7. Mai
Ein Debütroman, der zugleich Satire, Tragödie sowie Gesellschafts- und Historienroman ist. Großartig.
Bewertung:4

Ein Debütroman, der zugleich Satire, Tragödie sowie Gesellschafts- und Historienroman ist. Großartig.

Max Gross gelingt mit seinem Roman "Das vergessene Schtetl" ein bemerkenswerter Spagat zwischen zwei Formen des Humors. Während der klassische Witz auf eine überraschende Pointe abzielt, zeichnet sich der jüdische Witz - ein feststehender Begriff - oft durch Selbstironie, Bitterkeit und eine reflektierte Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen aus. Genau hier setzt Gross an: Mit großer Wortkunst, feinem Gespür für Timing und beeindruckendem Wissen über jüdische Religion, Kultur und die jiddische Sprache erzählt er eine ebenso originelle wie kaum vorstellbare Geschichte. Im polnischen Hinterland liegt das abgelegene jüdische Dorf Kreskol, ein "Schtetl" mit rund 2000 Einwohnern, das über Jahrzehnte hinweg von der Außenwelt isoliert geblieben ist. Strom, fließendes Wasser und Autos sind dort unbekannt, und auch der Holocaust ist spurlos an diesem Ort vorbeigegangen. Erst als ein Ehestreit eskaliert und die Beteiligten plötzlich verschwinden, wird der junge Jankel Lewinkopf ausgesandt, um Nachforschungen anzustellen. Was folgt, ist zunächst eine ebenso humorvolle wie bissige Schilderung seiner Begegnungen mit der modernen Welt. In dieser ersten Hälfte erinnert der Roman stellenweise an Werke wie Timur Vernes' Er ist wieder da, eine satirische Perspektive auf das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart. Doch zur Mitte hin kippt die Stimmung spürbar. Mit Jankels Rückkehr erreicht auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts das Dorf. Die Bewohner sehen sich plötzlich mit Krieg, Verfolgung und dem unfassbaren Verbrechen des Holocaust konfrontiert, also Ereignissen, die sie weder einordnen noch begreifen können. Gross beschreibt eindringlich die Sprachlosigkeit und Überforderung einer Gemeinschaft, die schlagartig mit einer Realität konfrontiert wird, die ihre bisherige Welt völlig infrage stellt. So entsteht ein Debütroman, der zugleich Satire, Tragödie sowie Gesellschafts- und Historienroman ist. Max Gross gelingt es, humorvoll zu erzählen, ohne ins Banale abzurutschen, und aufklärerisch zu wirken, ohne jemals belehrend zu sein.

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag
6. Apr.
Bewertung:3

„Das vergessene Schtetl“ von Max Gross ist ein ungewöhnlich hybrider Roman, der zwischen Schelmenstück, historischer Parabel, Gesellschaftssatire und leiser Tragödie pendelt. Seine größte Stärke liegt in der originellen Grundidee und dem klugen Spiel mit jüdischem Humor – seine Schwächen zeigen sich dort, wo der Ton erzählerisch schwankt oder die Konstruktion etwas sichtbar wird. Insgesamt bleibt es ein sehr lesenswertes, eigenwilliges Debüt, das lange nachhallt. Das vergessene Schtetl erzählt von Kreskol, einem winzigen jüdischen Dorf in Osteuropa, das durch eine Mischung aus Zufall, Isolation und politischer Gleichgültigkeit über Jahrzehnte völlig von der Außenwelt abgeschnitten blieb. Die Bewohner leben weiterhin wie im 19. Jahrhundert, ohne moderne Technologie, ohne Wissen über den Holocaust und ohne Kontakt zu den Staaten, die sie umgeben. Als Kreskol zufällig entdeckt wird, reagiert die moderne Welt mit Faszination, Bürokratie und Überforderung. Die Bewohner müssen sich plötzlich mit Nationalstaaten, Medien, Wissenschaft und einer globalisierten Gegenwart auseinandersetzen. Besonders im Mittelpunkt stehen drei Figuren, die auf unterschiedliche Weise versuchen, ihren Platz zwischen Tradition und Moderne zu finden.

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag
19. Jan.
🏘️🕎 Skurril, ernst, liebenswert.
Bewertung:4.5

🏘️🕎 Skurril, ernst, liebenswert.

"»Nein, Rabbi Sokolow«, sagte Jankel zu allen, die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten. »Dieser Mann ist nicht der Messias. Das Ende der Tage ist bereits gekommen und wieder gegangen. Wir haben es verpasst.«" Kreskol: Ein Ort irgendwo in Polen, der irgendwie vergessen wurde. Seine jüdischen Bewohner wissen nichts von Weltkriegen und nichts vom Holocaust. Bis eines Tages eine Frau verschwindet und ein junger Mann losgeschickt wird, um sie zu suchen... Oh, was habe ich hier gelesen? Was am Anfang recht lustig losgeht, wird im Laufe der Geschichte durchaus tragisch. Denn plötzlich sieht sich die vergessene Stadt konfrontiert mit der Neuzeit, mit all dem Schauderhaften, das im letzten Jahrhundert geschehen ist und mit den Schwierigkeiten, die das moderne Leben mit sich bringt. Dazwischen ist "Das vergessene Schtetl" auch irgendwie Liebesgeschichte und erzählt von menschlichen Abgründen und großen Gefühlen. Das Lachen vom Anfang bleibt dem Leser im Halse stecken und trotzdem verliert der Roman von Max Gross nicht seinen feinen Humor und erst recht nicht seine Herzlichkeit. Zwischendurch haben mich die verschiedenen zeitlichen Ebenen manchmal ein bisschen verwirrt, was aber eben auch daran lag, dass Kreskol so aus dem Rahmen fällt. Das Ende hat mich erst ein bisschen enttäuscht, aber im Nachhinein betrachtet ist es so viel stimmiger als ein märchenhaftes Happy End. Klare Leseempfehlung von mir! "Weder die Perser noch die Griechen noch die Römer noch die Spanier noch die Kosaken waren jemals zu einem solchen Irrsinn fähig gewesen. Es schien unmöglich, dass so etwas in der heutigen Zeit passieren konnte, und nur wenige Kilometer entfernt. (...) »Aber Sie können nicht nach Brzesko zurück«, sagte Rabbi Sokolow. »Wenn das, was Sie sagen, wahr ist, gibt es in Ihrem Dorf keine Juden mehr.« Es war eine traurige Feststellung. Sie war umso bewegender, da Spektor, der alles so nüchtern und sachlich wiedergegeben hatte, von ihr schockiert wirkte; als habe er diese offensichtliche Wahrheit noch nie in Betracht gezogen."

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag
24. Dez.
Bewertung:4.5

Was für eine Idee!

/⃨ D⃨a⃨s⃨ v⃨e⃨r⃨g⃨e⃨s⃨s⃨e⃨n⃨e⃨ S⃨c⃨h⃨t⃨e⃨t⃨l⃨ /⃨/⃨ M⃨a⃨x⃨ G⃨r⃨o⃨s⃨s⃨ /⃨ Ich kann eine sehr große Freude mit äußerlich schönen oder außergewöhnlichen Büchern haben. Und wenn sie mich dann auch noch inhaltlich überzeugen, bekommen sie einen Platz in meinem Lieblingsregal. Das hier ist der neue Mitbewohner in eben diesem! Ein jüdisches Schtetl mit weniger als 2000 EinwohnerInnen, sehr abgelegen in den polnischen Wäldern, ein Leben wie im 19. Jahrhundert. Ja und dann eskaliert ein Ehestreit und das Städtchen wird ins 21. Jahrhundert katapultiert... Neben der spannenden Geschichte um die verschwundene Frau, die dann zu einem ganz schön wilden Krimi wird, sind es vor allem die geschickt im Text verpackten Erklärungen über jüdisches Leben, Brauchtum und Gesetz, die dieses Buch so besonders machen. Und natürlich schwebt über allem - manchmal ganz konkret formuliert, manchmal subtil - die Erfahrung des Holocaust. Die Ungläubigkeit derer, die erst so viel später davon erfahren, die teils erschreckend unangemessenen Versuche, es als nicht mehr relevantes Vergangenes darzustellen, und dann die grausam reale Gefahr, dass sich Muster wiederholen. Es mag vielleicht sprachlich nicht herausragend sein, aber ich finde die Idee so genial und diese Mischung aus Satire, komplett Verrücktem, Lerneffekt und grausamer Realität ist gigantisch. Ganz klare Empfehlung von mir!

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag
28. Apr.
Bewertung:4

Mitten im ostpolnischen Urwald gibt es ein Dorf namens Kreskol, das jede Verbindung zur Außenwelt schon vor knapp 100 Jahren gekappt hat. Die Zeit ist in Kreskol damit stehengeblieben, es gibt keine Technik, die Menschen leben sehr ursprünglich und die größte Besonderheit: es ist ein jüdisches Schtetl, wie es vor dem Holocaust viele im östlichen Europa gab. Und heute leider gar nicht mehr. Außer eben in diesem Buch von Max Gross, dort überlebt das Schtetl Kreskol weil seine Existenz schlicht und einfach vergessen wurde. Die Geschichte bginnt mit einer Ehekrise eines jung verheirateten Paares, woraufhin erst die Frau und anschließend der Mann Reißaus nehmen. Krekols Rabbiner beschließen, dass ein weniger wertvolles Gemeindemitglied losgeschickt werden soll, um nach den beiden in den endlosen Wäldern um Kreskol zu suchen. Und so tritt die Hauptfigur ins Geschehen, der liebenswürdige aber wenig angesehene Bastard und Bäckergehilfe Jankel. Statt auf die vermissten, trifft Jankel auf eine Welt, die sich in den letzten Jahrzehnten im Gegensatz zu Kreskol rasant weiterentwickelt hat... Thematisch ist das Buch wirklich innovativ und spannend. Ich bin gern in dieses jüdische Schtetl und die Vorstellung eingetaucht, etwas von der jahrhundertealten Schtetl-Kultur könnte den Holocaust überlebt haben. Man lernt jüdische Bräuche und Wörter der jiddischen Sprache kennen. Und irgendwie ist es auch eine Kritik an unserer heutigen Gesellschaft, am Massenkonsum und an unserer Schnäppchenmentalität, das hat mir sehr gefallen. Der Anfang und das Ende waren durchaus spannend erzählt, nur dazwischen hat es sich leider manchmal gezogen. Es ist sehr berichtend: "Am nächsten Tah geschah dies, am folgenden Tag geschah das...". Insgesamt hätte die Geschichte entweder etwas kompakter sein können, oder hätte auf den 400 Seiten einfach einen stringenteren Spannungsbogen benötigt. Im Großen und Ganzen habe ich das Buch aber gern gelesen und kann es auf jeden Fall weiterempfehlen!

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag
7. Nov.
Bewertung:3

Zum Glück der Isolation

Oy vey, ist die Welt gerade schlecht! Mir ist, wie wahrscheinlich vielen von Euch, nach verkriechen zu mute. Gäbe es doch einen Platz auf Erden, indem man gemütlich und feudal leben könnte und der abgeschnitten wäre vom ganzen wahnsinnigen Rest der Welt. So ein Ort wie Kreskol, der tief in den polnischen Wäldern schlummert und seit sehr langer Zeit nicht mehr mit der restlichen Zivilisation verbunden ist. Die Bewohner haben keine Ahnung von nichts: Kein fließend Wasser, kein Internet, keine Ahnung, ob Pepsi oder Coca-Cola besser ist und den Holocaust haben sie auch nicht mitbekommen. Da verschwindet eine Bewohnerin, Pescha, die die Trennung von ihrem Mann will und auch der ist plötzlich nicht mehr auffindbar. Handelt es sich hier um ein Verbrechen? Kurz entschlossen entscheiden die Rabbiner Jankel Lewinkopf los zu schicken, um Kontakt zur polnischen Polizei und Regierung zu knüpfen und den Fall zu klären. Der ward schnell vergessen. dabei erlebte er gerade das Abenteuer seines Lebens. Er kommt in einer Welt an, in der er die Sprache nicht versteht, er kann ja nur jiddisch und in dem man ihm nicht glaubt, was er da von sich gibt. Also landet er in einer Psychatrie, doch nach drei Monaten ist man endlich gewillt ihm zu vertrauen und mit großem Brimborium und einigen Helikoptern landet man in Kreskol und verbindet es mit der Realität. Ihr könnt euch denken - die Bewohner des Dorfes müssen nun von der Pike auf lernen, was es bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein. Dass das nicht ganz reibungslos geht und auch die Außenwelt nicht immer sensibel mit den Einwohnern umgeht, versteht sich von selbst. Das führt zu sehr lustigen aber auch befremdlichen Situationen. Nicht nur einmal bekommen wir den Spiegel vorgehalten mit unserer Lust auf Sensation und Exotischem. Medien und Bürokratie machen einfach, was sie wollen, und bringen die Dorfbewohner an den Rand der Verzweiflung. Umgekehrt übrigens auch! Wir leben also einen sensationellen Aufstieg des kleinen Ortes – aber wenn etwas sehr weit oben ist, kann es bekanntermaßen auch tief fallen. Ich wurde sofort gut unterhalten von dieser besonderen Plot-Idee. Nach etwa 100 Seiten schlich sich aber die ein oder andere Länge ein. Manches schien sich zu wiederholen, wie zum Beispiel die Gegenwart von Bordellen. Anderes wiederum wurde nicht ausreichend geklärt. Die Liebesgeschichte hätte es meinem empfinden nach nicht gebraucht, sie hat keinen wirklichen Anfang und kein wirkliches Ende und hat mich auch nicht wirklich berühren können. Die Auseinandersetzung aber mit der Realität, beziehungsweise mit der Tatsache, dass es dort ganz nah vor unserer Nase einen Ort gibt, der von nichts eine Ahnung hat, ist ziemlich gut gelungen. Besonders gut, hat mir die Figurenzeichnung gefallen, wenn es auch auch ein paar zu viele waren. Und besonders toll fand ich die Fußnoten, die dem genreübergreifenden Roman auch einen großen Lerneffekt hinzufügen. Es war wie ein kleiner Ausflug in die jüdische Geschichte und deren Merkmale und Worte. 150 Seiten weniger und es wär ein Highlight geworden. So ist es aber immer noch ein außergewöhnliches und unterhaltendes Buch mit einer Geschichte, die man nicht so häufig hat. Wer also das Besondere sucht, ist hier mit dem vergessenen Schtetl beraten.

Das vergessene Schtetl
Das vergessene Schtetlvon Max GrossKATAPULT Verlag