Das Unterkind von Karen Gershon
Käthe wächst in den 1930er Jahren in Bielefeld als Jüdin auf. Mit berührenden Worten berichtet sie von ihrer Kindheit und Jugend, von ihren Eltern und das Verhältnis zur eigenen Identität und der Schuld überlebt zu haben. Sozial ausgegrenzt und aller Perspektiven beraubt, versucht die Familie so gut es geht zu überleben und ihre Töchter auf eine mögliche Emigration vorzubereiten. Beim Titel des Buches musste ich erst schlucken, denn die Autorin bezeichnet sich selbst mehrfach in diesem Buch so. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass sie Jüdin ist und ihre Familie soziale und politische Ausgrenzung erleben muss, sondern auch an dem Verhältnis zu ihren beiden älteren Schwestern. Die Familienbande sind innig und doch von Konflikten geprägt. Anne, die Älteste, wird von Käthe glühend bewundert, während sie Lise, das mittlere Kind, emotional vereinnahmt und sie braucht. Die Sprache des Autobiografischen Romans ist klar und doch schwingen Selbstkritik und Liebe durch die Zeilen. Liebe zum Vater, der nicht immer anwesend war, Liebe zur Mutter, die alles für die Töchter gegeben hat. Käthe selbst ist kein einfaches Kind und keine einfache Jugendliche. Sie grenzt sich selbst oft aus, ist auf der Suche nach ihrer Identität, was sie auch wütend macht, was in Anbetracht der Umstände, dass der Judenhass so öffentlich gelebt wurde, kein Wunder ist. Wie kann man gerne das sein, was andere zu vernichten suchen? Ihre Reaktion ist daher verständlich ambivalent. Sie möchte gerne nicht jüdisch sein, liebt aber auch ihre Religion. Das hat das Buch für mich sehr ergreifend gemacht und ich kann es nur klar jedem empfehlen, der sich mit dem jüdischen Leben in den Jahren des dritten Reichs auseinandersetzen möchte.


