14. Dez.
"Denn das ist das schlimmste bei dieser Angst - sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" (S.241)
Bewertung:4

"Denn das ist das schlimmste bei dieser Angst - sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" (S.241)

Normalerweise finde ich das redundant, aber weil sie für diesen halb vergessenen Roman schwer zu finden ist, beginne ich mit einer kurzen Inhaltsangabe: Der Roman folgt Edvard Kellem und Ole Tuft in drei Teilen durch Kindheit, Jugend und "Mannesalter". Beide sind Halbwaisen, Edvard wächst wohlhabend bei seinem brutalen Vater auf, Ole muss für eine bessere Bildung den mütterlichen Bauernhof verlassen. Als tief mitfühlendes Kind pflegt Ole die Kranken und hegt den Wunsch, Missionar zu werden, als aufgeklärte Edvard das herausfindet, wird Ole dafür von den Schulkameraden gemobbt und verprügelt. Nur Dank dem Eingreifen von Edvards Schwester Josefine, schon damals mit Ole zusammen, versöhnen sich die beiden. In der Studentenzeit verloben sich Ole Tuft und Josefine, für sie gibt er den Traum auf, Missionar zu werden, wie automatisch wird aus dem Wunsch nach einem bequemeren Leben das Streben nach Aufstieg und Macht in der Kirche. Edvard Kellem verliebt sich als Medizinstudent in seine junge Zimmerwirtin Ragni Kule, die den syphiliskranken Witwer ihrer Schwester geheiratet hat, um sich um die kleinen Kinder zu kümmern. Kellem verhilft ihr schließlich zur Flucht nach Amerika. Als sie nach sechs Jahren schließlich in das gleiche Dorf ziehen, wo Tuft die Pfarrstelle inne hat, könnte der Zeitpunkt nicht ungünstiger sein: Gerade hat Tuft öffentlich gegen Betrug in der Ehe geschrieben, für ihn und Josefine ist der Umgang mit Ragni zu schmachvoll. Sie verweigern ihn, ohne es selbst recht zu merken schließen sie Ragni damit aus der Gemeinschaft aus und machen sie zum leichten Opfer von Gerüchten. Alles will ich jetzt noch nicht verraten, aber es werden nicht alle vier dieses Spannungsverhältnis überleben und sie kommen nahe daran, allesamt an ihrem Dogmatismus zu Grunde zu gehen. Am Ende ist es trotzdem ein versöhnliches Buch, dass die Liebe zum Leben und zu den Menschen über das starre festhalten an Glaubensätzen stellt. Ich weiß gar nicht, warum es so wenig gelesen wird, denn die feine psychologische Charakterisierung der Figuren ist herausragend. Die vier Hauptcharaktere sind vollkommen glaubwürdig, mit tiefen Fehlern und trotzdem liebenswert und so nachvollziehbar und nahbar sie selten bei Literatur aus dem 19. Jahrhundert. Mein Druck aus der Sammlung Hoffenberg ist für ein Print-On-Demand-Produkt ordentlich, die Schrift klar und gut lesbar und mir sind keine Rechtschreib- oder Satzfehler aufgefallen.

Auf Gottes Wegen
Auf Gottes Wegenvon Bjørnstjerne BjørnsonHenricus - Edition Deutsche Klassik GmbH, Berlin
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