8. Juni
Bewertung:2.5

Erstaunlich modern, zäh zu lesen!

Spoilerfreie Meinung💕 Nachdem ich einen historischen Roman über Annette von Droste-Hülshoff gelesen haben & mich weiter mit ihr beschäftigte, wollte ich auch endlich mal eines ihrer bekanntesten Werke lesen. Es finden viele Gedanken Platz, die auch heute gesellschaftlich relevant sind. Trotzdem muss ich der Realität auch ins Auge sehen: Der Schreibstil entspricht nicht mehr dem heute gängigen. Das machte es für mich anstrengend zu lesen. Achtung, ab hier folgen Spoiler❗ Setting ⭐⭐ Die Natur und auch das Dorf B. wurden eindrucksvoll beschrieben. Gut zurechtfinden konnte ich mich aber nicht. Vieles wurde (für die damalige Zeit typisch) metaphorisch angerissen, aus meiner heutigen Leseweise schwierig zu verstehen. Charaktere ⭐⭐⭐ Bei anderen Romanen teile ich hier meine Gedanken & Analysen zu Personen. Da es so ein komplexes Buch ist, dem sich schon viele Literaturwissenschaftler angenommen haben, verweise ich an dieser Stelle auf das Internet & Lektüreschlüssel. Aber warum bewerte ich es trotzdem mit 3 Sternen? Aus meiner nicht-literaturwissenschaftlichen heutigen Perspektive waren die Charaktere zwar vielschichtig, aber kaum beleuchtet. Als Leserin hatte ich nicht das Gefühl, alle gut zu kennen. Auch warum genau der Mord begangen wurde, wird fast nebenbei erläutert. Trotzdem finde ich die Vielschichtigkeit der Charaktere sehr interessant, mit der man sich definitiv weiter auseinandersetzen könnte. Handlung ⭐⭐⭐ Die Idee und gerade die psychologische Betrachtung (dass ein Mensch durch die Gesellschaft geformt ist, und die Gesellschaft von Vorurteilen lebt) ist fast modern und interessant zu lesen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es keine wirklichen Anstiege von Spannung gab. Es fühlte sich monoton an. Adele Schopenhauer schrieb dazu (zitiert im Reclam Lektüreschlüssel): "Die Details sind wunderbar wahr und schön gegeben, aber die Hauptmomente treten nicht genügend hervor." Da kann ich mich nur anschließen. Es gibt aktuelle Themen wie z.B. folgendes: "[Es] hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung." Die Diskussion von Diskriminierung von Frauen fand auch ihren Platz im Buch: "Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt haben: "Eine Frau, die von ihrem Mann übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenns mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir." Der Erfolg zeigte leider, dass sie ihre Kräfte überschätzt hatte." Ich finde es irgendwie total interessiert, dass auch damals der "I can change him" Gedanke schon präsent war und von Droste-Hülshoff debattiert wurde. Auch der Glaube an Gott war Inhalt des Buches. Hierbei wurde vorallem auch Wert auf die gesellschaftliche Betrachtung gelegt, was auch heute in der christlichen Religion eine große Rolle spielt: "Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten." - "Kein falsches"" - "Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen andern in der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig" Oder auch Gedanken wie: "Es ist nicht recht, dass der Unschuldige für den Schuldigen leide." Schreibstil-Gefühl ⭐⭐⭐ Man muss beim Überbringen der Emotionen natürlich den Zeitgeist betrachten. Aus heutiger Sicht sind es sehr lange Sätze, die ich als anstrengend zu lesen, wahrnahm. Ein bisschen schmunzeln musste ich bei einigen Wörtern, die man heute wieder in der Jugendsprache findet, damals aber zum alltäglichen Sprachgebrauch gehörten: "war sie dahin gekommen, zu denken, ihr Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, [..]" Unterhaltung ⭐⭐ Ich habe die Novelle gelesen, weil ich mich mit Annette von Droste-Hülshoff beschäftigt habe. Ihre (für die damalige Zeit) fortschrittliche Gedanken wurden hier für mich auch sichtbar. Trotzdem war es für mich anstrengend zu lesen und war fast froh, dass es sich nur um eine Novelle handelt.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
10. Mai
Bewertung:3.5

Düster, gesellschaftskritisch und psychologisch spannend

Friedrich Mergel wächst in Armut, Gewalt und sozialer Unsicherheit auf. Sein Vater ist alkoholabhängig, die Mutter überfordert, und später gerät Friedrich unter den Einfluss seines Onkels Simon, der in kriminelle Geschäfte verwickelt ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Friedrich kaum eine echte Chance auf ein moralisch stabiles Leben hatte. Die Gesellschaft trägt also Mitschuld an seiner Entwicklung. Gleichzeitig macht die Novelle deutlich, dass Friedrich dennoch eigene Entscheidungen trifft. Er beteiligt sich an fragwürdigen Handlungen und entfernt sich zunehmend von moralischen Grenzen. Dadurch bleibt die Frage nach persönlicher Verantwortung zentral. Droste-Hülshoff zeigt also ein Spannungsfeld zwischen sozialer Prägung und individueller Schuld. Die Buche selbst hat starke Symbolkraft. Sie steht für Erinnerung, Schuld und Vergeltung. Außerdem verweist sie auf die Idee, dass vergangene Taten Menschen nicht einfach loslassen. Auch Antisemitismus spielt eine wichtige Rolle. Aaron wird von vielen Dorfbewohnern vor allem als „der Jude“ gesehen, nicht als Mensch. Dadurch kritisiert die Novelle unterschwellig die Vorurteile und Ausgrenzung der damaligen Gesellschaft. Ein wichtiges Motiv ist das schlechte Gewissen. Friedrich kann seiner Vergangenheit nicht entkommen. Die Judenbuche wird zu einem Symbol seiner inneren Schuld. Dass er am Ende dort stirbt, wirkt wie eine psychische und zugleich göttliche Bestrafung.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
6. Jan.
Kurzweilige Novelle, welche man recht flüssig lesen kann.
Bewertung:3.5

Kurzweilige Novelle, welche man recht flüssig lesen kann.

"Die Judenbuche" hat mir ganz gut gefallen. Ich fand die Geschichte nicht übermäßig besonders oder herausragend, jedoch war ich während des Lesens interessiert, wie sie wohl ausgehen wird. Trotz dass es sich hier um ein bereits älteres Werk handelt, war die Sprache leicht verständlich. Alles in allem ist das eine durchaus lesenswerte Lektüre.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
3. Jan.
Bewertung:4

Kurzweilig und spannender als ich es in Erinnerung hatte. Besonders im historischen Kontext betrachtet ist Die Judenbuche ein beeindruckendes und bemerkenswert gelungenes Werk. In leiser, sachlicher Sprache zeigt die Autorin beinahe soziologisch, wie Schuld, Mord, soziale Ungleichheit, Antisemitismus sowie unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit und gesellschaftlicher Ehelogik ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Gleichzeitig gelingt es ihr, die psychologische Dimension der Erzählung präzise auszuarbeiten: Die Begegnung Friedrichs mit seinem Alter Ego Johannes Niemand ist von Beginn an so angelegt, dass man intuitiv ahnt, was die beiden Jungen innerlich verbindet und wohin diese Verbindung führen wird.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
14. Mai
Bewertung:4

Ich musste diese Novelle für den Kurs für deutsche Literatur im Übersetzen lesen, den ich gerade beende. Jetzt verstehe ich, warum dies eines der wichtigsten und einflussreichsten Stücke der Biedermeisterzeit ist. Ich mag die Spannung, die beim Schreiben eingesetzt wird. Während die Geschichte Ihr Standard-Krimi ist, ist mir die Wut der Charaktere am meisten aufgefallen. Noch wichtiger ist, dass ich es nicht zu übertrieben fand, es hatte genau die richtige Menge an Spannung und Erleichterung. I had to read this novella for the German Literature in Translation class I'm finishing up. Now, I see why this is one of the most important and influential pieces of the Biedermeister period. I like the tension employed in the writing. While the story is your standard murder mystery, the anger from the characters is what stood out to me most. More importantly, I didn't find it too over-the-top, it had just the right amount of suspense and relief.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
29. Dez.
Bewertung:4

Mein literarisches Leben hat um die Judenbuche stets einen weiten Bogen gemacht. Malträtiert mit den deutschen Werken des frühen 19. Jahrhunderts durch meine Deutschlehrerin war ich doch verwundert, dass wir um diese Novelle einen Bogen machten. Aber Schriftstellerinnen waren im Kanon der alten Dame nicht vorhanden. Jeder, der noch die DM-Zeiten aktiv erlebte, kannte die Droste, wie sie zugeknöpft, streng gescheitelt und mit ausufernder Lockenpracht vom 20 DM-Schein herunterschaute, auf der Rückseite sogar mit einer Buche versehen. Insofern müsste man, wenn man Clara Schumann oder Gauss zu den größten Berühmtheiten der Deutschen zählt, auch AvD-H dazuzählen. Aber wer kennt schon heutzutage die Judenbuche noch? Wahrscheinlich die wenigsten. Die Novelle ist sehr schön und sachlich geschrieben, ohne Wertung und Emotionen, wird dieses sogenannte Sittengemälde von der strengen Katholikin gemalt. Vergleicht man das mit ihren Zeitgenossinnen in England (Austen oder die Brontes), dann ist doch die strenge Sachlichkeit auffällig. Keine Liebesszenen, keine Leichtigkeit, stattdessen eine Milieustudie über das einfache Leben in der ländlichen Region im 18. Jahrhundert. Lange habe ich mich bei der chronologischen Berichterstattung über den Friedrich Mergel gefragt, welche Moral hinter der Novelle stecken mag. Da geschieht viel Unrecht. Der Vater trinkt, die Mutter kann den Jungen nicht bändigen, er wird ein schlechter Mensch, betrügt, stiehlt und muss nach dem Mord an einem Juden, dem er Geld schuldet fliehen. Im Grunde eine Kriminalgeschichte a la Aktenzeichen XY. Wer hat den Täter gesehen? Die Lösung taucht mit den letzten Sätzen auf und dann rundet sich das Bild ab. Kernaussage: Wie du mir, so ich dir. Fast schon alttestamentalische Weisheiten. Ich fand es irgendwie amüsant, wie deutsch das Buch ist, im Vergleich zur Literatur in Europa zu dieser Zeit. Französische Revolution, Widerstand gegen die Obrigkeit? Von all dem ist da nichts zu finden. Stattdessen Antisemitismus und Naturethik. Die Buche ist Ort der Gerechtigkeit. Das soll keine Kritik, im Grunde fühle ich mich durch so eine Novelle eher angesprochen als durch die Beschreibungen der Bälle bei Jane Austen. Es ist einfach große deutsche Literatur und ich bin froh, dass ich sie endlich mal gelesen habe.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible
7. Apr.
Bewertung:3

The original "True Crime". Sehr schön, wenn man sich die klassische deutsche Novelle (im Gegensatz zur italienischen) Mal als Gattung anschauen möchte. Liest sich an einem Nachmittag sehr bequem und ist, was die ethischen Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, auch noch heute sehr modern. Historisch auch spannend, wenn man sich mal bewusst machen will, wie lange es Antisemitismus schon gibt.

Die Judenbuche
Die Judenbuchevon Annette von Droste-HülshoffAudible