
Ungelöst (Die erste Zeugin) - Wenn das eigene Gedächtnis zur Hölle wird
Dieser Psychothriller packt von der ersten Minute an mit einer verdammt starken Prämisse: Eine junge Medizinstudentin besitzt ein eidetisches Gedächtnis. Sie vergisst absolut nichts, was auch bedeutet, dass das schlimmste Trauma ihrer Kindheit für sie immer im Hier und Jetzt stattfindet. Als sie auf einer aktuellen Vermisstenanzeige ein Gesicht aus ihrer eigenen Vergangenheit wiedererkennt, bricht das alte Entführungstrauma mit voller Wucht auf und zieht sie direkt in die Ermittlungen einer neu gegründeten Cold-Case-Abteilung der Polizei. Die Idee, das unfehlbare, fotografische Gedächtnis der Protagonistin als Werkzeug für die Ermittler zu nutzen, bringt frischen Wind in die Geschichte. Die Atmosphäre ist durchgehend beklemmend, da sich die Hauptfigur zunehmend beobachtet fühlt und eine paranoide Stimmung mitschwingt. Das Buch baut ein dichtes, atmosphärisches Netz aus Lügen und bürokratischen Blockaden auf. Besonders das Zusammenspiel der verschiedenen Schauplätze – eine isolierte Insel und eine düstere Baustelle – sorgt für exzellente Wendungen und treibt den Puls hoch. Man spürt regelrecht, dass das Ermittlerteam einer riesigen, unsichtbaren Täuschung unterliegt. Das psychologische Verwirrspiel wird hier meisterhaft auf die Spitze getrieben, da man als Betrachter zusammen mit der traumatisierten Beraterin jede einzelne Spur hinterfragt und tief in die Abgründe der menschlichen Psyche hineingezogen wird. Die ständige Ungewissheit, wem überhaupt noch zu trauen ist, sorgt für ein permanentes Unbehagen und lässt den Spannungsbogen extrem straff bleiben. Im letzten Teil verändert sich der Ton der Geschichte spürbar. Statt des psychologisch fein aufgebauten Verwirrspiels steht ein deutlich temporeicher, actionlastiger Showdown im Vordergrund. Dieser ist zwar spannend, wirkt im Vergleich zum vorherigen Aufbau jedoch etwas konventioneller. Zudem geht die Auflösung recht schnell, wodurch einige der zuvor aufgebauten komplexen Stränge nicht ganz so tief ausgearbeitet werden. Teilweise folgen die Entwicklungen dann typischen Genre-Mustern, besonders im Umfeld der Ermittlungsbehörden. Fazit: Insgesamt bleibt ein spannender und atmosphärisch dichter Thriller mit einer originellen Idee und hohem Sogeffekt. Das letzte Drittel schwächt den Gesamteindruck etwas, ohne den positiven Eindruck komplett zu kippen. Von mir daher 7 von 10 P. (abgeschlossen 02.06.2026)






























































