Es handelt sich darum, alles zu leben - Rainer Maria Rilke
... aber die Details des Buches waren ihm zu diesem Zeitpunkt noch unklar, er würde, was er zu tun versuchte, erst verstehen, wenn er damit angefangen hatte, doch das Wesentliche war, diese anderen Jungen so zu lieben, als wären sie wirklich, sie so sehr zu lieben, wie er sich selbst liebte, so sehr, wie er den Jungen geliebt hatte, der an einem heißen Sommertag im Jahre 1961 vor seinen Augen tot umgefallen war, und jetzt da sein Vater ebenfalls nicht mehr lebte, war dies da Buch, das er schreiben musste - für sie. ... aber erst wenn er gelernt hatte, sie so zu lieben, als wären sie wirklich, erst wenn der Gedanke, sie sterben zu sehen, unerträglich für ihn geworden war, und dann würde er wieder mit sich selbst allein sein, der einzig Übriggebliebene. Daher der Titel des Buches: 4 3 2 1. So endet das Buch - mit Ferguson, der weggeht, um das Buch zu schreiben. ... - Zitat, Seiten 1254, 1255 Wie man an dem obigen Zitat aus dem 2017 erschienenen Roman entnehmen kann, hat dieser viel mit der Person des Schriftstellers Paul Auster selbst zu tun. Wie der Protagonist Archie Ferguson ist auch Auster 1947 in Newark, New Jersey geboren und aufgewachsen. Und vielleicht war es auch wirklich dieser "alte Witz, der schon seit Jahren in jüdischen Wohnzimmern die Runde machte", der dem Schriftsteller als Inspiration diente und von einem jungen russischen Juden mit unaussprechlichen Namen handelt, der eines schönen Tages auf Ellis Island eintrifft. Ein alter Mann gibt ihm den Tipp, sich gleich einen amerikanisch klingenden Nachnamen wie Rockefeller zuzulegen. Aber vor den Beamten der Einwanderungsbehörde wird der junge Mann so nervös und platzt verzweifelt auf jiddisch heraus: "Ich hob fargessen!" Und so trägt der Beamte pflichtbewusst ins Namenverzeichnis ein: Ichabod Ferguson (siehe Seiten 1250, 1251). Eine unwiderstehliche Anekdote zu Beginn und jeweils 4 verschiedene Lebensentwürfe für unseren Protagonisten über 20 Jahre hinweg, sogar bis ins Jahr 1970. Ferguson wird viele erste Erfahrungen machen mit seinen Eltern, der Schule und der Liebe - aber natürlich auch mit der Literatur. Er wird ins Kino gehen, seine ersten Helden bewundern und sich selbst sportlich betätigen. Auch die gesellschaftspolitischen Themen werden stark eingebunden, vor allem der Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung. Auch Ausflüge an die kalifornische Küste und sogar nach Paris gehören zu diesem Roman mit dem weiten Panorama. Gegen Ende des Romans nehmen die zeitpolitischen Einschübe etwas überhand und da unser Protagonist hier eigentlich fast nur "Zaungast" der Ereignisse ist, wirken diese Phasen zu langatmig und gewollt. Aber der letzte Abschnitt reißt mit seinen autobiographischen Zügen noch einmal mit und sorgt nach über 1.200 Seiten für ein harmonisches Ende. Bei diesem Umfang ist es nicht verwunderlich, dass gleich vier Übersetzer für die sehr stimmige deutsche Ausgabe verantwortlich sind: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karten Singelmann und Nikolaus Stingl. FAZIT "Auf lange Sicht sind Geschichten vielleicht nicht weniger wert als Geld, fürs Erste aber sind ihre Möglichkeiten beschränkt." - Seite 13 Paul Auster ist einfach ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Allein diese Geschichte in der Geschichte, "Die Sohlenverwandten", ein Schulaufsatz von Ferguson, ist von einer zauberhaften Melancholie geprägt - wunderbar! Ich würde allen Lesenden von Herzen empfehlen, sich vertrauensvoll zwischen die Seiten zu legen und einfach mitzugehen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen über die Struktur oder die feinen Zusammenhänge der einzelnen Kapitel. Aber jetzt fühle ich mich auch erleichtert, dass ich das buchstäblich schwere Buch zur Seite legen und den im Vergleich dazu federleichten Gedanken zum Text nachspüren kann - ging es Dir einmal ebenso? Und so endet das Eingangszitat von Rilke über die Geduld: Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.




















