Ich habe natürlich „Im Westen nichts Neues“ gelesen – irgendwann in der Schule, später noch einmal freiwillig. Die Bilder vom Stellungskrieg, vom sinnlosen Sterben, vom langsamen Zerbrechen junger Männer – all das ist mir vertraut. Und doch dachte ich, ich wüsste, was mich in einem weiteren Roman über den Ersten Weltkrieg erwartet. So dachte ich. Was Sebastian Barry in „Ein langer, langer Weg“ vorlegt, ist weit mehr als ein weiterer Antikriegsroman. Ja, es ist die irische Antwort auf Remarque – aber eine noch bitterere, noch grausamere. Denn hier tobt der Krieg nicht nur in den Schützengräben von Flandern, sondern zugleich im Inneren eines jungen Mannes, dessen Heimat sich gerade selbst zerreißt. Willie Dunne, kaum volljährig, klein von Statur, tritt 1914 den Royal Dublin Fusiliers bei – aus Pflichtgefühl, aus Bewunderung für seinen Vater, aus jugendlicher Naivität. Er zieht in einen Krieg, von dem er nichts versteht. Und Barry schildert diesen Krieg ohne jede Verklärung: Schlamm, Läuse, Gas, zerfetzte Körper, Kameraden, die am Morgen noch sprechen und am Abend nur noch Erinnerung sind. Der Tod ist allgegenwärtig und erschreckend beiläufig. Doch dann kommt das Jahr 1916. Während Willie in Belgien kämpft, erhebt sich in Dublin eine Gruppe irischer Republikaner gegen die britische Herrschaft – der Osteraufstand. Männer wie Patrick Pearse und James Connolly rufen eine irische Republik aus. Der Aufstand wird niedergeschlagen, seine Anführer hingerichtet. Und plötzlich steht Willie vor einer kaum lösbaren Frage: Für wen kämpft er eigentlich? Für das Empire – oder gegen sein eigenes Volk? Als seine Einheit zeitweise nach Irland verlegt wird, richtet sich das Gewehr nicht mehr nur auf „den Deutschen“, sondern potentiell auf Landsleute. Aus dem äußeren Krieg wird ein innerer. Loyalität zerbricht, Gewissheiten lösen sich auf. Willie gerät zwischen die Fronten – politisch, familiär, moralisch. Barry schreibt mit einer leisen, beinahe zärtlichen Sprache, die das Grauen nur umso härter wirken lässt. Keine großen heroischen Gesten, keine pathetischen Reden – nur das langsame Auseinanderbrechen eines jungen Menschen, der nichts weiter wollte, als das Richtige zu tun. Was dieses Buch so stark macht, ist genau diese doppelte Perspektive: Der Erste Weltkrieg als industrielle Vernichtung – und gleichzeitig der Beginn des irischen Unabhängigkeitskampfes. Die Geschichte der irischen Soldaten, die in britischer Uniform kämpften, während ihre Heimat nach Freiheit verlangte, ist bis heute ein wunder Punkt in der irischen Erinnerungskultur. Barry macht daraus Literatur. Ein erschütternder, kluger und zutiefst menschlicher Roman. Kein lautes Buch – aber eines, das lange nachhallt. Für mich: ein Highlight. Und definitiv ein Roman, der zeigt, dass Krieg niemals nur an einer Front geführt wird.
11. Feb.11. Feb. 2026
Ein langer, langer Weg (Steidl Pocket)von Sebastian BarrySteidl Verlag
