Literarisch hohes Niveau, das leider nicht berührt
Drei Männer werden auf ihrem einsamen Posten in der Antarktis von einem Sturm überrascht, einer stirbt, einer überlebt und einer erleidet einen Schlaganfall. Letzterem steht ein langer Weg in sein altes Leben bevor … ‚Stürzen - Liegen - Stehen‘ beginnt absolut großartig: Als Lesende wird man direkt hineingeworfen in den eisigen Sturm, dem die Forscher Luke und Thomas, sowie Expeditionsleiter Robert urplötzlich ausgesetzt sind. Sprach- und bildgewaltig beschreibt Jon McGregor, die atemberaubende Extreme des Wetters und der Natur, wie die drei Männer um ihr Leben kämpfen und nahezu genial erleben wir mit, wie Robert Sprache und Halt verliert, als der Schlaganfall ihn niederstreckt, im wahrsten Sinn des Wortes ein Geist in Auflösung. Das sind absolute hervorragende 90 Seiten. Dann folgen leider 200 Seiten gähnender Langeweile und das Buch hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem Klappentext zu tun. Der Rest des Romans handelt ausschließlich von der langsamen, mühevollen Rekonvaleszens Roberts, der schwer am Verlust seiner Fähigkeiten durch den Schlaganfall zu tragen hat. Seine Frau Anna muss ihre Karriere auf Eis legen, um ihn zu pflegen, was eine Ironie des Schicksals ist, hat sie ihn doch nur geheiratet, weil er einen großen Teil des Jahres in der Antarktis und ihr nicht im Weg war. Das alles ist auf beiden Seiten sehr realistisch beschrieben, das kann man dem Autor nicht absprechen, aber leider ohne den geringsten Spannungsbogen. Keinem aus der Familie kommt man irgendwie nahe, die ganze Grundstimmung ist furchtbar depressiv und trostlos. Im letzten Teil kommen Robert und Anna dann in eine Therapiegruppe und ja, der Autor spielt hier wieder ganz virtuos mit der Sprache. Kunstvoll, auf vielen Ebenen und Varianten. Literarisch auf ganz hohem Niveau. Aber dadurch, dass es nicht mehr den Hauch einer interessanten Grundgeschichte im letzten Teil gibt, wird die ganze Kunst ermüdend und nervtötend und man ist einfach froh, wenn man die letzte Seite geschafft hat. Jon McGregor mag ein versierter Autor sein, der es versteht mit Worten zu spielen, ja ganze Welten zu schaffen, wie der erste Teil eindrucksvoll zeigt. Aber für mich persönlich hat er als Autor versagt, da er es leider nicht schafft, damit eine Geschichte zu formen, die mir als Leserin am Schluss irgendeine Art von Mehrwert bringt.

