27. Aug.
Bewertung:4.5

Puh, dieses Buch ist echt hart zu lesen. Sprachlich ist es einfach zugänglich, aber der Inhalt hat es in sich. Erzählt wird die Geschichte von drei jungen fulbischen Frauen: Ramla, Hindou und Safira. Ramla und Hindou sind Geschwister, haben den gleichen Vater und werden beide zwangsverheiratet. Ramla ist 17, geht zur Schule, hat von all ihren Schwestern die höchste Schulbildung und möchte mehr als nur die Frau eines Mannes sein. Sie möchte gerne studieren und so ist sie überglücklich, als der Freund ihres Bruders Aminou um ihre Hand anhält. Aminou selbst studiert in Tunis und scheint genau der richtige Partner für ihre Zukunftspläne - er wird Ingenieur auf der Universität in Tunis und sie Apothekerin. Doch der Traum währt nicht lang. Eines Tages kommt ein wichtiger Geschäftspartner ihres Vaters und hält um ihre Hand an. Ihr Vater sagt zu und so muss Hindou ihre Träume aufgeben und die Zweitfrau von Alhadji Issa werden. Dieser ist schon mit Safira verheiratet, einer fünfunddreißigjährigen Frau, die ihren Alhadji Issa liebt und geschockt ist von der Tatsache, dass ihr geliebter Ehemann die monogame Beziehung aufgegeben hat. Sie ist eifersüchtig und schmiedet Pläne, wie sie die junge und hübsche Ramla loswerden kann. Und dann ist da noch Hindou, die ihren Cousin Moubarak heiraten muss. Einen frustrierten jungen Mann, der dem Alkohol, Drogen und Frauen verfallen ist. Alle drei Frauen bekommen den Ratschlag, sich in „Geduld! Munyal!“ zu üben. Denn Geduld ist eine Tugend und Gott liebt die Geduldigen. Das war echt harter Stoff. Erzählt werden die drei Geschichten einzeln. Jede Frau hat ca. 60 Seiten, in denen sie ihre Perspektive erzählen kann. Mich haben die patriarchalen Strukturen und die Unterwerfung der Frauen so stark getriggert, dass ich rasend vor Wut wurde. Es war für mich so schwer, zu lesen, wie unter den Frauen Misstrauen, Hinterhalt und Unmut herrschen, nur um ihre eigenen Kinder zu schützen und gut vor dem Mann dazustehen. Für mich als Europäerin eine unvorstellbare Lebensperspektive. Die Frau dient nur dem Mann, muss sich diesen auch noch teilen, da die meisten Ehen polygam sind, und immer ist die Frau für alles verantwortlich, selbst wenn sie von ihrem Ehemann geschlagen wird. Ein Buch, das nur 176 Seiten hat, aber so viel in mir bewirkt hat. Ganz viel Liebe für alle Frauen, die so aufwachsen und leben müssen. S.56 „Der Mann liegt immer richtig, er hat alle Rechte und wir alle Pflichten. Ist die Ehe ein Erfolg, ist es unserem Gehorsam, unserem guten Charakter und unseren Kompromissen zu verdanken; scheitert sie, ist es allein unsere Schuld. Und die logische Folge unseres schlechten Verhaltens, unseres fürchterlichen Charakters, unserer Aufsässigkeit. Kurz: munyal, Geduld angesichts von Prüfungen, Leid und Kummer.“ S.111 „Alle Frauen werden dich im Visier haben. […] Es reicht, dass du auch nur eine Sekunde schwach wirst, und deine Mitfrau wird für immer die Oberhand haben. Für eine Frau gibt es keinen schlimmeren Feind als eine andere Frau!“

Die ungeduldigen Frauen
Die ungeduldigen Frauenvon Djaïli Amadou AmalOrlanda Verlag GmbH
25. Jan.
Bewertung:5

Unterwerfung Djaïli Amadou Amal verarbeitet in ihrem Roman „Die ungeduldigen Frauen“ teils Selbsterlebtes aus ihrem Heimatvolk der Fulbe im Norden Kameruns. Bei den Fulbe gibt es große Familienclans, ein ausgeprägtes Patriarchat, in dem die Frauen gnadenlos unterdrückt werden. Wie dieses perfide System funktionieren kann, ohne dass sich die Frauen solidarisieren, zeigt dieses Buch an Hand des Schicksals dreier Frauen auf, die in dem Roman jeweils eine eigene Stimme bekommen haben. Ramla ist zunächst glücklich, weil sie zu den wenigen Mädchen gehört, die die Schule beenden darf, bevor der Vater sie verheiratet. Sie träumt davon Apothekerin werden zu können und den Mann zu heiraten, den sie liebt. Diesem Mann ist Ramla schon versprochen, als ein Onkel sich einmischt und ihren Vater überzeugt seine Tochter einem wesentlich älteren Geschäftspartner als Zweitfrau zu überlassen. Ihr Vater stimmt zu und Ramla hat sich zu fügen. Von Kindesbeinen an hören die Mädchen von ihren Müttern und männlichen Verwandten, dass sie sich den Männern unterwerfen müssen, die sie versorgen und beschützen. Fügen sich die Mädchen nicht in ihr Schicksal und sind ungehorsam werden nicht nur die Mädchen bestraft sondern auch ihre Mütter, die sie nicht ordentlich erzogen haben. Das Buch weckt vielerlei Emotionen und macht vor allem wütend. Neben der Geschichte von Ramla erfahren wir noch von dem Leidensweg ihrer Schwester Hindou, die mit ihrem gewalttätigen Cousin verheiratet wird. Die Hoffnung der Großfamilie, dass sich der nichtsnutzige zum Drogenkonsum neigende Schläger in der Ehe bessert, erfüllt sich natürlich nicht. Die dritte Frau, die porträtiert wird ist die Hauptfrau von Ramla‘s Ehemann, die ihre Rivalin missgünstig beobachtet und sie so schnell wie möglich wieder aus dem Haus jagen möchte.

Die ungeduldigen Frauen
Die ungeduldigen Frauenvon Djaïli Amadou AmalOrlanda Verlag GmbH
17. Mai
Frauen ohne Stimme. Vom Leben in Angst und ständiger Unterdrückung.
Bewertung:4

Frauen ohne Stimme. Vom Leben in Angst und ständiger Unterdrückung.

📌 "Das Paradies einer Frau liegt zu Füßen ihres Mannes." (S. 16) 📌 "In der Ehe geht es nicht nur um Gefühle! Im Gegenteil! Es geht um die Vereinigung von zwei Familien. Es geht um Ehre, Verantwortung, Religion - und um noch viel mehr." (S. 37) 📌 "Heirate nicht den, den du liebst. Wenn du glücklich sein willst, heirate den, der dich liebt." (S. 40) Das Buch gliedert sich in drei Teile. In jedem Abschnitt schildert eine der Frauenfiguren ihre Geschichte. Ramla, 17 Jahre, wird mit Alhadji Issa, einem deutlich älteren und einflussreichen Mann (zwangs-)verheiratet, den sie überhaupt nicht kennt und der zudem bereits verheiratet ist. Diese Auswahl trifft ihr Onkel. Hierbei geht es nicht um Gefühle oder gar Liebe, sondern um Ruhm und Anerkennung für die Familie. Ihre Meinung zählt nicht. Hindou, 15 Jahre, wird mit ihrem gewalttätigen Cousin Moubarak (zwangs-)verheiratet. Regelmäßige Vergewaltigungen gehören von nun an zu ihrem Alltag. Doch "In der Ehe gibt es keine Vergewaltigung!" (S.69) Für Hindou bedeutet dies von nun an ein Leben in Angst und ständiger Unterwerfung. Safira, 35 Jahre, die Erstfrau von Alhadji Issa, hat jahrelang den Platz an seiner Seite für sich allein beanspruchen können, bis Ramla ins Haus geholt wird. Sie fühlt sich vom Thron verstoßen und neidet der Jüngeren ihren Platz, obwohl diese ihn gar nicht will. Mit aller Macht will sie ihren Platz zurückerobern, koste es was es wolle. Die drei Mädchen/Frauen haben in ihrem Kulturkreis, keine Chance, sich offensiv gegen die Entscheidungen der männlichen Familienoberhäupter zu behaupten, denn Frauen haben keine Meinung (zu haben). Was der Mann sagt ist Gesetz, die Frau hat zu gehorchen. Aber auch hier beginnt es, wenn auch nur langsam hinter dem Rücken der Männer zu brodeln. Was hierzulande undenkbar erscheint und einen nach dem lesen fassungslos und aufgewühlt zurück lässt, ist leider anderswo - hier war es Kamerun - auch heute noch bittere Realität, so hat die Autorin in diesen fiktiven Schilderungen auch auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen/zurückblicken können.

Die ungeduldigen Frauen
Die ungeduldigen Frauenvon Djaïli Amadou AmalOrlanda Verlag GmbH