4. Nov.
Bewertung:2.5

Literarisch hohes Niveau, das leider nicht berührt

Drei Männer werden auf ihrem einsamen Posten in der Antarktis von einem Sturm überrascht, einer stirbt, einer überlebt und einer erleidet einen Schlaganfall. Letzterem steht ein langer Weg in sein altes Leben bevor … ‚Stürzen - Liegen - Stehen‘ beginnt absolut großartig: Als Lesende wird man direkt hineingeworfen in den eisigen Sturm, dem die Forscher Luke und Thomas, sowie Expeditionsleiter Robert urplötzlich ausgesetzt sind. Sprach- und bildgewaltig beschreibt Jon McGregor, die atemberaubende Extreme des Wetters und der Natur, wie die drei Männer um ihr Leben kämpfen und nahezu genial erleben wir mit, wie Robert Sprache und Halt verliert, als der Schlaganfall ihn niederstreckt, im wahrsten Sinn des Wortes ein Geist in Auflösung. Das sind absolute hervorragende 90 Seiten. Dann folgen leider 200 Seiten gähnender Langeweile und das Buch hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem Klappentext zu tun. Der Rest des Romans handelt ausschließlich von der langsamen, mühevollen Rekonvaleszens Roberts, der schwer am Verlust seiner Fähigkeiten durch den Schlaganfall zu tragen hat. Seine Frau Anna muss ihre Karriere auf Eis legen, um ihn zu pflegen, was eine Ironie des Schicksals ist, hat sie ihn doch nur geheiratet, weil er einen großen Teil des Jahres in der Antarktis und ihr nicht im Weg war. Das alles ist auf beiden Seiten sehr realistisch beschrieben, das kann man dem Autor nicht absprechen, aber leider ohne den geringsten Spannungsbogen. Keinem aus der Familie kommt man irgendwie nahe, die ganze Grundstimmung ist furchtbar depressiv und trostlos. Im letzten Teil kommen Robert und Anna dann in eine Therapiegruppe und ja, der Autor spielt hier wieder ganz virtuos mit der Sprache. Kunstvoll, auf vielen Ebenen und Varianten. Literarisch auf ganz hohem Niveau. Aber dadurch, dass es nicht mehr den Hauch einer interessanten Grundgeschichte im letzten Teil gibt, wird die ganze Kunst ermüdend und nervtötend und man ist einfach froh, wenn man die letzte Seite geschafft hat. Jon McGregor mag ein versierter Autor sein, der es versteht mit Worten zu spielen, ja ganze Welten zu schaffen, wie der erste Teil eindrucksvoll zeigt. Aber für mich persönlich hat er als Autor versagt, da er es leider nicht schafft, damit eine Geschichte zu formen, die mir als Leserin am Schluss irgendeine Art von Mehrwert bringt.

Stürzen Liegen Stehen
Stürzen Liegen Stehenvon Jon McGregorLiebeskind
23. Sept.
Bewertung:5

Jon McGreogrs Roman entfaltet eine sprachliche Wucht, die die eigentliche Geschichte fast in den Hintergrund treten lässt. Erwartet hatte ich einen recht klassischen Abenteuerroman, bei dem die Aufklärung eines Unglücks in einer Forschungsstation aufgeklärt werden soll, bekommen habe ich eine mitreißende, atemlose Ausgangssituation, eine Mittelsequenz, die ein Frauenschicksal zentral setzt und dabei auch die Geschichte einer Ehe erzählt, und einen Schlussteil, der vom Kampf zurück ins Leben berichtet. Über allem schwebt Robert Wrights Schlaganfall, seine Bedingungen, seine Auswirkungen, sein Heilungsweg. So wenig ansprechend vielleicht die Story einer Erkrankung in der Literatur sein mag, dieser Roman verdient es gelesen zu werden – aber eben gerade nicht wegen seiner Handlung. Die ist nämlich (abgesehen vom ersten Teil) gar nicht mal besonders interessant, aber das was McGregor daraus macht, ist erstens ein Geschenk an alle Leser und zweitens ganz große Handwerkskunst. Der Roman brilliert auf der sprachlichen Ebene und sorgt für eine fabelhafte Symbiose zwischen Inhalts- und Diskursebene. Hier passt die erzählerische Vermittlung so gut zum Inhalt, dass nicht einmal mehr das sprichwörtliche Blatt Papier dazwischen passt. McGregor fächert seine Erzählweise multiperspektivisch auf, er springt von Fokalisierungsinstanz zu Fokalisierungsinstanz, ohne auch nur an einer Stelle den Leser zu verwirren. Das ist abwechslungsreich zu lesen, mitreißend, faszinierend und lässt einen ganz nah am Geschehen teilhaben. Er versteht das Spiel mit den Gedanken, besonders im Mittelteil, wenn Annas Perspektive sehr lange im Fokus steht, gelingt ihm dies außerordentlich gut. Die Limitierung des eigenen Lebens durch die Krankheit eines Angehörigen wird hier perfekt dargestellt, dazu schafft er es auch glaubhaft die überforderte Gefühlslage auf sehr zurückgenommene Weise für den Leser spürbar, wenn nicht sogar erfahrbar, zu machen. Texte schaffen es nicht oft, so überzeugend Gefühle zu transportieren. Dabei gibt es bei McGregor keinen sprachlichen Überfluss, jedes Wort sitzt und entfaltet seine Wirkung. Auch die Imitation der kognitiven Einschränkungen Roberts gelingt dem Autor hervorragend. Der allmähliche Verlust der Ausdrucksfähigkeit, das Leben im Schweigen und die mühsame Rückeroberung des Verstandenwerdens durch andere Formen der Kommunikation ist begeisternd, überzeugend und bis ins letzte Detail durchdacht. Die Figuren sind, auch wenn sie manchmal nur kurz auftreten, allesamt gut gezeichnet. Selbst wenn man von einigen nur eine Seite der Persönlichkeit kennenlernt, ist diese schon weitreichend und authentisch angelegt. Jede Figur bekommt von McGregor Leben eingehaucht. Ein großartiger, sprachlich faszinierender, einfach fabelhafter Roman, interessant und mitreißend, der zeigt, was Sprache kann.

Stürzen Liegen Stehen
Stürzen Liegen Stehenvon Jon McGregorLiebeskind