13. März
Wenn ein Bankraub zum absurd ehrlichen Roadtrip wird
Bewertung:4

Wenn ein Bankraub zum absurd ehrlichen Roadtrip wird

Manchmal reicht ein einziger schlechter Tag, um aus einem gescheiterten Journalisten einen ziemlich miserablen Bankräuber zu machen. Boyd Halverson ist so ein Kandidat. Früher gefeierter Starreporter, heute ein Mann, der mit sich selbst und der Welt ziemlich im Clinch liegt. Und plötzlich steht er in einer Bank, klaut eine lächerlich kleine Summe Geld und nimmt ausgerechnet Angie Bing als Geisel. Eine Frau, die offenbar absolut keine Lust hat, eine klassische Geisel zu sein. Was dann folgt, ist weniger ein Thriller im klassischen Sinn und mehr ein ziemlich schräger Roadtrip durch eine Nation voller Selbsttäuschung, Lügen und schräger Gestalten. Boyd will eigentlich nur eine Rechnung begleichen. Mit der Vergangenheit, mit einem bestimmten Mann und wahrscheinlich auch mit sich selbst. Aber wie das so ist, läuft absolut nichts nach Plan. Angie hat ihren eigenen Kopf, die Verfolger werden immer unangenehmer und irgendwo zwischen Tankstellen, Motels und endlosen Straßen merkt man als Leser ziemlich schnell, dass hier nicht nur eine Flucht stattfindet. Tim O'Brien schreibt bissig, klug und mit einem Humor, der manchmal trocken wie alter Bourbon ist. Boyd ist kein Held, eher ein tragikomischer Typ, der sich selbst im Weg steht. Genau das macht ihn so interessant. Man ertappt sich immer wieder dabei, den Kopf zu schütteln und gleichzeitig zu denken: Mensch, irgendwie verstehe ich diesen Kerl. America Fantastica fühlt sich an wie eine Mischung aus Roadmovie, Satire und einer ziemlich ehrlichen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Zwischen absurden Situationen, bitterer Selbstironie und überraschend leisen Momenten blitzt immer wieder etwas sehr Menschliches auf. Kein klassischer Pageturner mit Explosionen und Verfolgungsjagden. Dafür ein verdammt kluges, unterhaltsames und manchmal ziemlich melancholisches Buch über Schuld, Stolz und die Kunst, sich selbst zu sabotieren. Und genau deshalb bleibt Boyd Halverson noch eine ganze Weile im Kopf hängen.

America fantastica
America fantasticavon Tim O'BrienMondadori
19. Dez.
Bewertung:4

aufmüpfig, angriffslustig & mit verrücktem Boyd..

Was für ein Plan, den Boyd da hat und welche Konsequenzen diese nach dir ziehen. Ich war auf jeden Fall von der Beschreibung amüsiert und habe mich ins Lesevergnügen gestürzt. Was soll ich sagen, Brody ist kaum zu beschreiben. Ich war sofort Feuer und Flamme, ah und dann noch Angie, meine Heldin. Sie scheint immer genau zu wissen, was sie Boyd an den Kopf werfen soll. Wie sie ihn reizt, aber doch wieder belächelnd für ihn da ist. Übrigens bekommt man auch noch andere Persönlichkeiten geboten, die jedoch nicht ganz mein Interesse ergriffen haben. Denn nicht alles im Buch scheint ganz, wie man es mag, ausgearbeitet zu sein. Im Grunde hat mich aber schon fasziniert. Die Eindrücke, wie der Autor sich Amerika und seine Ziele vorstellt. Besonders einnehmend empfand ich den Umgang mit Angie, bzw. wie sie schafft, Boyd in die richtige Richtung zu ziehen. Eine tolle Satire, die mich daher gut unterhalten hat, humorvoll eingenommen, hätte aber mehr Tiefe in den Persönlichkeiten gehofft.

America fantastica
America fantasticavon Tim O'BrienMondadori
17. Nov.
Stark überzeichnete und schrille Satire
Bewertung:2

Stark überzeichnete und schrille Satire

Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - so das weitläufig bekannte Sprichwort. In "America Fantastica" bietet Tim O`Brien einen Rundumschlag, was in Amerika alles möglich sein mag. Um das zu demonstrieren, greift O`Brien auf ein großes Arsenal an Protagonisten zurück. Ich habe mindestens 15 Charaktere gezählt - plus einiger "Statistenrollen". Das weiß ich deshalb so gut, weil ich mir zwangsläufig Notizen machen musste, um allen Handlungssträngen folgen zu können. Möglicherweise war es gewollt, dass man für keinen der Charaktere so wirklich Sympathien entwickeln konnte. Allesamt waren weitgehend hinterhältige, verschlossene, anstrengende, korrupte, psychische gestörte oder schlicht langweilige Persönlichkeiten. Insbesondere kam hinzu, dass der Autor wie eine Metapher über die kürzlich überstandene Epidemie schreibt, die sich über das Land verbreitet, genau wie die sog. Mythomanie (dem Zwang zu Lügen). Über den Bankräuber Boyd Halverson erfährt man lange recht wenig. Er war Alkoholiker und ist Mythomane. Erst zum Ende hin offenbart er dann etwas mehr zu seiner Person. Es war für mich enttäuschend, dass ich als Leser die im Klappentext genannte Person kaum kennenlerne. Grund dafür ist, dass er wenig spricht und mit seinem Leben äußerst unzufrieden ist. Seine Begleiterin Angie beißt sich regelrecht die Zähne an ihm aus etwas über ihn zu erfahren. Mir fehlte im Übrigen eine rote Linie, ein Spannungsbogen, ein Ziel worauf diese Geschichte hinauswill. Stattdessen wird man von einer Perspektive zur nächsten geworfen - teilweise in Absätzen von 10 Zeilen muss man sich in die nächste Szenerie neu hineindenken. Drum ist es auch so schwer sich die ganzen Charaktere zu merken. Das Zitat von Haruki Murakami auf dem Cover des Buches "Durchdringend und messerscharf" kann ich für mich leider nicht bestätigen. Der sehr gute literarische Schreibstil in den "stillen Passagen" hat aber dafür gesorgt, dass ich das Buch nicht abgebrochen habe. Wer eine stark überzeichnete und schrille Satire über den unbegrenzten Wahnsinn in Amerika lesen möchte ist hier genau richtig. 4/10

America fantastica
America fantasticavon Tim O'BrienMondadori