5. Aug.
Solider Krimi, aber wenig Marple-Rafinnesse
Bewertung:3.5

Solider Krimi, aber wenig Marple-Rafinnesse

Ein harmloser Zug, eine flüchtige Beobachtung – und plötzlich ein Mord: In ‚16 Uhr 50 ab Paddington‘ lässt Agatha Christie einmal mehr ihre Meisterin des Spürsinns, Miss Marple, auf ein Verbrechen treffen, das scheinbar niemand beweisen kann. Die Geschichte beginnt, als Miss Marples Freundin Mrs. McGillicuddy während einer Zugfahrt Zeugin eines Mordes wird. Durch das Fenster ihres Zugabteils beobachtet sie, wie in einem parallel fahrenden Zug eine Frau erdrosselt wird. Doch bei der Ankunft des Zuges ist die Leiche der Frau unauffindbar. Deshalb scheint niemand Mrs. McGillicuddy zu glauben – außer Miss Marple, die ihre kluge Vertraute Lucy Eyelesbarrow als Hausangestellte in das potenzielle Umfeld des Verbrechens einschleust. Ich muss gestehen: Meine Erwartungen an diesen Krimi waren ziemlich hoch. Die Idee eines Mordes im Vorbeifahren, beobachtet von einer einzigen Zeugin, klang nach einem klassischen Christie-Puzzle mit cleverer Auflösung. Doch je weiter ich las, desto mehr wich meine anfängliche Neugier einer gewissen Ernüchterung. Miss Marple als subtile, scharfsinnige Ermittlerin bleibt erstaunlich oft im Hintergrund. Stattdessen trägt Lucy große Teile der Handlung – zwar mit einer gewissen Kompetenz, aber ohne die geistige Raffinesse, welche ich bei einer Marple-Geschichte erwarte. Lange Zeit plätschert die Handlung in gediegenem Erzähltempo nur so dahin. Unzählige Verdächtige werden eingeführt, Spuren verfolgt – doch echte Spannung kam für mich erst gegen Ende auf, als sich die Ereignisse zuspitzen. Die Auflösung des Mordfalls ist zweifellos typisch Christie: logisch, durchdacht, fast mathematisch - und dennoch konnte sie mich nicht überzeugen, da sie mir zu platt erschien. ‚16 Uhr 50 ab Paddington‘ ist keineswegs ein schlechtes Buch, doch es bleibt meiner Meinung nach hinter Christies besten Werken zurück. Der Nervenkitzel, den ich mir erhofft hatte, stellte sich erst auf den letzten Seiten ein. Vielleicht lag es an der Erzählstruktur, vielleicht am fehlenden Glanz der Hauptfigur. Schlussendlich war es ein Krimi, der mich eher zum Mitlesen als zum Mitfiebern brachte.

16 Uhr 50 ab Paddington
16 Uhr 50 ab Paddingtonvon Christie AgathaScherz, 1993, 18. Aufl.,