14. Sept.
Bewertung:5

"Dem phrygischen König Midas verlieh Dionysos eine bestimmte Gabe: Alles, was er berühren sollte, würde sich in Gold verwandeln. Sie haben dem Anschein nach eine andere Gabe von Dionysos erhalten. Jeder, den Sie berühren, wird von Trauer erfüllt werden." "Weiter, weiter", sagt Jeanette. "Ihr Herz wird von großem Hass ebenso wie von großer Liebe aufgezehrt. Sie haben große und hartnäckige Feinde." Die Wahrsagerin verstummt. Sie murmelt unverständliche Worte. "Ihr Unglück ist es, dass Sie von der Liebe einer Frau nicht gezähmt werden können." Jeanette lacht. "Wessen Schuld ist es denn?", frage ich. "Das Frauengeschlecht ist schön und unerschöpflich. Das Männergeschlecht störrisch und unersättlich." "Ja, aber werde ich wirklich nie einer Frau begegnen, die sich mein Herz für immer untertan machen wird?" - Zitat, Seite 183 Vor 100 Jahren, am 09. Mai 1925, anlässlich seines Geburtstages beendet der Autor Konstantine Gamsachurdia im dritten Anlauf seinen großen Roman. "Kürzlich stand ich an der Schwelle zu den letzten Dingen ... Und in jener Nacht gab ich mir das Versprechen: Das Buch ein drittes Mal zu schreiben, wenn ich diese Nacht überlebte. Und so kam es ..." So lesen wir es im Nachwort der Erstausgabe des Romans und vor unserem geistigen Auge entsteht das Bild, wie der Schriftsteller erschöpft, aber befriedigt die Feder niederlegt, dort in seiner Heimat Georgien. Denn diesmal erwischt ihn der Frühling nicht in der Fremde. Wie der griechische Gott Dionysos scheint es das Schicksal des jungen Georgiers zu sein, ruhelos und heimatlos durch Europa zu streifen. Dort in Paris, kurz nach dem ersten großen Krieg im goldenen Oktober, beobachtet er gleichfalls fasziniert wie abgestoßen einen Kriegsversehrten, der sich von den Spatzen hofieren lässt. Doch es ist das Gemälde eines Bekannten, der den jugendlichen Gott Dionysos mit der latent weiblichen Aura, welches etwas in Konstantine anstösst. Bald schon befindet er sich auf einer Reise (oder Flucht) nach Italien, besucht die ewige Stadt, wandelt auf den Spuren vergangener Mystiker, kämpft mit alten und den neuen Dämonen des Faschismus. Landet schließlich in Berlin, doch die Studentenstadt seiner Jugend hat sich verändert; sein Freundeskreis hat in diesen kurzen Jahren eine Veränderung erfahren. Zwischen Kampf und Revolution, Verzweiflung und Hysterie, scheint auch unser Ich-Erzähler immer mehr dem Wahn anheim zu fallen. Was kann ihn noch retten? Die Wissenschaft, die moderne Psychoanalyse oder ein geheimnisvoller Mystiker aus Indien? Oder ist es eher die Sehnsucht nach der Heimat, die denProtagonisten umtreibt? Und ist dieser Ort der Kindheit überhaupt noch vorhanden, wo das Herz zu Hause ist? Im Vorwort von Zviad Gamsachurdia, dem Urenkel des Schriftstellers, welchem wir diese Übersetzung in deutsche Sprache zu verdanken haben, wird sehr ausführlich in das Werk eingeführt. Dem Autoren zufolge ist sein Roman eine Bestandsaufnahme der sozialen Umstände der Jahre 1914 - 1919 in Europa. "Was wir jedoch beim Lesen vorfinden, ist an erster Stelle eine minutiöse Bestandsaufnahme der eigenen seelischen Zustände." So lautet das Resümee des Übersetzers. Dabei sind natürlich die autobiographischen Bezüge besonders interessant und es hier scheint man teilweise kaum zwischen Ich-Erzähler und Autor unterscheiden zu können, die beide denselben Vornamen teilen. Wobei wir bei der größten Herausforderung für heutige Lesende sein dürften, denn wie das Vorwort des Romans richtig feststellt, ist das Denken (und Handeln) des Protagonisten geprägt von rassistischen, antisemitischen, nationalistischen und misogynen Vorstellungen. Die deutsche Übersetzung hatte die Intention, "alle historischen wie kulturellen Differenzen ungeglättet wiederzugeben." So erinnert der Text oft an ein rohes und blutiges Stück Fleisch, welches frisch von der Schlachtbank kommt. Das muss man aushalten können, aber wer sich einmal an den Roman gewagt hat, wird mit Haut und Haaren in die Geschichte gezogen, die in ihrer Sprachgewalt nicht den Vergleich mit Dantes Höllentrip scheuen braucht. Der Roman endet, wie er beginnt und wir hören Rilkes Worte zwischen den gelben Blättern: "Wir alle fallen. Diese Hand da fällt, Und sieh dir andre an - es ist in allen." FAZIT "Muss ich denn sterben, um zu leben. .." An die Liedzeile aus Falcos letztem Hit musste ich beim Lesen oft denken. Es war eine unglaublich intensive Lektüre für mich. Obwohl der Ich-Erzähler im Laufe der Geschichte eine innere Haltung deutlich werden lässt, die mir zutiefst zuwider ist, hat mich der Roman gebannt. Tatsächlich habe ich selten so eine gelungene Sprachakrobatik erlebt und die eigene Wortschöpfung "Zwieschlaf" werde ich nie vergessen. Mein Dank geht an Thoralf, der diesen besonderen Roman auf seinem YouTube Kanal LiteraturNews vorgestellt hat und mir mit seinem Tipp Lesegold beschert hat. Eine Leseempfehlung für Unerschrockene.

Das Lächeln des Dionysos
Das Lächeln des Dionysosvon Konstantine GamsachurdiaParrhesia Verlag