Hermann stirbt überraschend an einem Herzinfarkt. Zurück bleiben seine Frau Marlene und die erwachsenen Kinder Filippa und Bob. Alle drei verarbeiten den Schmerz auf ihre Weise und versuchen einen Weg zu finden, mit dem plötzlichen Verlust umzugehen … ‚Regenbogenweiß‘ ist ein sehr intensives Buch über Trauerarbeit und vor allem der Teil, wie Hermanns Witwe Marlene mit seinem Fehlen in ihrem Leben und den Herausforderungen des ersten Trauerjahres umgeht hat mich zutiefst bewegt. Erstaunlicherweise gar nicht so sehr auf der emotionalen Ebene, sondern viel mehr auf einer pragmatischen, die aber von hohem Wiedererkennungswert geprägt war. Ich habe selbst vor einigen Jahren meinen Vater verloren und da war beim Lesen ganz oft der Gedanke ‚ja, genau, genauso war es bei uns auch‘ und das bei ganz vielen, manchmal nebensächlich erscheinenden Dingen. Was für eine Last zum Beispiel ein nicht ausgeräumter Keller sein kann oder ein Karton unsortiert hinterlassener Papiere. Gösweiner beschreibt das ganz unprätentiös, manchmal fast im Nebensatz, wenn Marlene versucht ihr Leben weiterzuführen, aber gerade deswegen wirken diese ‚Alltäglichkeiten‘ der Trauerarbeit so stark und man möchte manchmal einfach zu Marlene sagen „Ich weiß“. Es tut dann auch gut zu sehen, wie die Witwe Schritt für Schritt, Monat für Monat in ein neues, anderes Leben vorangeht. Langsam und mit viel Tränen, aber immerhin. Im Gegensatz dazu hatte ich ein ziemliches Problem mit den Kindern Filippa und Bob. Am meisten stört mich, dass diese eigentlich großartige Autorin bei den beiden kein Klischee auslässt. Filippa ist die aufopferungsvolle Schwester, als Frau natürlich immer um Harmonie und Ausgleich bemüht, hat Geisteswissenschaften studiert, fliegt ständig durch halb Europa um es allen Recht zu machen und gleichzeitig tickt die biologische Uhr wie Donnerschläge. Wenn sie sich ärgert, schluckt sie den lieber runter und für den Bruder findet sie ständig Erklärungen und Ausreden. Der hingegen ist Physiker wie der Vater und suchte zeitlebens vergeblich dessen Anerkennung. Als er einen Job wegen einer Frau nicht bekommt, wird er bockig wie ein Kleinkind, die Freundin soll dann natürlich sein Genie unterstützen ohne zu mucken. Überhaupt ist er der Beste und Tollste, aber auf der anderen Seite lebt er im Grunde nur in den Tag hinein und fühlt sich unverstanden. Das war mir bei beiden, Tochter und Sohn, einfach zu plakativ und stereotyp und ich musste da wirklich ein paar mal mit den Augen rollen. Die beiden kreisen auch so sehr um sich und ihre First-World-Problems, dass es den gesellschaftlichen Kontext mit Flüchtlingskrise und Terroranschlägen in Frankreich (das Buch spielt größtenteils 2015) völlig überdeckt und in meinen Augen zum Hintergrundrauschen degradiert. So lässt mich das Buch zweigeteilt zurück - mit einem sehr warmen, verständigen Gefühl für Marlene und ihrer Trauerarbeit und der gleichzeitigen Erleichterung nichts mehr von Filippa und Bob lesen zu müssen.
18. Nov.18. Nov. 2025
Regenbogenweißvon Friederike GösweinerLiteraturverlag Droschl
