Leseprojekt 2026: 26x Europa - Land 1: Russland Ich schäme mich: ich kannte die Namen Nietzsche, Rilke und Freud. Aber den Namen Andreas-Salomé nicht. Nietzsche und Rilke waren in Lou Andreas-Salomé verliebt. Freud wurde von ihr beeinflusst und übernahm Ideen von ihr in seine Psychoanalyse. Der Roman "Ruth" passt in mein Leseprojekt, weil Lou Andreas-Salomé in St. Petersburg geboren wurde, also im europäischen Teil Russlands. In ihrer Familie wurde russisch, deutsch und französisch gesprochen, so dass sie später problemlos ein Studium in Zürich beginnen konnte (das sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste; aber sie blieb bis zu ihrem Tod eine Schriftstellerin und Intellektuelle). Der Roman "Ruth" ist ein weiblicher Entwicklungsroman, weshalb er damals ein großer Erfolg war. Viele junge Frauen lasen ihn. Das Thema war und ist absolut wichtig: Erik, ein erwachsener Lehrer, nimmt Ruth in seiner Familie auf, um sie zu unterrichten. Von Anfang an schwingt aber sein Liebesinteresse an Ruth im Roman mit - auch wenn Ruth dies nicht genauso schnell und im selben Maße wie die Lesenden erkennt. Erik glaubt, dass auch Ruth sich für ihn interessiert. Für mich war die Lektüre anstrengend, weil so oft ein Unterton des Missbrauchs präsent war: die Schwärmereien des Lehrers für seine Schutzbefohlene und seine körperliche Annäherung an sie - bspw. ihren Kopf in seine Hände nehmen oder sie umarmen - waren schwer auszuhalten. Mit diesem Text hat Lou Andreas-Salomé eigene Erlebnisse aus ihrer Jugend verarbeitet. Ein älterer Mann, zu dem sie aufgesehen und mit dem sie über Bücher und Philosophie gesprochen hat, wollte sie als Geliebte. Ich finde diesen Text auf mehreren Ebenen bedeutsam und bin froh, ihn endlich gelesen zu haben! Hoffentlich haben ihn viele junge Frauen damals als Warnung gelesen.
14. Jan.14. Jan. 2026
Ruthvon Lou Andreas-SaloméWelsch, Ursula
