Mithu Sanyal untersucht in „Vergewaltigung“ (2016), wie wir über sexualisierte Gewalt denken und sprechen. Um aktuelle Debatten einordnen zu können, entwirft sie einen kulturhistorischen Überblick. Die Diskussionen über sexualisierte Gewalt sind laut Sanyal stark von traditionellen Geschlechtervorstellungen und biologistischen Annahmen geprägt. Historisch wurde die Ehre des Mannes im öffentlichen Raum (Schlachtfeld, Beruf) verortet, die der Frau an ihre Sexualität und damit an ihren Körper gebunden. Vergewaltigung galt auch im deutschen Strafrecht lange nicht als Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sondern als Ehrverletzung. Auch heute noch erfahren Betroffene weniger Empathie, wenn sie nicht dem klassischen „Opferbild“ entsprechen (cis-weiblich, weiß, sexuell nicht zu aktiv). Die Vorstellung einer triebhaften, unkontrollierbaren männlichen Sexualität ist gefährlich, weil sie Vergewaltigung nicht als Handlung, sondern als Identität begreift. Indem aber „der Vergewaltiger“ als Identitätszuschreibung festgeschrieben wird, wird Vergewaltigung als außerhalb des menschlichen Handlungsrahmens und damit als unveränderbar wahrgenommen. Wie sehr sexualisierte Gewalt mit kulturellen Prägungen zusammenhängt, zeigt sich auch am Gefühl der Scham. Scham ist eine häufige Reaktion von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Was Schamgefühle auslöst, ist jedoch kulturell geprägt. So scheint es in unserer Gesellschaft Normen zu geben, die dieses Schamgefühl bewirken. Dies ist umso gravierender, als die Reaktionen des sozialen Umfelds und der Gesellschaft im Allgemeinen eine wesentliche Rolle bei der Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses spielen. Sanyal zitiert Hannah Arendt mit der Aussage, Gewalt sei nicht der Triumph der Macht, sondern ein Zeichen für Machtlosigkeit. Das hat mich an „Backlash“ von Susanne Kaiser erinnert, die warnt, geschlechtsspezifische Gewalt nehme gerade als Reaktion auf fortschreitende Emanzipation zu. Nicht nur deshalb finde Sanyals Buch wichtig. Ich war nicht mit allen Aussagen einverstanden und musste sehr genau lesen, um Sanyal nicht falsch zu verstehen. Dadurch habe ich aber viele neue Denkanstöße bekommen.
Das Thema ist für mich aus vielen Gründen schwierig—daher war auch die Lektüre nicht immer einfach zu verdauen. Dennoch wichtig, sich die Zahlen, Fakten und gesellschaftlichen Diskurse dazu genauer anzuschauen.
Vor allem eine „Passage“ hat mich nachhaltig zum Nachdenken angeregt; darin schreibt die Autorin, dass die Gesellschaft uns (vor allem Frauen) so überzeugend weisgemacht hat, dass wir körperlich unterlegen sind, dass viele von uns bei einem möglichem Übergriff (ich meine hier bewusst von Unbekannten auf der Straße bspw.) einfrieren und uns nicht vorstellen können, uns zur Wehr zu setzen. Demgegenüber stellt sie das Gedankenexperiment, sich vorzustellen, jemand würde uns unser Handy bspw. klauen wollen. Sie argumentiert, viele von uns würden uns da auch zur Wehr setzen - weil uns hier eben nicht weisgemacht wurde, wir hätten eh keine Chance zu entkommen. Sehr spannendes Gedankenspiel, bei dem ich mir zum ersten Mal auch selbst bewusst geworden bin, zu wieviel Vorsicht (wir natürlich berechtigterweise) aufgerufen werden, statt Empowerment oder direkt an der Quelle des Übels anzusetzen. Ich kann natürlich nicht mit allen Gedanken im Buch mitgehen, muss ich aber auch nicht. Eine definitiv interessante Auseinandersetzung mit dem Thema ist es dennoch.
Schwierig. Sehe das sowohl als Betroffene als auch mit Blick auf die Zahlen anders.
Wow, möglicherweise halte ich hier das beste Sachbuch, das ich jemals gelesen habe und lesen werde, in den Händen! Ich habe eine ganze Weile benötigt, um mich durch dieses Buch zuarbeiten, denn auch wenn Mithu M. Sanyal sehr verständlich schreibt, ist ihr Werk voller Gedanken und Informationen, deren Verarbeitung Zeit benötigt. Dementsprechend eine absolute Leseempfehlung!

Eine tiefgründige Analyse, die verschiedene Perspektiven auf das Verbrechen der Vergewaltigung beleuchtet, dabei aber die volle Aufmerksamkeit von Leser*innen benötigt.
Mithu M. Sanyal stellt mit ihrem Buch fesselnde und provokante Analysen dar, die die Konzepte von Sexualität, Macht und gesellschaftlichen Normen kritisch hinterfragen. Sie schafft dabei eine interessante Perspektive auf das Thema, indem sie historische, kulturelle und aktuelle Aspekte beleuchtet. In vielen Teilen war das Buch für mich definitiv aufrüttelnd und hat mich viel über meine Einstellung nachdenken und überdenken lassen. Leider war das Buch für mich durch Satzlängen und den sehr fachlichen Schreibstil nicht so zugänglich. Ich hätte mir gewünscht, dass das Buch grundlegender geschrieben worden wäre, da das Thema einen hohen Stellenwert hat. ━ 𝖥𝖠𝖹𝖨𝖳 ━ Eine tiefgründige Analyse, die verschiedene Perspektiven auf das Verbrechen der Vergewaltigung beleuchtet, dabei aber die volle Aufmerksamkeit von Leser*innen benötigt. 3,5 | 5 Sterne 🌟 _______________________ Buchige Grüße 📚📖, Jeanette.




