
Experimentelle Mischung aus dystopischem Sci-Fi und Goethe's Faust
Die Geschichte spielt in einem apokalyptischen Survival-Szenario: gigantische Insekten, mutierte Pflanzen - die Natur ist hart und erbarmungslos und die Menschheit längst nicht mehr die vorherrschende Spezies auf der Erde. Vielmehr müssen die Menschen sich seit den verheerenden Naturkatastrophen und der großen Reduktion extremen Herausforderungen stellen und um ihr Überleben auf dem Planeten Erde kämpfen. Mit Hilfe von neuen Technologien und eines neu entdeckten Stoffes namens “Holy” schaffen es die Überlebenden sich zu retten. Doch die Beschaffung des Holys ist nicht ungefährlich und alles dreht sich um die Frage, wie das wertvolle Holy im All gefunden werden kann. 𝗠𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗠𝗲𝗶𝗻𝘂𝗻𝗴: Wie bereits in anderen seiner Bücher schafft Lew Marschall es auch hier eine fiktionale Geschichte mit philosophischen und gesellschaftskritischen Elementen zu durchweben - was mir in diesem Buch wieder sehr gut gefallen hat. Auch das Worldbuilding hat mich angesprochen - das apokalyptische Setting, die Natur, die sich gegen die Menschheit zu Wehr setzt, die neuen Technologien und die Beschreibung der Lebensumstände, welchen die Menschheit sich nun konfrontiert sieht. Was das Worldbuilding betrifft möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass mir die Geschichte rund um den Planeten Amertú und Murmel besonders gut gefallen hat. Gerade Murmel ist mein favorit hidden Main-Charakter - und ich hoffe, dass zu diesem kleinen Gesteinchen noch eine eigene Nebenstory gekieselt wird.😉 Die Handlung der Geschichte lebt von der Beziehung zwischen den beiden Figuren Filip und Nikolaj, die sich irgendwo zwischen Freundschaft und Hass bewegt. Beide sind sehr unterschiedlich in ihren Persönlichkeiten und ihren Fähigkeiten - jeder hat seine Kanten und Schattenseiten, seine Stärken und Besonderheiten. Sie stehen in Konkurrenz zueinander, können irgendwie nicht ohne und auch nicht miteinander. Obwohl Nikolaj in der Geschichte eindeutig eher die Rolle des Antagonisten einnimmst, legt der Roman es jedoch nicht darauf an, dass Filip deswegen automatisch zum strahlenden Helden der Geschichte mutiert. Auch Filip hat Schwächen, die im Roman offengelegt werden, sodass für mich keine der beiden Charaktere ausnahmslos positiv gestaltet war. Dies ist für mich jedoch eine Stärke des Romans, welcher die Figuren in allen ihren Persönlichkeitsfassetten beschriebt. Etwas skeptisch bin ich jedoch bezüglich der Figur Volant, der von Nikolaj heraufbeschworene Teufel. Grundsätzlich bin ich recht offen, was experimentelle Ansätze in Romanen betrifft - insbesondere bin ich natürlich begeistert, wenn man dabei noch Goethes "Faust" als Referenz heranzieht. Allerdings hat für mich persönlich der Mix zwischen Sci-Fi und der Heraufbeschwörung des Teufels nicht zusammengepasst. Es erschließt mich auch nicht, warum in einem technologisch fortgeschrittenen Überlebensszenario, in welchem die Religion nicht mehr als gesellschaftlicher Pfeiler fungiert und wohl auch nicht in der Lebensrealität der Figuren verankert ist, jemand auf die Idee kommt den Teufel für einen Pakt heraufzubeschwören. Trotzdem muss ich hier auch erwähnen, dass Volant durch seine Art einige interessante Wendungen in der Handlung ausgelöst und er dadurch zum Plot einiges beiträgt. Die Geschichte rund um Filip und Nikolaj wird mit schönen Metaphern, Wortspielen und tollen Bildkonstruktionen erzählt, der Erzählstil hat mir im Ganzen recht gut gefallen. Allerdings muss ich hier einschränken, dass die Qualität nicht durchweg auf hohem Niveau war. An einigen Stellen hatte ich Schwierigkeiten gehabt mir das Geschriebene wirklich vorstellen zu können und einige Vergleiche und Metaphern fand ich nicht ganz so passend gewählt wie andere. Dennoch hat mich die Geschichte gut unterhalten können, insbesondere die gesamte Storyline rund um Murmel hat mich wirklich bewegt und nach hinten heraus wurde der Spannungsbogen nochmals angezogen, sodass ich gespannt und gefesselt durch die Seiten geflogen bin. Das Ende kam jedoch für mich leider etwas abrupt und hat mich mit einigen unbeantworteten Fragezeichen zurückgelassen, welche hoffentlich in einer Fortsetzung noch beantwortet werden.



