau so fühlt sich echtes Gesehenwerden an. Der Text ist knapp, klar, manchmal fast roh. Kein Wort zu viel, aber jedes sitzt. Übersetzt ist das wunderbar, man spürt die Schwere und zugleich diese leise Poesie zwischen den Zeilen. Hunger und Zorn verlangt Aufmerksamkeit, schenkt dafür aber etwas Seltenes: ein Gefühl von Wahrhaftigkeit. Kein Wohlfühlbuch. Aber eines, das bleibt.










