21. Dez.
Bewertung:4

Dieses Buch erinnert stark an Atwoods "Der Report der Magd", jedoch nicht so, dass es einem (bzw. mir) als geklaut vorkommt. Eher habe ich es so betrachtet, dass beide Geschichten im selben Universum spielen, ähnlich wie bei Glukhovskys Metroversum. Während Atwood die Zustände im Westen darstellt, ist Bina Shas Geschichte eher auf dem asiatischen Kontinent (Pakistan) verhaftet ist. Wenn man vom Grundkonzept absieht, geht Bina Shah ansonsten ganz eigene Wege, sodass ich dieses Buch auch jenen empfehlen kann, die mit der Magd vielleicht etwas Mühe hatten, sich aber mit dem Thema beschäftigen möchten. Shah benutzt einen komplett anderen Schreib- und Erzählstil. Zugegeben, vom Lesefluss her gefiel mir dieser Titel ein ganzes Stück besser als Atwood.

Die Geschichte der schweigenden Frauen
Die Geschichte der schweigenden Frauenvon Bina ShahGolkonda Verlag
22. Aug.
Bewertung:3

Die Geschichte der schweigenden Frauen ist zwar ein Roman, den man zur feministischer Literatur zählen kann. Gleichzeitig wirkt er aber inhaltlich weit hinter dem zurück, was gerade auch der zeitgenössische Feminismus in Europa und Deutschland diskutiert. Die Frauen des Romans sind zwar in eine Welt geworfen in der sie von Männern unterdrückt werden, aber brechen letztendlich kaum aus den vorgegebenen Rollenmustern aus. Im Gegenteil, viele Setzungen über Frauen, übernehmen sie trotzdem und hinterfragen sie nicht. Der Blickwinkel ist vor allem auf die Benutzung des Körpers von Frauen gerichtet. Nicht aber auf die Frage ob die Einteilung von 2 Geschlechtern diese Setzungen nicht erst möglich macht oder verstärkt. Die Handlung war insgesamt sehr auf die Frage von Liebe und Zuneigung zwischen Mann und Frau ausgelegt und hinterfragt die gesellschaftliche Entwicklung im Roman, in der Frauen mehr als einen Ehemann haben müssen um so viele Kinder wie möglich zu "produzieren". Der Körper von Frauen wird nur unter diesem Aspekt wahrgenommen und betrachtet. Die Wünsche der Frauen werden ansonsten ignoriert. Ihre Bildung wird nur auf die Rolle als Hausfrau und Mutter ausgelegt. Weiter geht dieses hinterfragen aber nicht. Gerade das binäre Geschlechterrollendenken hat mich gestört und auch, das insgesamt immer wieder alles darauf abzielte, das es trotzdem eine Art Gesetzmäßigkeit gibt wie Frauen und Männer eben seien. Spannend war für mich persönlich eigentlich nicht so sehr die etwas vorhersehbare Handlung, sondern der Backround und die Möglichkeit eine pakistanische Autorin zu lesen. Nur so können wir alle wirklich in einen Dialog treten und verschiedene Stimmen zu feministischen Themen sollten meiner Meinung nach auch nicht so zaghaft übersetzt werden.

Die Geschichte der schweigenden Frauen
Die Geschichte der schweigenden Frauenvon Bina ShahGolkonda Verlag
23. Sept.
Bewertung:5

Green City in einer fernen Zukunft. Der Ausbruch eines Virus hat ein großes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen geschaffen. Um die Gesellschaft zu erhalten, macht der Staat es zur Pflicht für die Frauen, ihr Leben völlig in den Dienst der Reproduktion zu stellen. Sie gehen nicht mehr arbeiten und haben mehrere Gatten, mit denen sie so viele Kinder wie möglich produzieren. Es ist ein hartes und grausames Leben, das diese Frauen führen, aber unter ihnen gibt es auch Rebellinnen, die sich gegen die Obrigkeit auf ihre eigene Weise zur Wehr setzen. "Die Geschichte der schweigenden Frauen" wird aus unterschiedlichen Perspektiven von einem allwissenden Erzähler geschildert. Protagonistin ist Sabine, die nach dem Freitod ihrer Mutter noch als Schulmädchen aus dem System ausbricht und Zuflucht in der so genannten Panah findet. Die Panah ist eine Art Frauenhaus, in der all diejenigen aufgenommen werden, die nicht nur Gattin und Mutter sein wollen. Wie Prostituierte bieten sie sich reichen Klienten an. Jedoch geht es dabei nicht um Sex, sondern um etwas, das viele Männer sich aktuell nicht mehr erlauben können: Intimität und Zuneigung, ohne Körperlichkeit. Bina Shah erzählt in bildlichen, oft poetischen, aber auch grausam realistischen Worten aus ihrer dystopischen Welt, die sich in gewisser Weise auch auf unsere Gesellschaft übertragen lässt. Was geschieht, wenn Frauen nicht mehr länger Herrin über ihren Körper und ihre Gefühle sein dürfen? Und was wird aus Männern, die in einer solchen Welt aufwachsen? All das sind Fragen, mit denen sich der Roman beschäftigt. Die Charaktere sind durchweg interessant, haben aber auch ihre Ecken und Kanten. Jede und jeder von ihnen hat seine ganz eigenen Geheimnisse und Dämonen. Da ist zum Beispiel Lin, die wie eine Bordellchefin über "ihre" Frauen wacht. Die ihnen strenge Regeln auferlegt, aber auch alles tun würde, um sie zu beschützen. Oder Julian, ein junger Arzt, der sich nicht damit abfinden kann, dass er nur diejenigen retten soll, die das System für wertvoll erachtet. Sie alle wachsen einem im Verlauf der Handlung ans Herz, so dass man sie gerne noch eine Weile weiter begleiten möchte. Für meinen Geschmack hätte der Roman gerne noch 200 Seiten länger sein können; Bina Shah selbst schreibt in ihrem Nachwort, dass "Die Geschichte der schweigenden Frauen" ursprünglich nur ein einziges Kapitel hatte, nämlich das erste. Später dann baute sie diese Episode zu einem ganzen Roman aus. So hat die Handlung auch tatsächlich etwas Episodenhaftes - nicht, dass etwas Konkretes fehlen würde, aber dennoch erlebt der Leser nur einen kleinen Ausschnitt einer dystopischen Welt, die so erschreckend und faszinierend zugleich ist. Fazit: ein besonderer kleiner Roman, der am liebsten nicht enden soll

Die Geschichte der schweigenden Frauen
Die Geschichte der schweigenden Frauenvon Bina ShahGolkonda Verlag