Schleswig-Holstein Ende Zwanziger - zwischen harter Arbeit, Liebe und Politik
Der Plot
Hannes wohnt mit seinen Eltern auf einem Hof im Niemandsland Schleswig-Holsteins der Zwanziger Jahre. Die Tage sind geprägt von harter Arbeit. Hannes schwankt zwischen Anerkennung und Hass für seinen Vater, der ab und zu gewalttätig gegenüber ihm und den Tieren wird. Er kämpft in der Schule, kämpft um die Liebe und kämpft gegen die Natur.
Meine Meinung
Das Buch hat mich als historisch interessieren Menschen total abgeholt. Eine spannende Zeit auf dem Sprung zur Moderne. In Berlin tobt das Leben, in Schleswig-Holstein kämpft man mit der Kraft der Muskeln ums Überleben.
Die Naturszenen gelingen wunderbar. Man taucht ein in dieser heile Welt Szenario, das für die Bewohner jedoch stets schwere Arbeit bedeutet. Ich habe mich gefühlt als wäre ich dabei.
Daneben ist das Buch in gewisser Weise auch ein coming-of-age Roman. Wir erfahren viel über die Suche nach Anerkennung durch die Eltern, denen man im nächsten Moment das Schlimmste wünscht. Es geht viel um Freundschaft und Liebe. Immer glaubwürdig, nicht gezwungen ist aufgesetzt.
Je weiter das Buch fortschreitet, je erschreckend aktueller wird es. Das Erstarken der Nazis und das Entzweien der Gesellschaft werden Themen, die den Protagonisten immer stärker selbst berühren.
Für mich ein Buch mit Sogwirkung.
Kronsnest. Auf einem kleinen Bauerngut direkt am Deich, an den Elbmarschen, lebt der 15 Jährige Hannes. Nie kann er es seinem Vater recht machen, der immer wieder Gewaltausbrüche hat und wenn der Junge mal etwas gut gemacht hat, schweigt. Die Mutter schaut weg und schweigt ebenfalls, verzieht sich lieber in ihre Welt der Bücher.
Hannes ist ein Träumer. Er schaut den Wolken nach und denkt sich Geschichten aus. Er träumt sich an den Abendbrottisch seines besten Freundes Thies und nimmt an dessen regen Familienleben teil. Hannes schafft es auch in seinen Träumen die leidigen und nervenden Klassenkameraden zu bekämpfen. Doch in der Wirklichkeit ist es dann doch anders und er muss Schlamm fressen oder Prügel einstecken.
Es sind die Jahre zwischen den Weltkriegen. Der Vater war Soldat in Flandern. Was er da wohl erlebt hat? Und dann taucht auch noch ein neuer Lehrer auf. Aus der Nähe von Königsberg, mit dem selben leeren Blick wie der Vater. Doch der ist anders als erwartet. Gibt dem Jungen Bücher.
Und dann ist da noch Mara. Die Tochter von dem ehemaligen Kaufmann Heesen, der sich mit dem Hof seines Bruders herumschlägt. Immer wieder muss Hannes an das Mädchen denken.
Hannes Mutter versucht immer wieder die Wogen zwischen ihren Männern zu schlichten. Aber wie es eben mit Jungen in der Pubertät schon seit Jahrhunderten so ist, sie sind merkwürdig. Einerseits möchten sie noch in die Arme der Mutter flüchten und gleichzeitig ihren Mann stehen!
Der Autor erzählt eine ziemlich unaufgeregte Geschichte. Ohne Schnörkel und unkompliziert begleitet man Hannes in seinen Flegeljahren durch eine Zeit, die damals bestimmt nicht so lustig war. Immerhin kam kaum ein Vater ohne Schaden, sichtbar oder unsichtbar, aus dem ersten Weltkrieg zurück. Auch beginnen gerade die Nazis sich immer mehr auszubreiten, denn auch den Bauern so hoch im Norden, ging es nicht so gut. Die großen Höfe in Ostpreußen bekamen Zuschüsse, während die Kleinen im alten Land knapsen mussten.
Der Roman liest sich so schnell und angenehm, dass es eine wahre Wonne ist. Obwohl die Geschichte an sich eine schwere Zeit beleuchtet. Er stellt keine großen Herausforderungen aber es liest sich einfach sehr angenehm und unterhaltend. Dabei ist Hannes selber ein absolut wortkarger Typ!
Der 15 jährige Hannes ist Sohn eines Landwirts in den 1920ern. Sein komplettes Leben dreht sich um den Vater, der durch seinen unberechenbaren Jähzorn die Familie auf eine harte Probe stellt.
Hannes versucht immer seinem Vater zu gefallen – arbeitet viel und aufmerksam, doch dem Vater scheint nichts recht. Die Mutter kann sich nicht entscheiden auf wessen Seite sie stehen soll und ergreift selten wirklich Partei für Hannes.
Das Leben unter diesen Bedingungen ist hart und Hannes ein total verschlossener Junge der anfangs auch von den Nachbarsjungen gemobbt und geschlagen wird. Sein einziger Freund ist Thies. Thies ist groß und stark und wenn Thies in seiner Nähe ist, wird er in Ruhe gelassen. Die beiden Jungs treffen sich regelmäßig zum angeln oder helfen sich gegenseitig auf den elterlichen Höfen.
Dann gibt es noch Mara, die junge Frau scheint Hannes wie ein Sonnenschein, sie ist mutig und frech und nähert sich ihm an. Sie gewinnt sein Herz im Nu und verändert damit alles in Hannes. Was er nicht weiß, auch sie hat ihr Päckchen zu tragen und nichts ist so wie es scheint.
Ich hatte sehr lange Probleme in die Story zu finden. Der Schreibstil ist eher nüchtern und unaufgeregt. Es wird das Dorfleben beschrieben, die Arbeiten die Hannes verrichtet und wie die Familie so lebt. Hannes ist sehr verschlossen – und so ist auch die Erzählung. Ich konnte keinen Zugang zu ihm bekommen. Er hat sich lange niemandem geöffnet, weil er niemandem vertraut hat und so stand ich lange am Rand der Story und habe aus der Ferne zugesehen.
Durch einen Schicksalschlag im Verlauf der Geschichte wird Hannes plötzlich ganz schnell erwachsen und beginnt den Mitmenschen mehr zu vertrauen. Das tat der Story unglaublich gut! Vorher hatte ich schon so meine Tiefpunkte und habe überlegt ob ich es abbrechen soll, weil nicht wirklich etwas passiert ist und ein Tag wie der andere aussah. Ab dem Moment war ich dann als Leser auch direkt an ihm dran – habe mich in ihn hereinversetzen können und mitgefühlt. Ich lese viele Liebesromane und irgendwie brauche ich das Gefühl, dass ich mich in die Protagonisten hineinversetzen kann.
Die Story – vorallem wie es mit Thies und Mara weitergeht hatte mich dann komplett für sich eingenommen und ich bin froh, dass ich NICHT abgebrochen habe. Der Anfang war etwas schwergängig, aber das Ende hat mich dann wieder überzeugt. Wer eine spannungsgeladene Geschichte sucht, wo extrem viel passiert ist hier falsch, wer mehr über den sensiblen Hannes erfahren möchte – wer quasi mit ihm erwachsen werden will – der ist hier richtig. Eine ruhige Geschichte die auch zwischen den Zeilen zeigt, dass das Leben selten so spielt wie man es haben möchte, die aber auch Mut macht, dass durchhalten sich lohnt.
Ein anderes Leben muss doch möglich sein...
Der junge Hannes lebt in den späten Zwanzigern auf dem elterlichen Hof in der Elbmarsch. Obwohl er sich alle Mühe gibt, die Erwartungen seines aufbrausenden Vaters zu erfüllen, muss er doch allzu oft unter dessen Fäusten und Schikanen leiden. Derweil finden die Nationalsozialisten Anhänger unter den kleinen Bauern, die sich in der Wirtschaftskrise übergangen und benachteiligt fühlen und ums Überleben kämpfen – auch in Hannes Umfeld. Trost findet er in der Natur und bei der jungen Mara, die genauso wenig in die gesellschaftlichen Schablonen zu passen scheint wie er._
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Mit Hannes fieberte und litt ich von Anfang an ganz intensiv mit. Er ist ein guter Junge, fleißig, hilfsbereit und intelligent, leistet neben der Schule wahre Knochenarbeit auf dem elterlichen Hof, denkt dabei mit und ist auch durchaus motiviert. Und dennoch rennt er beim Vater immer wieder nur gegen eine Wand aus Ablehnung und Zorn. Er kann nichts richtig machen, gar nichts – der Vater lauert im Hintergrund, wartet nur auf etwas, wegen dem er die Fäuste sprechen lassen kann. Dabei sehnt sich Hannes nach seiner Anerkennung, nach einem freundlichen Wort._
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Da war ich manchmal hin- und hergerissen: wird der Vater nicht zu einseitig als der Böse in dieser Geschichte dargestellt, ist das glaubhaft? Aber im Laufe der Kapitel gewann ich immer mehr den Eindruck, dass er eigentlich eine sehr tragische Gestalt ist, selber als junger Mann mal so war wie Hannes, aber vom Leben gebrochen wurde. Erst von Hannes Großvater, dessen Gewalttaten er nun am eigenen Sohn wiederholt, dann vom Krieg. Ich hätte weinen und mir die Haare raufen mögen ob dieses Zyklus der Gewalt, der durch die Generationen wütet._
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Ein Kind lässt sich nicht ewig prügeln, bevor es anfängt, den Vater gleichzeitig zu lieben und zu hassen. Du siehst, wie das Hannes ein Stück weit verändert, wie ihm Boshaftigkeit geradezu antrainiert wird, und willst schreien: nein, geh diesen Weg nicht!_
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Später im Buch geschieht ein gewisses Umdenken, aber ob das noch rechtzeitig passiert, ob Hannes den Zyklus durchbrechen kann, möchte ich hier natürlich noch nicht verraten._
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Durch seinen Lehrer Govinski – vielleicht der positivste Einfluss in seinem Leben – entdeckt Hannes die Welt der Literatur und stürzt sich drauf wie ein Ertrinkender auf das Glas Wasser. Er ist sensibel, das spürst du beim Lesen, kann geradezu poetisch mit Worten umgehen; da fragst du dich, was alles aus ihm hätte werden können, in einem anderen Leben._
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Hannes hat nur wenige Menschen, die ihn auffangen können, und auch bei diesen bricht das oft weg. Sein bester Freund Thies gerät auf Abwege in dieser Zeit, in der die Nationalsozialisten ihren fatalen Aufstieg beginnen, so dass Hannes ratlos vor der Frage steht, wie er ihn davon abbringen kann. Seine erste große Liebe Mara ist eigentlich ein positives, lebensfrohes Mädchen, leidet aber immer wieder an lähmenden Depressionen. Alle um ihn herum sind ständig am Rande des Existenzverlusts._
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Irgendwann wurde mir klar, dass die Frauen in Hannes’ Leben alle irgendwie verletzt sind. Da ist seine Mutter, die sich aufreibt zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn. Da ist Mara, die oft einfach nur im Dunkeln liegen und die Welt ausschließen kann. Und da ist Maras Mutter, die ihren herzensguten Mann schon lange nicht mehr erkennt._
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Ich glaube nicht, dass diese Häufung von psychischen Problemen unrealistisch ist in einer Zeit, in der das Leben hart ist für alle, die Frauen aber doppelt belastet werden._
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Der Schreibstil fängt das auszehrende, schlichte Leben der Bauern wunderbar ein, ohne idyllische Verklärung. Florian Knöppler ist keiner, der alles bis ins kleinste Fitzelchen zu Tode erklärt, so bleibt noch genug Raum, um den Dingen beim Lesen selber nachzuspüren. Aber er lässt die Leser:innen auch nicht in der Luft hängen – für mich ist die Balance zwischen ‘zu viel’ oder ‘zu wenig’ erklären gut gelungen._
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Über Gefühle wird in dieser Zeit und den Kreisen, in denen Hannes sich bewegt, kaum gesprochen. Daher müssen Leser:innen genau auf das Verhalten und die unausgesprochenen Signale schauen, aber das wird meines Erachtens gut und stimmig beschrieben. Ich finde die Charaktere sehr gelungen, auch wenn du ihre Stärken, Abgründe und Kontouren selber ergründen musst – oder vielleicht gerade deswegen._
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In der Leserunde, in deren Rahmen ich das Buch las, kam die Frage auf, wie originell der Roman ist. Meine Antwort darauf: Es ist eine Geschichte, die sehr grundlegende Beziehungen im Leben eines jungen Mannes in den Fokus stellt. Zum Vater, zur Mutter, zu sich selbst, zur ersten Liebe. Vor allem zu sich selbst. Ich weiß nicht, ob das wirklich origineller sein kann oder sein muss. Mich hat das Buch genau so, wie es ist, sehr berührt._
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Kurzfazit_
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Hannes ist ein Protagonist, der mich von der ersten Seite an fesselte; ich litt und hoffte unsäglich mit ihm mit. Die anderen Charaktere finde ich ebenfalls sehr gut geschrieben – auch wenn du oft zwischen den Zeilen lesen musst, um ihre Ansichten und Gefühle zu ergründen. Aber das ist stimmig, denn das Leben auf dem Land ist hart in dieser Zeit, da tragen die meisten Menschen das Herz nicht auf der Zunge._
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Der Roman zeigt sowohl, wie Gewalt eine Familie über Generationen vergiften kann, als auch, wie sehr das Leben der Bauern dieser Zeit geprägt war von Armut und erschöpfender Arbeit. Und wie anfällig das einige von ihnen machte für gewisse politische Ansichten… Florian Knöpplers Schreibstil schildert dieses Leben eindringlich und authentisch, ohne es zu verklären._
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Für mich ist das Buch ein echtes Highlight – wenn auch oft ein schmerzhaftes._
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Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/florian-knoeppler-kronsnest/