Vom Leben der Bewohner in einem Schweizer Armenasyl.
"Hier im Brüggli würden Körper und Seelen aufbewahrt, begann sie. Genau genommen versorge man in erster Linie verlebte Körper, beschädigte, von anderen verstoßene oder von sich selbst überforderte. Und auch solche, die so leer wären, wie ausgeschleckte Suppenteller." [S. 40] Elise wird von ihren Kindern in einem Armenasyl untergebracht. Schon allein das Wort hört sich schrecklich an und im Grunde ist es ein Auffanglager und eine Verwahrstelle, für gescheiterte Existenzen. Von Diakonissen geleitet, wird Frömmigkeit gepredigt und die Asylsuchenden mit dem Nötigsten versorgt. Aber auch "das täglich Brot" kann die Herkunft manch armer Seele nicht auslöschen und so erfährt Elise nach und nach die Geschichte eines jeden Einzelnen. Hierbei ist besonders das Namensverzeichnis am Ende des Buches sehr hilfreich, denn es sind wirklich sehr viele Personen, über die hier berichtet wird. Das erfordert stellenweise höchste Konzentration, denn auch sprachlich ist es aus meiner Sicht herausfordend. Die Erinnerungen an ein längst vergangenes Leben, außerhalb der Mauern des Armenhauses, sind für die Bewohner meist das Einzige, was ihnen geblieben ist, nur wenige hüten ein materielles Erinnerungsstück wie einen kostbaren Schatz, denn Besitztümer können ihren Besitzer wechseln und Verluste sind schwer zu bewältigen, deswegen hüten die Menschen ihre Gedanken, Wünsche und Träume. "Man tue gut daran, ein unsichtbares Album schöner Erinnerungen anzulegen und alles Betrübliche auszusortieren und zu vergessen." [S. 150] Das war beim Lesen gelegentlich deprimierend, jedoch gab es auch Lichtblicke, in Form von kleinen Freuden, die den Bewohnern zuteil wurden. "Denn weißt du, ein wenig Glut für etwas Glück steckt in uns allen, sie verlöscht nie ganz." [S. 150] Mein abschließendes Fazit: Ich liebe dieses wundervolle Cover, jedoch hat dieses Buch mich sprachlich wirklich auf den Prüfstand gestellt und meine Konzentration sehr ausgereizt, auch wenn ich mir einige Textstellen markiert habe, weshalb ich eine Empfehlung nur bedingt dafür aussprechen mag.
