29. Dez.
Bewertung:2

Wie arbeitet man als Romanschriftstellerin am eindrucksvollsten die dunkle Seite der Geschichte des eigenen Landes auf? Man kann ein episches Werk gespickt mit Daten und vielen Fakten aus der Makrosicht schreiben. Oder das Gegenteil, man pickt sich eine Einzelgeschichte aus der Mikrosicht als Sinnbild für die Gräueltaten heraus. So hat es Almudena Grandes getan und wurde für ihr Buch, welches die Schreckensherrschaft des Franco-Regimes im Nachkriegsspanien aufarbeitet, gefeiert. Mich hat sie leider damit aber nur sehr selten gepackt. Es lag dabei eigentlich gar nicht so sehr an der Form der Ich-Erzählung aus der Sicht eines Neunjährigen, dessen Vater für die Guardia Civil, der dem Militär unterstehenden Polizei, arbeitet und dessen Familie somit in den Augen vieler Spanier zu den Bösen zählt. Spanien ist ein geteiltes Land Ende der 40er Jahre, geteilt in die Anhänger des Faschismus und dessen Gegner, deren erbittertste Widerstandskämpfer sich in das Hinterland zurück ziehen. Nino, der kleine Protagonisten, wächst in diesem Umfeld von Misstrauen, Gewalt, Verschleppungen und Hinrichtungen auf. Er lernt dabei in erster Linie von einem väterlichen Freund namens Pepe und seiner Schreibmaschinen-Lehrerin, die in ihm die Liebe zur Literatur entfachen kann. Gelegentlich bekommt man die Spannung im Land in der Geschichte zu spüren, aber in weiten Teilen ist es doch ein einfacher Entwicklungsroman eines intelligenten Jungen, dem sich durch glückliche Fügung der Zugang zur Bildung ermöglicht wird. Diese wesentliche Handlungsstrang war mir einfach zu zuckersüß und breit erzählt, ohne das ein Spannungsbogen entstanden ist. Was mich aber am meisten gestört hat, ist der Erzählstil der Autorin, der mich stark an klischeehafter Jugendbuchliteratur erinnerte. „Als sie mich anschaute, wäre ich beinahe gestorben.“ „Pepe sagte daraufhin eine Satz, der mich mein Leben lang begleiten sollte.“ „Was sie danach machte, hätte ich nie in meinem kühnsten Träumen erhofft.“ Ja, da wird ganz tief in die Theatralikkiste gegriffen, da sind die großen Emotionen, die vielleicht auch den kulturellen Unterschied zwischen einer emotionalen spanischen Schriftstellerin und einem rationalen deutschen Leser aufzeigen. Wenn dann aber der Klassiker der YA-Plattitüden mehrmals auftaucht („Langsam atmete ich aus und hatte dabei gar nicht bemerkt, wie lange ich die Luft angehalten hatte.“), um die innere Spannung bei unserem kleinen Polizistensohn zu verdeutlichen, dann neigt selbst der rationale Teutone dazu, nach jedem erfolgreichem Ausatmen ein erleichtertes „Ole“ zu rufen. Ich fand es bedauerlich, denn die Passagen über die gesellschaftlichen Konflikte in Spanien, hatten mir eigentlich ganz gut gefallen. Aber der Erzählstil, gepaart mit den vielen Charakteren (irgendwie typisch für spanisch-lateinamerikanische Literatur) mit ähnlich klingenden Namen, haben es mir irgendwie verleidet.

El lector de Julio Verne
El lector de Julio Vernevon Almudena GrandesTUSQUETS