24. Dez.
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Bewertung:4

Ich habe Alice so verstanden. Diese Frau sagt einfach „Nö, nicht schon wieder" zu Weihnachten mit der Familie und haut ab – mit drei wildfremden Typen, die sich nach den Heiligen Drei Königen benennen. Das ist mutig, das ist radikal, und ehrlich gesagt: Das hat mich sofort gepackt. Alice antwortet auf diese kryptische Anzeige – "Mitreisende gesucht. Bring deinen Rucksack mit. Kein Lametta. C+M+B" – und wandert mit Balthasar, Melchior und Caspa durch die norddeutsche Winterlandschaft. Die vier suchen etwas, aber was genau, wissen sie selbst nicht so richtig. Unterwegs treffen sie auf einen einsamen Gastwirt namens Jockel, eine Busfahrerin, die gefühlt ewig ihren Bus durch leere Landschaften steuert, und einen Optiker. Sogar ein Wolf läuft mit. Was mich hier wirklich berührt hat: Diese Dialoge sitzen. Sie sind lustig, tiefgründig, manchmal absurd – aber immer ehrlich. Die Autorin lässt die Figuren nicht labern, sondern jedes Wort zählt. Gleichzeitig liegt über allem diese nachdenkliche, fast melancholische Stimmung, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das Buch macht was mit einem – aber man muss sich darauf einlassen. Die Geschichte rechnet gnadenlos ab mit dieser aufgeblasenen Weihnachtsmaschinerie. Alice will nicht mehr Teil des schlechtgelaunten Klischees sein, nicht mehr so tun, als wäre alles festlich und gemütlich, wenn innerlich längst alles hohl geworden ist. Das Buch zeigt: Wir sind eingesperrt in Routinen, Komfortzonen, falschen Versprechen. Die Kommerzialisierung hat aus Weihnachten ein Fest gemacht, das nie hält, was es verspricht. Was Alice und die anderen suchen, ist Sinn, echte Begegnung, Menschlichkeit. Und das findet man eben nicht unter Lametta, sondern auf Landstraßen, in Tierschuppen, im Gespräch mit Fremden. Ich gebe zu: Das Buch ist keine leichte Kost. Es ist eine kurze Erzählung, aber intellektuell anspruchsvoll. Man muss den tieferen Sinn erst sacken lassen, nachdenken, sich selbst Fragen stellen. Das Ende bleibt offen – bewusst. Sind sie angekommen oder ist das erst der Anfang? Die Geschichte gibt keine einfachen Antworten, sondern macht Raum für eigene Gedanken. Für mich war das eine Erfahrung, die nachhallt. Es geht um Einsamkeit, um den Mut, auszubrechen, um die Sehnsucht nach etwas Echtem in einer Welt voller Fake-Gemütlichkeit. Wer bereit ist, sich auf diese ungewöhnliche Reise einzulassen, bekommt eine Geschichte, die unter die Haut geht und noch lange nachwirkt.

Zur halben Nacht
Zur halben Nachtvon Susanne Niemeyeredition chrismon
6. Dez.
Bewertung:4

Eine kleine schöne Weihnachtserzählung

"Zur halben Nacht" ist im Grunde ein modernes Krippenspiel. Mit feiner leiser Sprache wird die Frage in den Raum gestellt, worum es der lesenden Person bei Weihnachten geht. Es handelt von einer, die ausbrechen will, einem alten Wirt auf Sinnsuche und mit schlechtem Gewissen, einem Optiker mit Heimat-Sehnsucht, einer Busfahrerin, die alle aufsammelt und natürlich drei Königen, diesmal aber in einer Art Sinnkrise. Es ist eine alte Geschichte in neuem Gewand. Von Träumen und Leben. Von Aufbruch ins Ungewisse und Niederlagen; aber niemals aufgeben. Ich glaub, jede Person kann aus dieser Erzählung etwas neues und anderes mitnehmen. Für mich ist es Rettung: Sehnsucht nach Rettung, Suche nach Rettung, aber Rettung nicht der Welt, sondern deines Lebens. Der Zweifel immer mit dabei und manchmal läufst du im Kreis. Und manchmal ist nicht der Weg das Ziel, sondern wirklich eben das, was er ist, der Weg zum Ziel. Achso: vielleicht geht es am Ende auch nur um den Wolf, der so gern bei den Schafen schlafen möchte. Lest selbst. Lese-Soundtrack: Weihnachtsmusik (natürlich)

Zur halben Nacht
Zur halben Nachtvon Susanne Niemeyeredition chrismon