17. Mai
Bewertung:4

Das Trauma

Den Hauch des Todes habe ich in den 90er Jahren in Kroatien tatsächlich auch ab und zu einatmen müssen. Meine Aufenthalte dort beschränkten sich damals zwar in der Regel auf Friedenszeiten darauf, ich habe aber eine Bombardierung miterleben müssen. Was noch Jahre später allgegenwärtig war und ist, sind die Zerstörungen, die Einschusslöcher die niedergebrannten Häuser und die abgeriegelten Minenfelder. Und die Traumatisierung einer ganzen Generation Iris kehrt mit ihrer Mutter aus Zagreb in das Grenzdorf zwischen Kroatien und Bosnien zurück. Lenkas Mutter wurde ermordet, der Vater lebt alleine und nimmt die Familie bei sich auf. Iris und ihr Bruder Relja sind einem Leben ausgeliefert mit dem sie unterschiedlich umgehen. Während der Bruder seine Wut an Mensch und Tier auslässt und gleichzeitig seiner Schwester nicht ganz uneigennützige Fürsorge zukommen lässt, konzentriert sich Iris darauf ein kleines Porzellanreh zu beschützen. Später kommt Nino dazu, der Nachbarsjunge und die drei bilden eine Gemeinschaft, die zwischen verlassenen Häusern und grausamen Geschichten aufwachsen. Eine merkwürdige Art der Zuneigung und Leidenschaft vereint sie zu einem Dreieck, das nicht gesund wirkt. Als die beiden Jungs später Iris verlassen, muss sie sich alleine den kriegerischen Dämonen der Vergangenheit stellen. Haler geht in ihrem Text nicht gerade zimperlich mit dem Thema um. Wenn wir uns in Sicherheit wähnen, erfahren wir überfallartig Dinge, die wir lieber nicht gelesen hätten. Das fordert uns eine große Aufmerksamkeit und Selbstfürsorge ab. Ich hab ein ums andere Mal überlegt das Buch zur Seite zu legen, weil mir die Grausamkeit zu viel wurde, die hier ganz nebenbei eingeschoben sind. Die anspruchsvolle, lyrische Sprache bietet einen starken Kontrapunkt zum Inhalt. Der Sound äußert sich auch in eingefügten Versen, sogar bildlich in Absatzfolgen, die nicht sein müssten, oder ganzseitigen gedichtähnlichen Wortfolgen. Auch weiß man manchmal nicht, was der Realität entspricht und welche Szenen sich Iris herbei fantasiert. (Alb-)traumhafte Ereignisse wechseln sich schnell mit Alltagsleben ab. Dieser Text war ein ganzes Stück Arbeit - ernten konnte ich einen Roman, der es in sich hat und der mir immer noch ein mulmiges Gefühl bereitet. Wenn ihr zu den Anspruchsvollen gehört, die die Auseinandersetzung mit stilistisch besonderen Romanen suchen, dann sei euch dieses Buch auf jeden Fall empfohlen.

Die Schuldlosen
Die Schuldlosenvon Ena Katarina HalerFolio
4. Mai
Bewertung:4

Hart und Schmerzvoll

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich es vom Schreibstil ziemlich verwirrend fand. Genau das hat aber viel ausdrücken können. Man findet sich wieder zwischen schmerzenden und unklaren Erinnerungen, so undeutlich, wie Erinnerungen oft sein können.

Die Schuldlosen
Die Schuldlosenvon Ena Katarina HalerFolio