12. Apr.
»Ich weiß, dass ich anders als viele hier bin, aber ich bin nicht seltsam. Ich bin kein Spiegel fremder Vorstellungen und auch kein nettes Abenteuer. Ich bin ich.«
Bewertung:5

»Ich weiß, dass ich anders als viele hier bin, aber ich bin nicht seltsam. Ich bin kein Spiegel fremder Vorstellungen und auch kein nettes Abenteuer. Ich bin ich.«

Julia ist die Tochter eines schwarzen, amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs und einer deutschen Frau. Als ihr Vater nach Korea in den Krieg muss, gilt er als vermisst und kehrt nicht zurück. Ihre Mutter wartet auf ihn, lässt sich jedoch einige Jahre später auf eine neue Beziehung ein und stirbt während eines Autounfalls. Zurück bleibt Julia, die nun bei ihrer Oma Berta lebt und von ihr liebevoll beim Erwachsenwerden begleitet wird. Schon von früh auf wird sie mit Ausgrenzung konfrontiert, insbesondere dem N-Wort und anderen verbalen Beschimpfungen. Auf dem Gymnasium sei kein Platz für sie, weshalb sie erstmal auf die Mittelschule gehen muss. Eine neue Mitschülerin lädt sie zu ihrem Geburtstag nach Hause ein und als sie fragt, ob sie zu früh sei, antwortet diese, dass die anderen bereits gestern da waren und betitelt sie noch an der Tür als „Affen“. Dass solche rassistischen und diskriminierenden Beleidigungen anschließend meist als „Spaß“ abgetan werden, wird ebenfalls thematisiert. Als sie älter wird nehmen diese rassistischen Äußerungen nicht ab, stattdessen wird ihr Äußeres nun als exotisch angesehen. Für weiße Männer scheint sie zu schwarz und für schwarze zu weiß. Der Roman ist eher episodenhaft erzählt. Dementsprechend hätte ich mir manchmal etwas mehr Tiefe durch ausführlichere Schilderungen und weniger schnelle Wechsel gewünscht. Nichtsdestotrotz sollte dieser Roman nicht nur gelesen, sondern meiner Meinung nach zu den modernen Klassikern gezählt werden. Schließlich ist die Geschichte, welche uns Marion Kraft erzählt, eine bisher viel zu wenig beachtete Episode unserer Zeitgeschichte. Und leider trotz allem nicht nur Teil der Vergangenheit, sondern auch immer noch der Gegenwart. Durch diesen Roman erlebt man als Leser*in wahrhaftig einen „Weltenwechsel“ und wie Rassismus sich gemäß einem Netz über die Betroffenen legt und ein eigenständiges Entkommen unmöglich erscheint – denn das Problem ist ein gesellschaftliches.

Weltenwechsel
Weltenwechselvon Marion KraftOrlanda Verlag GmbH
27. Jan.
Bewertung:2.5

Ein Nachkriegskind mit schwarzer Hautfarbe

Marion Kraft ist eine afrodeutsche Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Übersetzerin und Dozentin, sie lehrt und forscht zu Rassismus, Schwarzer Literatur, Feminismus und der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Kraft ist seit vielen Jahren in der antirassistischen und feministischen Szene Deutschlands aktiv. Sie übersetzte Texte von vielen, bekannten schwarzen Autorinnen, unter anderem Toni Morrison und publizierte mehrere Sachbücher und Essays. Mit „Weltenwechsel“ veröffentlicht sie ihren ersten Roman. Julia ist das Kind von Margarete und Robert, einem schwarzen GI, der im Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert war. Als der Koreakrieg beginnt, wird Robert, der in den USA verheiratet ist, versetzt. Margarete muss nun alleine klarkommen und hätte sie nicht die Unterstützung ihrer fantastischen Mutter Bertha, wäre sie mit ihrer Tochter wahrscheinlich gescheitert. Julia wächst er wie ein typisches deutsches Nachkriegskind auf. Aber ihre Hautfarbe ist ein Thema. Ob Lehrer, Mitschüler oder spätere Arbeitgeber, immer wieder muss sie rassistische Erfahrungen machen. Ihren unbändigen Willen nach Autonomie bricht das nicht. Sie lebt mit ihrer Großmutter am Rande des Existenzminimums. Ihre Intelligenz und der von Ehrgeiz angetriebene Fleiß bringen sie aber irgendwann doch an die Uni. Es gibt bestimmt viele Parallelen zu Marion Krafts Leben. Vermutlich haben Protagonistin und Autorin ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Roman ist atmosphärisch und gibt den Stil und die Lebensweise im Nachkriegsdeutschland bis weit hinein in die 70er Hahre sehr authentisch wieder. Berta ist mir dabei richtig ans Herz gewachsen. Stilistisch wirkt die Handlung allerdings sehr gehetzt. Vieles bleibt an der Oberfläche und wirkt durchgängig berichthaft und statisch. Man bekommt wirklich sehr detailliert mit, wie es Julia ergangen ist, als wären Tagebuch Einträge in eine Romanform gepresst worden. Aber sobald sie eine Wendung oder ein Schicksalsschlag ereilt, wird das abrupt abgehakt. Einen Spannungsbogen kann man kaum erkennen. Julia kam mir zwar nah, doch hatte ich das Gefühl, dass ich nicht lange bei ihr und ihren Gedanken bleiben darf, sondern es direkt zur nächsten Handlung weitergeht. Das ging dann zur Lasten der Atmosphäre, die Raum und Zeit braucht. So reiht sich Lebensabschnitt an Lebensabschnitt, Jahrzehnt an Jahrzehnt und obwohl die Geschichte von Julia eine wichtige Blaupause liefert, bleibt das Ergebnis sehr blass. Ich befürchte, dass mir vieles nicht lange in Erinnerungen bleiben wird Wenn ihr aber eine schnell erzählte deutsche Geschichte mit einer Protagonistin lesen möchte die sich durch ihre Hautfarbe von anderen Mädchen unterscheidet, und auf tiefere Einblicke nicht so viel Wert legt dann empfehle ich euch dieses Buch.

Weltenwechsel
Weltenwechselvon Marion KraftOrlanda Verlag GmbH